Die Insel, die nicht auf der Karte steht — Elara erreicht die schwebende Insel und entdeckt, dass sie nicht auf ihrer Karte steht.
Die Insel war nicht auf der Karte. Das war das Erste, was Elara dachte, als sie den ersten Treppenstein betrat. Der Stumpf pulsierte nicht – er war kühl. Zu kühl. Die Luft roch nach verbranntem Metall und etwas Süßlichem, wie faulige Kirschen. Kael stand hinter ihr, regungslos.
„Die Gassen schließen sich hinter dir“, sagte er. „Der Weg zurück ist der, den du gehst.“
Elara ging trotzdem.
Die Treppe stieg in Spirale, aber sie führte nicht nach oben. Nach links. Dann nach rechts. Die Wände waren aus einem Material, das wie erstarrtes Licht aussah, durchzogen von feinen Rissen, die wie Blutadern funkelten. Ihre Schritte hinterließen keine Spuren. Der Staub unter ihren Füßen war nicht Staub – er war lebendig, formte sich sofort wieder, sobald sie darauf trat.
Irgendwann blieb sie stehen. Vor ihr gabelte sich der Weg. Links: eine Gasse, zu dunkel, um sie zu sehen. Rechts: eine, zu hell, um sie zu betreten. Sie wählte links.
Die Dunkelheit fraß das Licht, sobald sie eintrat. Ihre Hände (die linke, die sie noch hatte) suchten nach etwas, das nicht da war. Kael blieb an der Verzweigung stehen.
„Du gehst allein“, sagte er. „Das ist das Gesetz der Insel. Sie lässt dich wählen. Und sie wählt dich.“
Elara hörte nicht hin. Sie ging weiter, tiefer, bis die Gasse so eng wurde, dass sie sich ducken musste. Die Wände schlossen sich – nicht langsam, nicht schnell, sondern mit der Geduld von etwas, das Zeit nicht braucht. Irgendwann blieb sie stehen. Vor ihr stand ein Tor, das nicht auf der Karte war. Es war aus Holz, schwarz, und in die Oberfläche waren Worte eingeritzt, die sie nicht lesen konnte. Als sie die Hand ausstreckte, begann der Stumpf zu pochen. Nicht wie ein Herz. Wie etwas, das klopft, um hereingelassen zu werden.
„Lysara“, flüsterte eine Stimme.
Elara fuhr herum. Niemand war da. Aber die Worte auf dem Tor leuchteten plötzlich auf, als würden sie von innen beleuchtet. Lysara. Du bist hier.
Sie spürte, wie etwas in ihr zog – nicht mit Gewalt, sondern mit der sanften, unerbittlichen Logik von Flüssigkeit, die in ein Gefäß strömt. Ihr Stumpf pulsierte jetzt im Takt ihres Atems. Sie trat durch das Tor.
Sobald sie es passiert hatte, verschwand es. Die Gasse dahinter war leer, als hätte es sie nie gegeben. Die Luft roch plötzlich nach verbranntem Zucker und Metall. Und dann hörte sie es – ein Summen, tief und gleichmäßig, wie das Brummen eines Motors, der seit Jahrhunderten lief. Es kam von überall und nirgends.
„Lysara“, wiederholte die Stimme. „Du bist hier.“
Elara wusste nicht, ob sie antworten sollte. Sie wusste nicht einmal, ob sie noch atmen konnte. Aber sie wusste, dass sie nicht zurückgehen würde. Die Insel hatte sie gewählt. Und sie hatte sich entschieden, zu bleiben.
Die Treppe führte nicht weiter. Elara blieb stehen, die linke Hand gegen die Wand gepresst, als könnte sie sich dort verankern. Der Puls am Stumpf war jetzt gleichmäßig, als würde etwas in ihr schlagen, das nicht sie war. Lysara, flüsterte die Stimme wieder. Diesmal klang es nicht wie ein Ruf, sondern wie eine Warnung.
„Sie lügt“, sagte Kael plötzlich. Seine Stimme war laut in der engen Gasse, zu laut. „Alles hier lügt.“
Elara drehte sich nicht um. „Wer?“
„Die Insel. Die Karte. Selbst die Stimme.“ Seine Schritte klangen hallend, als würde er sich von ihr entfernen. „Sie will, dass du bleibst. Weil sie braucht, was du lost. Deine Hand.“
Der Stumpf zuckte. Elara presste die Finger fester gegen die Wand. Das Material unter ihrer Hand war warm, fast feucht. Als sie die Hand zurückzog, blieb ein Abdruck, der sofort wieder verschwamm.
