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Chapter 4 Revised 1,597 Words

Marius, der zurückkam — Marius erscheint — er ist der einzige Gast, der Lena noch lebend seen hat, und er warnt sie.

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Kapitel 4, Szene 1: Marius

Der Korridor war zu lang. Lena hatte das nicht bemerkt, als sie das erste Mal hier war – oder vielleicht hatte sie es, und ihr Gehirn hatte es einfach weggeschlossen, wie man eine Tür zum Geisteskrankenhaus in sich zumacht, wenn man nicht wissen will, was dahinter ist. Jetzt, wo sie allein war, merkte sie: Es gab keine Enden. Die Wände wiederholten sich, die Türrahmen waren identisch, nur die Farben wechselten – mal tiefes Blau, dann ein Grün, das wie verfaulte Haut glänzte, dann wieder das beständige Grau, das sie nicht benennen konnte. Und die Türen. Jede einzelne Tür war leicht angelehnt, als würde sie nur darauf warten, dass jemand sie ganz aufstieß. Aber als Lena näher trat, schloss sie sich, langsam, ohne Wind, ohne Grund.

Sie hatte sich verlaufen. Nicht im Hotel – das war unmöglich, das Hotel hatte keine Gänge, die sich verzweigten. Aber sie hatte sich im Kopf verloren, und das war schlimmer.

Da hörte sie die Stimme.

Nicht die der Gastin. Nicht die, die in ihrem Kopf geflüstert hatte, während sie das Blatt berührt hatte. Sondern eine Stimme, die klang, als würde jemand über Sandpapier sprechen. Langsam. Mit Pausen, die zu lange waren.

„Sie sollten sich nicht so nah an die Wände stellen, Fräulein.“

Lena erstarrte. Die Stimme kam von rechts. Ein Mann stand da, etwa vierzig, aber seine Haut war so faltig, dass man nicht mehr sagen konnte, wie alt er wirklich war. Er trug einen braunen Anzug, der aussah, als hätte er ihn seit den fünfziger Jahren nicht mehr gewaschen. Sein Haar war kurz, weiß, und stand in alle Richtungen ab, als hätte jemand ihn mit den Fingern gestylt. Seine Augen – da war etwas in seinen Augen, das Lena nicht benennen konnte. Nicht Angst. Nicht Wahnsinn. Etwas, das tiefer ging.

„Wer sind Sie?“, fragte Lena. Ihre Stimme kam heraus, heiser, aber vorhanden. Das war ein Fortschritt.

„Ich bin Marius“, sagte er. „Ich war schon hier. Mehrmals.“

„Und Sie wollen gehen.“

„Ja.“

„Warum kommen Sie nicht mit?“

„Weil Sie noch nicht bereit sind.“

Lena wollte widersprechen, aber die Worte blieben stecken. Sie hatte es getan. Sie hatte die Gastin gerufen. Sie hatte das Hotel gerufen. Und jetzt war sie hier. Was hatte Marius, das sie nicht hatte?

„Sie haben das Manuskript“, sagte Marius plötzlich.

Lena zuckte zusammen. „Woher wissen Sie das?“

„Weil ich es gesehen habe. In Ihrer Hand. Als ich Sie das erste Mal hierher gebracht habe.“

„Das erste Mal?“

Marius seufzte. „Es ist ein langer Weg, Fräulein. Aber ich werde es Ihnen erklären. Kommen Sie. Wir gehen ein Stück.“

Er drehte sich um und ging den Korridor entlang. Lena folgte ihm, widerwillig, aber mit einem Funken Hoffnung. Vielleicht war Marius die Lösung. Vielleicht war er der Schlüssel.


Kapitel 4, Szene 2: Das Büro der Wirtin

Marius führte Lena durch eine Tür, die sich ohne sein Zutun öffnete – ein leises klick wie ein Schloss, das sich selbst entriegelt. Dahinter lag ein Büro, das nach altem Parfüm und Schimmel roch, als hätte der Raum seit Jahrzehnten auf dieselbe Weise geatmet. Ein Schreibtisch aus dunklem Holz, darauf ein Buch mit blattlosen Seiten, als hätte man die Worte direkt in die Papierschicht geritzt. Die Wirtin saß dahinter, die Hände gefaltet, als wäre sie auf eine Frage vorbereitet, die niemand stellen würde.

