← Die Knochen der Mondgöttin
Chapter 8 Revised 1,853 Words

Die letzte Beschwörung — Elsa und Tannhauser führen die letzte Beschwörung durch – doch etwas geht schief, und die Mondgöttin beginnt, sich zu regen.

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Kapitel 8, Szene 1 – „Die Beschwörung“

Der Tempel war nie da gewesen.

Elsa wusste das. Sie hatte die Ruinen durchmessen, jeden Stein gezählt, jede Ritze nach Spinnweben abgesucht. Und doch stand sie nun hier, zwischen den schwarzen Säulen, deren Oberflächen sich unter ihren Fingern wie Wasser wellten, als wären sie nicht aus Stein, sondern aus einer Substanz, die atmet. Der Mond hing tief über ihnen, voll und blutrot, als hätte er sich in den Himmel geschnitten.

Tannhauser trat vor, die Hände zu Fäusten geballt, die Finger mit Tinte beschmiert, die nicht trocknete. Er hatte sie nicht gefragt. Nicht einmal, als sie die Treppe hinabgestiegen waren, die plötzlich vor ihnen aufgetaucht war, als hätte der Fels sich umgebildet. Er hatte nur gesagt: Jetzt. Und sie war gefolgt, weil sie wusste, dass sie keine Wahl hatte.

„Du hast die Knochen gesehen“, murmelte er, ohne sie anzusehen. „Du weißt, was das ist.“

„Ein Hauch“, sagte Elsa. „Etwas, das sich auflöst.“

„Ein Körper.“ Seine Stimme war scharf wie ein Messer. „Und du bist ihr Schlüssel.“

Elsa spürte es sofort, dieses Ziehen in ihren Adern, als würde etwas in ihr erwachen, das nicht sie war. Ihre Narbe – die, die Lena auf der Handfläche trug – pochte, heiß wie ein Brandmal. Sie presste die Lippen zusammen. „Lena.“

Tannhauser erstarrte. „Sie darf nicht hier sein.“

„Sie ist hier.“

Ein Rascheln. Ein Atemzug, der nicht von ihr kam. Dann stand Lena plötzlich zwischen den Säulen, ihr Körper scharf gegen das Dämmerlicht, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, als fürchte sie, sie würde sich auflösen, wenn sie sie sichtbar hielt. Ihr Blick traf Elsa, und in diesem Moment war da kein Mensch mehr, sondern etwas, das in die Tiefe blickte, als würde es durch sie hindurchsehen.

„Du hast sie gerufen“, sagte Tannhauser. „Jetzt geh.“

Lena bewegte sich nicht. Sie stand nur da, reglos, als wäre sie aus demselben Stein wie die Säulen, aus dem sich der Tempel formte. Dann hob sie langsam die Hand, die Handfläche nach außen, und Elsa sah es wieder: das Narbenmuster, drei Linien, die sich zu einem Dreieck krümmten, mit einem zentralen Punkt, der pulsierte, als würde etwas darunter atmen.

„Sie kann nicht sprechen“, sagte Tannhauser, als wäre das eine Entschuldigung. „Aber sie versteht. Und sie warnt dich.“

Elsa trat einen Schritt näher. „Wovor?“

Lena senkte den Kopf, als hätte sie die Frage gehört. Oder als würde sie sich vor etwas verstecken, das in ihr lauerte.

Tannhauser packte Elsa am Arm, seine Finger krallten sich in ihr Fleisch. „Hör auf sie nicht. Es ist zu spät.“

„Du hast mich angelogen.“

„Nein.“ Sein Griff wurde fester. „Ich habe dir die Wahrheit gezeigt. Aber sie ist nicht für dich bestimmt.“

Elsa riss sich los. „Was bedeutet das?“

Lena hob den Blick, und in diesem Moment war da etwas in ihren Augen – ein Flackern, ein Schatten, der nicht von dieser Welt war. Sie öffnete den Mund, aber kein Laut kam heraus. Stattdessen formten sich ihre Lippen zu einem Wort, das Elsa nicht verstand, das aber in ihren Knochen vibrierte, als würde es direkt in ihr Mark schreiben.

Dann begann der Mond zu bluten.

Ein Riss, dünn wie eine Haarsträhne, zog sich über seine Oberfläche, und eine zähflüssige, kupferfarbene Flüssigkeit sickte heraus, tropfte in den Himmel, wo sie sich ausbreitete, als wäre sie lebendig. Elsa spürte, wie etwas in ihr erwachte, etwas, das nicht sie war, etwas, das hungrig war.

