Die Spur des Kartografen — Elara und Lysara folgen der Spur des Kartografen und erfahren mehr über seine Natur.
Die Ruinen der Insel atmen. Nicht wie Holz, das sich dehnt, sondern wie ein Körper, der sich gegen seinen Willen regt — Staub wirbelt in spiralförmigen Pfaden, als würde er von unsichtbaren Armen hochgehoben, und die Wände, die eigentlich aus Stein sein sollten, sind übersät mit feinen Rissen, die sich öffnen und schließen wie Mundspalten.
Elara geht voran, ihre Stiefel hinterlassen keine Spuren. Lysara folgt in Schweigen, ihre Schritte sind lautlos, als würde sie sich durch die Luft bewegen. Sie hat sich nicht mehr gemeldet, seit sie die Ruinen betreten haben — ein Umstand, der Elara mehr beunruhigt als alles andere. Normalerweise füllt Lysaras Stimme jeden Raum, selbst wenn sie nur eine Frage stellt. Jetzt ist es, als würde sie Elara beobachten, abwarten.
Die Spur des Kartografen ist nicht schwer zu finden. Sie liegt auf dem Boden, in Form von feuchten, bläulichen Flecken, die sich wie Tinte in Wasser auflösen, wenn man zu nah herankommt. Elara bleibt stehen und biegt sich nach unten, ihr Stumpf zuckt, als würde er die Feuchtigkeit spüren, bevor sie ihn berührt. Sie streckt die Hand aus — nicht ihre rechte, sondern die linke, die sich noch nicht an die Abwesenheit gewöhnt hat — und lässt ihre Fingerspitzen über die Flecken gleiten.
Kalt.
Nicht wie Wasser, nicht wie Metall. Kalt, aber nicht unangenehm. Fast... vertraut.
Lysara schwebt näher, ihr wellenförmiges Gesicht ist im Halbdunkel kaum zu erkennen. „Er war hier“, sagt sie. Es ist keine Frage. Es ist eine Feststellung, die kein further comment erfordert. Elara nickt, ohne aufzublicken. „Und er hat etwas hinterlassen.“
Ein Geräusch. Ein Kratzen, das nicht von der Insel kommt. Es ist zu nah, zu präzise, um zufällig zu sein. Elara richtet sich auf, ihre Hände ballen sich instinktiv. Lysara ist sofort da, ihre Präsenz drängt sich zwischen Elara und den Ursprung des Geräuschs. „Da.“
Elara hört es jetzt. Ein Schlurfen, als würde etwas durch feuchten Sand ziehen. Sie schaut sich um, ihre Augen scannen die Ruinen, die plötzlich nicht mehr wie Ruinen aussehen. Die Wände sind nicht mehr Stein. Sie sind... lebendig. Sie pulsieren in einem langsamen, unregelmäßigen Rhythmus, als würden sie atmen.
Und dann sieht sie es.
Eine Figur, am Rand des Sichtfelds, zwischen den sich bewegenden Wänden. Sie ist nicht ganz sichtbar, als würde sie sich in die Realität einschleichen, Stück für Stück. Ihr Umriss ist vage, aber die Bewegung ist unverkennbar — sie folgt ihnen, Schritt für Schritt, als würde sie sich an sie heranschleichen, bevor sie zuschlägt.
Elara greift nach Lysaras Hand, ohne nachzudenken. „Lauf.“
Lysara zögert nur einen Moment. Dann zuckt sie mit den Schultern — und plötzlich sind sie beide in Bewegung, zwischen den sich verschiebenden Wänden, die sich wie Finger nach ihnen ausstrecken. Die Insel scheint zu wissen, wo sie sind. Sie reagiert auf ihre Präsenz, als wäre sie ein Organismus, der jeden Schritt registert.
Elara spürt es in ihrem Stumpf. Ein Stechen, das sich wie eine Warnung anfühlt. Die Tinte, die sie hinterlassen hat, hat die Insel markiert. Sie ist nicht nur ein Ort. Sie ist ein Netzwerk, und sie haben gerade einen Knoten betreten, der sich jetzt um sie zusammenzieht.
Hinter ihnen hört sie das Schlurfen. Es wird lauter. Näher.
Lysara dreht sich nicht um. Sie weiß es. Sie weiß, dass sie nicht entkommen können, nicht wirklich. Aber sie rennt trotzdem. Weil es das Einzige ist, was sie jetzt noch tun können.
Und Elara rennt mit ihr.
Die Wände schließen sich. Irgendwo, tief in den Ruinen, beginnt etwas zu flüstern.
Du bist hier.
