Die Reise in die Leere — Elara beschließt, die schwebende Inselwelt zu erkunden, um die Wahrheit über die Karte zu erfahren.
Kapitel 4, Szene 1
Die Treppe knarzte unter Elaras Stiefeln, als sie das Café verließ. Kael stand schon am Hafen, die Hände in den Manteltaschen, die immer noch feucht glänzten, als hätte er sie in kaltes Wasser getaucht. Er drehte sich nicht um, als sie kam, aber sie spürte, wie sich seine Schultern spannten, als würde er sich auf etwas vorbereiten.
„Jetzt?“, fragte er, ohne sie anzusehen.
„Jetzt.“
Er nickte, als hätte er es erwartet. Dann streckte er eine Hand aus — nicht, um sie zu berühren, sondern um auf das Schiff zu zeigen, das am Kai vertäut lag. Kein hübsches Holzschiff, keine Segel, die im Wind klapperten. Nur ein schlichter Rumpf aus Metall, zu groß für einen Fischer, zu klein für einen Frachter, und an der Seite stand in roter Farbe: NICHT BESETZEN.
„Was ist das?“, fragte Elara.
„Ein Boot, das nicht in den See passt.“
Sie trat näher. Das Metall war kalt unter ihren Fingerspitzen, fast zu kalt, als hätte es keine Wärme mehr. An Deck lag ein einziger Korb, der nicht wie ein Korb aussah, sondern wie ein Körper, der in Stoff gewickelt war.
„Wofür ist der?“, fragte sie.
Kael zuckte mit den Schultern. „Für die Dinge, die du mitnehmen willst.“
Sie verstand nicht. Aber sie stieg trotzdem an Bord. Die Planken vibrierten unter ihren Füßen, als würde das Schiff atmen. Kael setzte sich ans Steuer — wenn man es so nennen konnte — und die Motoren heulten auf, ein Geräusch, das nicht aus Metall kam, sondern aus etwas, das sich in die Tiefe fraß.
Dann verließ die Stadt sie.
Nicht wie eine Stadt, die man hinter sich lässt, nicht mit einem letzten Blick auf Türme oder Lichter. Die Stadt verschwand, als hätte sie nie existiert. Elara spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog, als würde etwas in ihr nach oben steigen, etwas, das nicht ihre eigene Angst war.
Am Horizont tauchte etwas auf.
Kein Berg, keine Insel. Etwas, das schwebte, das sich nicht bewegen wollte, als wäre es zu schwer, um zu fallen, und zu leicht, um zu landen. Es sah aus wie ein Stück Himmel, das heruntergekommen war — graue Felsen, die in der Luft hingen, als würden sie sich weigern, zu berühren, was darunter war. Und in der Mitte, wo das Licht auf die Felsen traf, glitzerte etwas. Nicht Wasser. Nicht Metall. Etwas, das wie Tinte aussah, die sich bewegte.
Elaras Stumpf zuckte. Sie presste die Hand dagegen, als könnte sie den Schmerz stillen, der von dort aufstieg, aber es half nicht. Die Tinte glitzerte, und irgendwo, tief in ihrem Kopf, hörte sie ein Flüstern, das nicht für sie bestimmt war.
Du bist hier.
Sie erstarrte. Kael sah sie an, seine Augen so dunkel wie das Wasser um sie herum. „Willkommen“, sagte er, und sie wusste, dass er nicht die Insel meinte.
Kapitel 4, Szene 2
Das Schiff glitt näher an die schwebende Insel heran, als würde es sich weigern, den letzten Rest des Wassers zu verlassen. Elara stand an der Reling, die Hände um das kalte Metall geklammert, und beobachtete, wie die Felsen sich langsam aus dem Nichts materialisierten, als würden sie sich entscheiden, hier zu sein. Die Tinte in der Mitte der Insel pulsierte wie ein Herzschlag, und sie spürte, wie ihr Stumpf wieder zuckte, als würde er versuchen, sich zu erinnern, was er verloren hatte.
„Das ist nicht echt“, sagte Kael hinter ihr. Seine Stimme war leise, aber sie durchdrang den Lärm des Motors, als wäre sie darauf abgestimmt, nur von ihr gehört zu werden. „Es ist eine Projektion. Deine Karte.“
Elara sackte auf die Knie, ohne sich dagegen zu wehren. Die Insel war zu nah, zu echt, und plötzlich hatte sie das Gefühl, als würde sie sich in etwas bewegen, das nicht existierte. „Was bedeutet das?“
Kael setzte sich neben sie, die Knie angezogen, die Hände zwischen den Knien verschränkt. „Es bedeutet, dass du hier bist, weil du es wollte. Dass du diese Karte gezeichnet hast, weil du etwas gesucht hast, das du nicht finden konntest.“
„Das ist kein Grund.“
„Nein. Aber es ist ein Anfang.“ Er blickte auf die Insel, auf die glitzernde Tinte, die sich wie ein Netz über die Felsen zog. „Und jetzt bist du hier, um es zu beenden.“
Elara schloss die Augen. Sie spürte die Vibrationen des Schiffes unter sich, das sanfte Rollen des Wassers, das sie nicht berührte, und den Druck in ihrem Stumpf, der stärker wurde, je näher sie der Insel kam. Sie öffnete die Augen wieder und sah, wie die Tinte sich bewegte, als würde sie atmen.