„Kael“, sagte sie. „Bist du noch hier?“
Keine Antwort. Nur das Summen, das jetzt lauter wurde, als würde es sich um sie winden.
Sie trat vor, ohne zu wissen, warum. Die Gasse neigte sich nach unten, nicht steil, aber unaufhaltsam, wie ein Traum, der sich in einen Albtraum verwandelt. Die Wände wurden glatter, die Risse darin größer, als würden sie sich öffnen. Plötzlich stand sie vor einer Tür. Kein Tor mehr. Eine Tür. Holz, schwarz, mit einer Metallklinke, die wie ein Auge aussah.
Sie berührte sie. Die Klinke kühlte ihre Haut sofort ab, als würde sie ihr Hitze entziehen. Das Summen wurde zu einem Wort. Herein.
Elara zögerte. Dann drehte sie die Klinke.
Die Tür öffnete sich geräuschlos. Dahinter lag kein Raum. Nur ein Licht, das so hell war, dass es schmerzte, wenn man es direkt ansah. Und in diesem Licht stand eine Frau. Sie hatte kein Gesicht – nur eine glatte, weiße Fläche, in der sich etwas bewegte, wie Wellen unter der Oberfläche. Ihre Kleidung bestand aus demselben Material wie die Wände: glatt, kühl, lebendig.
„Lysara“, sagte Elara.
Die Frau hob eine Hand. Sie hatte keine Finger, nur eine lange, glatte Linie, die sich wie eine Klinge krümmte. „Du bist hier“, sagte sie. „Endlich.“
Elara wollte fragen, was sie wollte. Aber die Worte blieben ihr im Hals stecken, weil sie plötzlich wusste, dass sie es nicht wissen wollte. Nicht wirklich.
Lysara trat näher. Das Licht hinter ihr pulsierte im Takt ihres Schrittes. „Die Karte braucht eine Hand“, sagte sie. „Deine. Die andere. Die du nicht hast.“
Elara spürte, wie etwas in ihr riss. Nicht Schmerz. Etwas Schlimmeres. Etwas, das sich anfühlte wie Verrat.
„Du lügst“, sagte sie. „Du lügst alle.“
Lysara lächelte. Oder versuchte es. Es war schwer zu sagen, ob sie wirklich lächelte oder nur die Wellen auf ihrer weißen Haut bewegte. „Ich sage dir die Wahrheit“, sagte sie. „Die Karte jagt dich. Weil du sie verlassen hast. Weil du sie nicht vollendet hast.“
„Was?“
„Du hast die Karte angefangen“, sagte Lysara. „Aber du hast sie nicht beendet.“ Ihre Stimme war weich, fast tröstend. „Sie ist noch nicht fertig. Sie braucht noch etwas. Etwas von dir.“
Elara spürte, wie der Stumpf zu pulsieren begann, schneller, intensiver. Als würde etwas in ihr versuchen, herauszukommen.
„Was?“, flüsterte sie.
Lysara beugte sich näher. „Deine Erinnerung.“
Die Tür hinter Elara schloss sich mit einem leisen Klicken. Das Licht um sie herum wurde dunkler. Und dann hörte sie es – das Flüstern, das Summen, das Knacken. Es kam von überall. Es kam von Lysara. Es kam von ihr selbst.
Und es sagte: Du bist hier. Endlich.
Die Tür schloss sich hinter ihr, nicht mit einem Knall, sondern mit einem langsamen, fast zärtlichen Schließen, als würde sie in den Rahmen aufgehen. Lysara trat zurück, die weiße Fläche ihres Gesichts absorbierte das Licht, das sie zuvor ausgestoßen hatte, und Elara stand plötzlich in einer Gasse, die nicht mehr existierte.
Sie war wieder in der Stadt, doch die Stadt war anders. Die Gebäude neigten sich nach innen, als würde die Stadt sich selbst verschlingen. Die Straßen waren leer, aber nicht still. Ein Flüstern lag in der Luft, ein Wort, das sie kannte, ohne es zu hören: Du bist hier.
Ihr Stumpf pulsierte im Takt dieses Flüsterns, und sie presste die Hand dagegen, als könnte sie so die Hitze stoppen, die von innen nach außen drang. Kael. Wo war er? Hatte er sie verloren, oder hatte er sie nur gegen Lysara ausgetauscht?