„Ah“, sagte die Wirtin. „Sie haben meinen Gast mitgebracht.“

Marius blieb stehen. „Ich dachte, es wäre besser, wenn sie hört, was Sie zu sagen haben.“

„Besser für wen?“

„Für Lena.“

Die Wirtin lächelte. Es war kein freundliches Lächeln. „Lena ist nicht bereit für die Wahrheit.“

„Sie wird es sein.“

„Das sagen alle.“ Die Wirtin stand auf. Ihr Kleid war weiß, fast durchscheinend, und als sie sich bewegte, glänzte es wie nasser Seidenpapier. „Setzen Sie sich. Beide.“

Lena gehorchte, ohne nachzudenken. Sie setzte sich auf einen Stuhl, der sich unter ihr anpasste, als wäre er aus Fleisch. Marius blieb stehen, die Hände in den Taschen seines Anzugs.

„Sie wissen, warum Sie hier sind“, sagte die Wirtin.

„Nein“, sagte Lena.

„Doch.“ Die Wirtin trat näher, ihre Schritte machten keinen Laut. „Sie haben das Blatt berührt. Das Manuskript hat Sie berufen. Und Sie sind gekommen.“

„Das ist nicht wahr.“

„Ist es nicht?“ Die Wirtin strich mit einer Hand über Lenas Haar. Es war kalt. „Sie sind die Gastin, die ich nicht kannte. Diejenige, die sich im Spiegel ansieht und sich fragt, warum sie noch hier ist.“

Lena wollte aufstehen, aber ihre Beine gehorchten nicht. Sie blieb sitzen, erstarrt.

„Marius“, sagte die Wirtin. „Erzählen Sie ihr von der ersten Nacht.“

Marius zögerte. Dann begann er zu sprechen.

„Als ich hierher kam, war ich ein anderer Mann. Ich hatte ein Manuskript in der Hand, genau wie Sie. Ich dachte, es wäre nur ein Buch. Ein altes, vergilbtes Ding. Aber als ich es aufschlug, war da diese Zeile. ‚Wenn du dieses Wort liest, bin ich schon tot.‘

Ich bin hierher gekommen. Genau wie Sie. Und ich dachte, ich könnte gehen. Ich dachte, ich könnte es verbrennen. Aber das Papier hat sich nicht angezündet. Es hat sich nur... verändert. Es hat sich selbst geschrieben. Buchstaben, die nicht von meiner Hand kamen. Sie kamen von anderswo.“

Die Wirtin nickte. „Genau.“

„Und dann“, sagte Marius, „ist die Gastin gekommen.“

Lena spürte, wie ihr Atem stockte. „Die Gastin.“

„Sie wissen, von wem ich spreche.“

„Nein.“

„Doch.“ Marius’ Stimme wurde leiser. „Sie ist diejenige, die das Manuskript schreibt. Diejenige, die Sie im Spiegel gesehen haben. Sie ist die Wirtin. Und sie ist diejenige, die Sie gerufen hat.“

Lena wollte schreien. Aber ihre Kehle war wie zugeschnürt. Sie konnte nicht atmen. Sie konnte nicht denken.

„Sie verstehen noch nicht“, sagte die Wirtin sanft. „Aber das wird sich ändern. In einigen Stunden werden Sie sehen, was hier wirklich ist. Sie werden sehen, dass Sie nie allein waren. Dass Sie immer hier waren.“

Lena spürte, wie etwas in ihr brach. Etwas, das sie nicht reparieren konnte. Etwas, das sie nie hatte.

„Warum“, flüsterte sie. „Warum tue ich das?“

Die Wirtin beugte sich vor. Ihr Atem war kalt auf Lenas Haut. „Weil Sie müssen, Lena. Weil Sie es sind.“

Und dann, ohne Vorwarnung, schloss sich die Tür hinter ihnen.