„Jetzt“, zischte Tannhauser. „Jetzt musst du es tun.“

Lena zuckte zusammen, als hätte sie einen Schlag erhalten. Ihre Narbe leuchtete auf, hell wie ein brandendes Licht, und Elsa spürte, wie etwas in ihr zurückforderte, was es nicht geben sollte. Sie bückte sich, griff nach dem Symbol auf dem Boden, und als ihre Finger es berührten, durchfuhr sie ein Schmerz, der nicht von ihr kam.

„Elsa.“

Ihre Stimme. Lenas Stimme. Nicht laut, aber klar, als hätte sie sie ihr Leben lang in sich getragen, ohne es zu wissen.

Lass sie nicht los.

Elsa erstarrte. „Was?“

Lena schüttelte den Kopf, und Tränen rannen über ihre Wangen, nicht aus Schmerz, sondern aus etwas, das zu tief saß, um Tränen zu sein. Sie trat einen Schritt zurück, als würde sie sich vor sich selbst fürchten.

Tannhauser packte Elsas Hand, zwang sie, das Symbol zu halten. „Du hast keine Wahl. Es ist zu spät.“

„Lena—“

„Sie lügt“, sagte Tannhauser. „Sie will dich retten. Aber sie kann es nicht.“

Elsa spürte, wie sich etwas in ihr drehte, etwas, das nicht sie war, etwas, das sich nach dem Mond sehnte, nach dem Blut, nach dem, was in den Ruinen schlief. Sie blickte zu Lena, und in diesem Moment sah sie, was die andere Frau war: nicht eine Dienerin, nicht eine Wächterin, sondern etwas, das zwischen den Welten hing, etwas, das fast verloren gegangen war.

Und dann begann der Tempel zu stöhnen.

Die Säulen beugten sich, als würden sie sich unter einer unsichtbaren Hand krümmen. Die Luft wurde dick, schwer, erfüllt von einem Geruch, der nach Eisen und etwas Älterem, Dunklerem roch. Lena stöhnte, und ihre Narbe leuchtete heller, als würde sie von innen heraus brennen.

„Jetzt“, wiederholte Tannhauser. „Jetzt musst du—“

Ein Schrei. Nicht von Lena. Nicht von Elsa. Von etwas, das unter ihnen erwachte.

Der Boden bebte.

Und dann begann die Mondgöttin, sich zu regen.


Szene 2 – Die Erwachung

Die Erde unter Elsas Füßen öffnete sich wie ein hungeres Maul. Staub wirbelte auf, als der Boden sich wellte, nicht wie bei einem Erdbeben, sondern als würde etwas darunter atmen. Die Ruinen der Kirche krümmten sich, als wäre ihr Skelett nicht aus Stein, sondern aus Fleisch – und Fleisch, das zu latin. Die Säulen, die einst den Himmel getragen hatten, sanken in sich zusammen, als würden sie von einer unsichtbaren Hand nach unten gezogen. Elsa spürte es in den Knochen, dieses Ziehen, als würde etwas an ihr ziehen, nicht mit Händen, sondern mit Wurzeln.

Lena stand regungslos, die Hände zu Fäusten geballt, als könnte sie den Boden allein mit ihrer Willenskraft festhalten. Ihre Narbe – das stumpfe Dreieck auf ihrer Handfläche – pulsierte jetzt in einem rhythmischen, unnatürlichen Licht, als würde sie von innen heraus beleuchtet. Elsa sah, wie sich die Linien der Narbe bewegten, nicht wie Tinte, sondern wie Adern, die sich füllten. Lena stöhnte, ein tiefes, kehliges Geräusch, das nicht aus ihrer Kehle kam, sondern aus etwas, das sich in ihr festgefahren hatte.

Tannhauser grinste, sein Gesicht verzerrt von einer Freude, die nicht für sie bestimmt war. „Du hast es gesehen, nicht wahr?“, fragte er, als wäre dies ein Triumph, kein Untergang. „Die Mondgöttin erwacht. Und du bist ihr Schlüssel.“

Elsa wollte wegschauen, aber sie konnte nicht. Ihre Augen hingen an Lenas Gesicht, an dem Moment, in dem sich etwas in ihr lös. Es war, als würde Lena sich von innen heraus auflösen, als würde das, was sie war, von etwas Älterem verschluckt. Ihre Haut wurde durchscheinend, wie Pergament, das im Licht schimmert, und für einen Augenblick sah Elsa hindurch – nicht auf den Himmel, nicht auf die Ruinen, sondern auf etwas, das in Lena schlief. Etwas, das nicht Lena war. Etwas, das wieder war.

„Lena“, flüsterte Elsa, aber ihre Stimme ging unter im Geräusch des Tempeis, der sich selbst verschlang.