Die Luft zwischen ihnen ist dick, als sie in einem zerklüfteten Raum stehen, dessen Wände wie Rippen atmen. Lysaras Hand löst sich aus Elaras Griff, doch sie bleibt nah, zu nah für Unbefangenheit. Die blauen Flecken auf dem Boden sind jetzt überall, als hätte die Insel sie mit einem einzigen Atemzug ausbreitet. Elara drückt ihre Stumpfhand gegen eine Wand – das Material gibt nach wie nasser Ton, klebt an ihren Fingern. Lysaras Stimme kommt von oben, wo sie an einer schiefen Kante sitzt, die sich wie ein Mund öffnet.
„Du spürst es, oder?“
Elara nickt. Ihr Stumpf zuckt, ein Rhythmus, der nicht ihr gehört. Die Wand unter ihren Fingern pulsiert im Takt, als würde sie ihr etwas sagen wollen. Sie reißt die Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt.
„Er ist nicht nur hier. Er ist in dir.“
Lysara sagt es, als wäre es ein Rätsel, das Elara selbst lösen muss. Elara beißt sich auf die Lippe, schmeckt Salz. Sie weiß, dass es wahr ist. Die Stimme, die aus ihrem Stumpf kam, die Art, wie die Insel auf sie reagiert — als würde sie jeden Schritt in sich aufnehmen, analysieren, bewerten.
„Und du willst mir sagen, ich soll ihm folgen?“
Lysara zuckt mit den Schultern, aber ihre Bewegung ist nicht unbeschwert. Die Kanten ihres wellenförmigen Gesichts verzerren sich, als würde sie lächeln, ohne dass es ein Lächeln ist.
„Oder du wartest, bis er dich holt. Das wäre einfacher.“
Elara starrt sie an. Die Frage ist nicht, ob Lysara die Wahrheit kennt. Die Frage ist, ob sie auf Elaras Seite ist. Lysaras Augen — wenn man es Augen nennen kann — glühen blassblau, wie Tinte, die im Dunkeln leuchtet.
„Du hast die Karte verlassen. Das macht dich zur Beute.“
„Ich war nie deine Beute.“
Lysaras Lächeln wird breiter, wenn das überhaupt möglich ist. Sie gleitet von der Kante, landet lautlos neben Elara, so nah, dass Elara den metallischen Geschmack nach verbranntem Karton in ihrem Mund spürt.
„Du lügst dir selbst an, Lysara.“
Elara sagt es leise, aber es ist kein Frage. Lysaras Körper zuckt — ein Zucken, das wie ein Lachen aussieht, wenn man es sich erzwingen muss. Sie hebt eine Hand, und für einen Moment sieht Elara etwas, das wie ein Gesicht unter der Wellung ist. Ein Augenpaar. Ein Mund. Aber es ist nur für einen Moment, dann ist es wieder weg, als hätte Elara Halluzinationen.
„Weißt du, was ich an dir mag, Elara?“
Elara schüttelt den Kopf. Sie will es nicht wissen.
„Dass du denkst, du hast die Wahl.“
Die Wände um sie herum zucken. Irgendwo, tief in den Ruinen, knackt es wie ein Knochen, der bricht. Lysara dreht den Kopf, als würde sie auf etwas lauschen, das Elara nicht hören kann. Dann flüstert sie:
„Er ist schon hier.“
Elara spürt es sofort. Ein Kribbeln, das sich von ihrem Stumpf ausbreitet, als würde etwas in ihr wachsen, sich ausdehnen, sich an ihr festkrallen. Sie wirbelt herum, aber da ist nichts. Nur die Wände, die atmen, und der Geruch nach verbranntem Metall und fauligen Kirschen, der plötzlich stärker wird.
Lysara steht da, regungslos, als wäre sie eine Statue. Dann sagt sie:
„Lauf.“
Elara rennt, bevor sie überlegen kann. Die Wände verschließen sich hinter ihr, als würden sie sich zusammenziehen, sie einengen, sie zwingen, weiterzulaufen. Ihr Stumpf brennt, aber sie rennt trotzdem. Sie rennt, bis ihre Lunge brennt, bis ihre Beine zittert, bis sie nicht mehr weiß, ob sie flieht oder etwas sucht, das sie nicht benennen kann.
Und Lysara rennt hinter ihr her, immer einen Schritt entfernt, als würde sie abwarten, bis Elara aufhört, bis Elara versteht, was sie nie wirklich wollte.
Du bist hier.
Die Stimme kommt von überall und nirgends. Elara schließt die Augen, und für einen Moment sieht sie sie. Die Karte. Nicht als Abbildung, nicht als Werkzeug — als etwas Lebendiges, das sie in ihren eigenen Adern pulsieren spürt.
Und sie weiß: Lysara hat recht. Sie hat nie eine Wahl gehabt.