„Was muss ich tun?“
Kael stand auf, ohne sie anzusehen. „Ich weiß es nicht. Aber du wirst es herausfinden.“
Er ging nach vorne, zur Steuerung, und das Schiff begann, sich zu bewegen, direkt auf die schwebende Insel zu. Elara blieb auf den Knien, die Hände fest um die Reling geklammert, und spürte, wie die Angst in ihr wuchs, wie ein Strom, der sie mitreißen wollte. Aber sie wehrte sich nicht. Sie wusste, dass sie hier war, um etwas zu finden, und sie würde es finden, egal was es kostete.
Die Insel wurde größer, die Tinte glitzerte heller, und das Flüstern wurde lauter, als würde es versuchen, sie zu erreichen, zu berühren, zu verschlingen. Elara schloss die Augen und spürte, wie etwas in ihr erwachte, etwas, das sie lange vergessen hatte. Sie war hier, um es zu beenden, aber sie wusste auch, dass es mehr war als nur ein Ende. Es war ein Anfang, ein Anfang von etwas, das sie nicht verstand, aber das sie spüren konnte, tief in ihrem Inneren.
Kapitel 4, Szene 3
Die Insel war nicht da, als sie ihren Blick abwandte.
Elara riss die Augen auf. Das Schiff schaukelte noch immer, das Wasser um sie herum so dunkel wie Kael’s Mantel, aber die schwebenden Felsen waren verschwunden. Keine Tinte, kein Glitzern, kein Flüstern. Nur der horizontale Streifen des Himmels, der sich unauffällig in den Ozean Lost.
Das ist nicht echt, hatte Kael gesagt. Es ist eine Projektion.
Sie presste die Finger gegen die Augen, als könnte sie die Lücken zwischen ihrer Erinnerung und der Realität mit Druck schließen. Aber das half nicht. Die Insel war da gewesen. Sie hatte sie berührt. Die Tinte hatte sich bewegt.
Du bist hier.
Ihr Stumpf zuckte, warm wie ein offenes Hautstück. Sie riss die Hand weg, als hätte sie sich verbrannt. Kael beobachtete sie, die Hände in den Taschen seines Mantels vergraben, die Schultern angespannt, als wartete er darauf, dass sie den nächsten Schritt machte.
„Du hast sie gesehen“, sagte sie. Es war keine Frage. Es war eine Feststellung, die sie selbst nicht leugnen konnte.
Kael nickte. „Eine von vielen.“
„Was bedeutet das?“
Er zuckte mit den Schultern. „Dass du nicht die Erste bist.“
Elara spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog. Nicht Angst. Nicht Wut. Etwas Kälteres. Etwas, das sich anfühlte wie die Erkenntnis, dass sie nie wirklich allein gewesen war.
„Und die anderen?“
„Sind hier.“
„Hier? Auf dieser Insel?“
Kael blickte auf die leere Stelle, wo die Felsen gewesen waren. „Oder wo immer du hingehst.“
Elara stand auf, ohne sich zu bewegen. Ihr Stumpf pulsierte, als würde er gegen etwas drücken, das nicht da war. Sie wollte fragen, ob das normal war. Ob es jedes Mal so war, wenn sie die Insel sah. Aber die Worte blieben in ihrem Hals stecken.
Stattdessen sagte sie: „Ich muss da hin.“
Kael hob eine Augenbraue. „Tatsächlich?“
„Es ist meine Karte.“
„Genau. Und sie jagt dich.“
Elara ignorierte die Bitterkeit in seiner Stimme. „Wenn sie mich jagt, dann muss ich sie finden, bevor sie mich findet.“
Kael musterte sie einen Moment lang, dann drehte er sich abrupt um und ging zum Bug des Schiffes. „Dann lass uns nicht warten.“
Das Schiff setzte sich in Bewegung, langsam, als würde es sich weigern, sich dem Wasser zu nähern. Elara folgte Kael, die Hände fest um das Geländer geklammert, und sah, wie die leere Stelle vor ihnen zu pulsieren begann, wie eine Wunde, die sich wieder öffnete.
Die Insel war zurück.
Und diesmal würde sie nicht warten.