Lena drehte den Kopf, und ihre Augen – nicht mehr Lena, nicht mehr ganz sie selbst – fixierten Elsa mit einer Intensität, die wie ein Messer in ihre Brust stach. Du darfst nicht gehen, formten ihre Lippen, aber es war keine Sprache, es war ein Befehl. Eine Warnung. Etwas, das nicht von ihr stammte.

Tannhauser packte Elsas Hand, seine Finger kühl, fast schon zu kühl. „Berühre es“, zischte er. „Berühre das Symbol. Jetzt.“

Elsa blickte auf den Boden, wo das Symbol der Mondgöttin in den Stein geritzt war – drei gekrümmte Linien, die ein Dreieck bildeten, mit einem zentralen Punkt, der pulsierte. Als sie die Hand ausstreckte, spürte sie, wie sich die Luft um sie herum verdickte, als würde sie durch etwas Lebendiges greifen. Sie berührte die Ritzung, und sofort durchfuhr sie ein Schmerz, der nicht von ihrer Haut kam, sondern von innen. Es war, als würde etwas in ihr zucken, als würde es erwachen.

Lena schrie – nicht mit ihrer Stimme, sondern mit einer, die aus der Erde selbst zu kommen schien. Ein Klang, der wie das Brechen von Knochen klang, wie das Reißen von Fleisch. Die Narbe auf ihrer Hand leuchtete jetzt so hell, dass Elsa die Augen zusammenkneifen musste. Und dann, in diesem Licht, sah sie es: Lena war nicht mehr da. Stattdessen war da etwas anderes, etwas, das sich wie ein Schatten an sie schmiegte, etwas, das nicht ganz menschlich war.

Der Tempel stöhnte wieder, und diesmal war es kein Knarren von Stein – es war das Atmen von etwas, das seit Jahrhunderten geschlafen hatte. Die Wände bluteten, ein dicker, kupferfarbener Saft, der nicht von dieser Welt war, tropfte herab und vermischte sich mit dem Staub zu einer zähflüssigen Masse, die sich langsam, absichtlich auf dem Boden ausbreitete. Elsa spürte, wie etwas in ihr kletterte, wie ein Lebewesen, das sich durch ihre Adern fraß.

„Sie weckt sich“, sagte Tannhauser, seine Stimme ein Flüstern, das nicht für sie bestimmt war. „Und du musst sie füttern.“

Elsa riss sich los, stolperte zurück, ihre Hände zu Krallen gebogen, als könnte sie so den Dämon in ihr festhalten. „Was redest du?“

Tannhauser lachte, ein kurzes, kehliges Geräusch. „Alles, was du wissen musst, ist, dass du ihr Opfertier bist. Oder ihre Erlösung.“

Lena – oder das, was von ihr übrig war – konnte nicht mehr stehen. Sie sank auf die Knie, ihr Körper zuckte, als würde etwas in ihr kämpfen. Die Narbe auf ihrer Hand war jetzt kein Dreieck mehr, sondern ein offenes, gähnendes Maul, das sich weiter und weiter öffnete, als würde es etwas verschlingen. Und dann, in diesem Moment, begann der Boden unter ihnen zu wachsen.

Ein Keim, dünn und grün, schoss aus dem Staub, nicht wie eine Pflanze, sondern wie ein Finger, der sich nach oben streckte. Dann ein anderer. Dann noch einer. Und noch einer. Die Erde atmete, und mit jedem Atemzug wuchsen die Finger, verdrehten sich, formten sich zu etwas, das wie eine Hand aussah – eine Hand, die aus dem Boden emporstieg, als würde sie heraufziehen, aus einer Tiefe, die seit Anbeginn der Zeit schlief.

Elsa spürte, wie etwas in ihr brüllte, wie etwas, das nicht sie war, das hungerte. Sie presste die Hände gegen ihre Schläfen, als könnte sie so das Heulen in ihrem Kopf zum Schweigen bringen, aber es war zu spät. Die Mondgöttin erwachte, und mit ihr erwachte etwas in Elsa, etwas, das seit Jahrhunderten in ihr geschlummert hatte, ohne dass sie es wusste.

Lena hob den Kopf, und ihre Augen – nicht mehr ihre eigenen – waren jetzt leer. Als würde sie durch sie hindurchschauen. „Du darfst nicht fliehen“, formten ihre Lippen. „Du musst bleiben.“

Tannhauser grinste, sein Gesicht verzerrt von einer Freude, die nicht für Menschen bestimmt war. „Sie will dich, Elsa. Sie will dich.“

Die Hand aus dem Boden wuchs weiter, die Finger krümmten sich, als würde sie greifen. Und dann, in diesem Moment, verstand Elsa: Es war nicht die Mondgöttin, die erwachte. Es war sie.

Und sie war hungrig.

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