Kapitel 4, Szene 3: Das Zimmer

Lena wachte auf, und das Zimmer war anders. Nicht leerer, sondern voller — als hätte sich der Raum selbst aufgerichtet, um sie zu betrachten. Die Decke war jetzt ein Gewölbe aus grauen, überlappenden Blättern, die sich wie Schuppen legten. Das Fenster zeigte keine Stadt mehr. Es zeigte Wasser. Endloses, stilles Wasser, das sich nicht bewegte, obwohl es Wasser sein sollte. Die Glasfläche war so klar, dass sie sich selbst darin sah, zweimal — einmal die Lena, die sie war, und daneben eine andere, die sie nicht kannte. Die zweite Lena hatte die Augen offen, aber sie sah nichts. Ihre Pupillen waren blackout, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Lena versuchte zu schreien, aber ihr Mund war voller Blätter. Sie spuckte sie aus, eine nach der anderen, jede mit einem winzigen, blutähnlichen Kern. Als die letzte heraus war, lag auf ihrer Zunge ein Geschmack, der nicht zu ihrem Körper gehörte. Metall. Nicht Eisen. Etwas Altes. Sie leckte ihn weg, und im selben Moment klopfte es an der Tür. Einmal. Nicht laut. Aber es kam von innen. Nicht vom Holz, sondern aus dem Raum zwischen Tür und Rahmen, wo die Luft stand. Lena blieb regungslos. Die Tür öffnete sich langsam, ohne dass jemand sie berührte. Dahinter stand die Gastin. Ihr Kleid war heute nicht blau, sondern durchsichtig, wie das Wasser im Fenster, und als sie sprach, hinterließ sie keine Stimme, sondern eine leichte Vibration auf Lenas Haut, als würde jemand mit einem Finger über ihre Rippen streichen.

„Du hast mich wieder gerufen.“

Lena wollte fragen, warum. Aber sie wusste es bereits. Die Gastin setzte sich auf die Bettkante und strich mit den Fingern über Lenas Haar. Es war nicht kalt. Es war warm, als würde etwas in ihr schmelzen, das nicht schmelzen sollte.

„Erinnerst du dich an das erste Mal?“

Lena schüttelte den Kopf. Die Gastin lächelte.

„Das tust du.“

Dann showte sie auf Lenas Brust. Nicht auf dem Kleid. Unter dem Stoff. Direkt auf der Haut. Als Lena hinblickte, war da eine Stelle, die sich nicht bewegte, wenn sie atmete. Ein Punkt, so klein wie ein Stecknadelkopf, der jedoch glänzte, als würde er mit etwas gefüllt sein, das nicht da sein durfte. Die Gastin neigte sich vor und flüsterte, ohne die Lippen zu bewegen:

„Du hast mich hierhergebracht, Lena. Und ich bin geblieben, weil du es wanted.“

Lena wollte antworten. Sie wollte schreien. Aber ihr Mund gehorchte nicht. Stattdessen öffnete sich die Tür hinter der Gastin — ohne dass sie sich bewegte — und die Wirtin trat ein. Sie trug heute kein weißes Hemd. Sie trug nichts. Ihr Körper war eine einzige, glatte Fläche, die wie poliertes Holz glänzte, und als sie sprach, kam ihre Stimme nicht aus ihrem Mund, sondern aus der Decke, den Wänden, dem Boden — überall, nur nicht aus ihr.

„Sie sehen es jetzt.“

Die Wirtin showte auf Lenas Brust, auf den Punkt, der nicht atmen konnte.

„Das ist das Tor.“

Lena spürte, wie etwas in ihr nach oben kroch. Langsam. Unerbittlich. Wie eine Wurzel, die sich durch Fleisch fraß. Die Gastin stand auf und trat einen Schritt zurück.

„Bald wirst du verstehen, dass du nie allein warst.“

Dann verließ sie das Zimmer. Die Tür schloss sich von selbst. Die Wirtin blieb. Sie hob eine Hand, und das Licht im Zimmer erlosch. Nicht ganz. Nur an einer Stelle — direkt über Lenas Brust, wo der Punkt glänzte. Und dann begann das Knacken.

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