Sie folgte dem Flüstern, das sie durch die Gassen führte, immer tiefer, immer enger, bis sie an eine Mauer kam, die nicht aus Stein war, sondern aus demselben Material wie die Wände der Werkstatt. Glatt, kühl, lebendig. Sie legte die Hand darauf, und die Mauer zuckte unter ihrer Berührung.
Hier, flüsterte etwas in ihr. Hier bist du.
Plötzlich öffnete sich die Mauer, nicht mit einer Tür, sondern mit einem Riss, der sich wie eine Narbe über das glatte Material zog. Dahinter lag ein Raum, der keine Wände hatte, nur Licht, das in unregelmäßigen Mustern auf den Boden fiel. Und in diesem Licht stand Kael.
Er sah sie nicht an. Er starrte auf etwas hinter ihr, etwas, das sie nicht sehen konnte. Seine Hände zuckten an seinen Seiten, als würde er sich zurückhalten, etwas festhalten, das er nicht loslassen wollte.
„Kael“, sagte sie, und ihre Stimme klang fremd, als würde sie nicht sie selbst sein.
Er hob den Kopf, und in seinen Augen lag etwas, das sie noch nie in ihm gesehen hatte: Angst. Nicht die kühle, berechnete Angst, die er immer gezeigt hatte, wenn sie mit ihm gesprochen hatte. Sondern etwas Echtes. Etwas, das sie in ihm nicht erwartet hätte.
„Du hast mich gefunden“, sagte er, und seine Stimme war rau, als hätte er geschrien.
„Kael“, wiederholte sie, und dieses Mal war es eine Frage. Was war hier los? Warum hatte er sie nicht gewarnt? Warum hatte er zugelassen, dass Lysara sie hierherbrachte?
Er trat auf sie zu, aber er berührte sie nicht. Seine Finger schwebten über ihrer Schulter, als würde er sich entscheiden, sie zu berühren oder nicht. „Du musst gehen“, sagte er. „Bevor sie dich ganz hat.“
„Was redest du da?“, sagte sie, und ihre Stimme war scharf, wütend. „Was soll das heißen, sie hat mich ganz?“
Kael schloss die Augen, als würde er sich etwas erzwingen. „Die Karte“, sagte er. „Sie frisst sich durch alles. Menschen. Erinnerungen. Alles, was du gezeichnet hast. Und sie will mehr. Sie will dich.“
Elara spürte, wie etwas in ihr erstarrte. Nicht Angst. Etwas Schlimmeres. Etwas, das sich anfühlte wie ein déjà vu, als hätte sie das schon einmal gehört, schon einmal gesehen, schon einmal gespürt.
„Warum hast du mich hierhergebracht?“, fragte sie.
Kael öffnete die Augen, und in ihnen lag etwas, das sie nicht deuten konnte. Etwas, das zwischen Wut und Verzweiflung schwankte. „Weil du die Einzige bist, die sie stoppen kann“, sagte er. „Weil du die Einzige bist, die weiß, wie sie funktioniert.“
„Wie funktioniert sie?“, sagte Elara, und ihre Stimme war leise, fast flüsternd.
Kael trat noch einen Schritt näher, und diesmal berührte er sie. Seine Finger umschlossen ihren Arm, nicht fest, aber auch nicht sanft. „Du hast sie gezeichnet“, sagte er. „Du hast sie zum Leben erweckt. Und jetzt will sie dich.“
Elara spürte, wie das Flüstern lauter wurde, wie es sich in ihr ausbreitete, wie es sich in ihre Gedanken fraß. Du bist hier. Endlich.
„Was soll ich tun?“, fragte sie.
Kael blickte hinter sie, als würde er etwas sehen, das sie nicht sehen konnte. „Du musst sie beenden“, sagte er. „Bevor sie dich ganz frisst.“
Elara spürte, wie etwas in ihr riss. Nicht Schmerz. Etwas Schlimmeres. Etwas, das sich anfühlte wie Verrat.
„Wie?“, sagte sie.
Kael ließ ihren Arm los, und für einen Moment war da nur Stille. Dann sagte er: „Du musst zurückgehen. Zu deiner Karte. Und du musst sie beenden.“
„Und wie mache ich das?“
Kael blickte sie an, und in seinen Augen lag etwas, das sie nicht deuten konnte. Etwas, das zwischen Hoffnung und Verzweiflung schwankte. „Indem du ihr gibst, was sie will“, sagte er.
„Was will sie?“
Kael schloss die Augen, und als er sie wieder öffnete, lag in ihnen etwas, das Elara nicht kannte. Etwas, das sich anfühlte wie ein Abschied. „Alles“, sagte er. „Alles, was du bist.“