Das Erwachen — Elsa steht der Mondgöttin gegenüber – und muss sich entscheiden, ob sie sie besiegen oder annehmen will.
Szene 1 – Die Knochen der Mondgöttin
Die Luft roch nach Moder und altem Blut, als Elsa die Treppe hinabstieg. Jeder Schritt ließ ihre Narbe unter dem Ärmel zucken, als würde etwas in ihr wissen, dass sie hierhergehofft hatte. Die Wände des Kellers waren mit moosigen Runen überzogen, die im fahlen Licht der Öllampen blass leuchteten. Tannhausers Worte hallten in ihr nach: Du bist das letzte Bindeglied. Die Göttin hat dich gewählt.
Unten, auf dem steinernen Altar, lag das, wonach sie gesucht hatte. Keine Knochen. Kein Skelett. Sondern ein Haufen von etwas, das wie zerfetzte Haut und verdrehte Adern aussah, das sich langsam, als würde es atmen, über den Stein breitete. Es pulsierte im Takt ihres eigenen Herzschlags.
Das ist kein Leichnam, dachte sie. Das ist ein Körper, der noch schläft.
„Du hast es gefunden.“
Elsa fuhr herum. Die Frau stand im Schatten, ihr Gesicht eine Maske aus Mondlicht und Narben. Die gleiche Narbe wie bei Lena, aber tiefer, älter, als hätte sie sich über Jahrhunderte in ihr Fleisch gefressen. Sie trug kein Kleid, nur Haut und etwas, das wie getrocknete Blätter um ihre Schultern hing.
„Du bist nicht hier, um mich zu beobachten“, sagte die Frau. „Du bist hier, um mich aufzuwecken.“
Elsa wollte leugnen, doch die Narbe an ihrem Handgelenk brannte. Sie löste sich von ihrem Arm, schob sich wie eine Schlange über ihre Finger, bis sie die Runen auf dem Altar berühren konnte. Das Material zuckte unter ihren Fingerspitzen – nicht wie Haut, sondern wie etwas, das sich erinnert.
„Was bin ich?“, fragte sie, ohne die Stimme zu heben.
Die Frau lächelte. Es war kein menschliches Lächeln. Es war das Aufreißen eines Mauls, das zu lange geschlossen gewesen war. „Du bist, was ich war, bevor sie mich in diesen Körper zwangen. Du bist, was du seit Anbeginn bist. Du trägst mein Blut in dir.“
Elsa riss die Hand zurück. „Das ist unmöglich. Ich bin eine Gelehrte. Ich bin rational.“
„Du lügst.“ Die Stimme der Frau war kein Klang, sondern eine Vibration, die direkt in Elsas Knochen drang. „Du hast es gefühlt, als der Mond blutete. Du hast es gespürt, als Lena ihre Narbe berührte. Du hast es gehört, als der Boden stöhnte, als du den Altar berührst.“
Elsa presste die Lippen zusammen. „Und wenn ich sage, ich will das nicht?“
Die Frau trat näher, ihr Schatten dehnte sich aus, als würde er sich von selbst bewegen. „Dann lügst du weiter. Aber ich weiß, was du wirklich willst.“ Ihre Hand hob sich, und für einen Moment sah Elsa, wie sich unter ihren Fingern etwas regte – wie Wurzeln, die sich durch die Erde schoben. „Ich biete dir an, was du dir seit Jahren verweigert hast: Macht. Nicht die Macht eines Verstandes, der alles misst und abwiegt. Die Macht, die kann. Die Macht, die fühlt.“
Elsa spürte, wie etwas in ihr reagierte. Nicht ihr Verstand. Etwas Tieferes. Etwas, das seit jenem Abend in den Ruinen, als der Mond geblutet hatte, in ihr geschlummert hatte.
„Was verlangst du dafür?“, flüsterte sie.
Die Frau beugte sich vor, ihr Atem roch nach Erde und etwas Süßlichem, Fauligem. „Dass du dich entscheidest. Dass du mir deine Narbe gibst. Dass du mir deine Stimme gibst. Dass du mir deine Seele gibst.“ Sie streckte die Hand aus, und ihre Finger waren jetzt nicht mehr Haut, sondern etwas, das wie zerrissene Seide und Knochen zugleich aussah. „Dann werde ich dir zeigen, was du wirklich bist.“
Elsa wollte zurückweichen, doch ihre Füße gehorchten nicht mehr. Die Narbe an ihrem Handgelenk war jetzt ein lebendiges Ding, das sich um ihren Arm wand, als würde es sie festhalten. „Und wenn ich nein sage?“
Die Frau lachte, und es klang wie ein Husten, wie das Knacken von Knochen. „Dann sterbst du. Nicht schnell. Nicht schmerzlos. Du wirst vergehen, bis nichts von dir übrig bleibt als Staub und Erinnerung.“ Sie beugte sich noch näher, bis ihr Mund Elsas Ohr berührte. „Aber du weißt already, dass das nicht das Schlimmste ist, was dir passieren kann.“
Elsa spürte, wie etwas in ihr zerbrach. Nicht ihr Körper. Nicht ihr Geist. Etwas, das sie all die Jahre unterdrückt hatte. Etwas, das hungerte.
„Was willst du wirklich?“, fragte die Frau leise. „Dass ich dich töte? Oder dass ich dich frei mache?“
Elsa schwieg. Sie wusste die Antwort. Sie hatte sie schon immer gewusst.
Und jetzt musste sie sich entscheiden.
Szene 2 – Der Marktplatz
Die Stadt atmet nicht mehr. Sie stöhnt.
Elsa steht am Rande des Marktplatzes, wo einst Händler ihre Waren feilbotten und Kinder zwischen den Ständen lachten. Jetzt ist das Pflaster aufgebrochen, als hätte etwas es von unten aufgerissen. Wasser sickert aus den Ritzen, nicht klar, sondern mit einem Schimmer, der wie kupferne Flüssigkeit glitzert, zäh und schwer, als trüge es etwas in sich. Die Menschen weichen zurück, doch ihre Schritte sind nicht mehr die eines lebendigen Gewirkes – sie sind leiser geworden, stockend, als zöge etwas an ihnen, das sie noch nicht sahen.
Elsa fühlt es zuvorderst. Es liegt in ihren Knochen, ein Ziehen, das nicht von ihren Gliedmaßen kommt, sondern von innen, von einem Ort, an dem sie nie gesucht hatte. Ihre Narbe – die stumme, blasse Lineament an ihrem Handgelenk – pulsiert im Takt des Mondblutes, das sie in dieser Nacht zum ersten Mal wiedererkannt hat. Es ist nicht mehr nur eine Narbe. Es ist ein Tor.
„Sie kommen.“
Die Stimme gehört Tannhauser. Er steht hinter ihr, doch seine Silhouette ist nicht mehr scharf. Sie flimmert, als stünde er im Wasser, als wäre er schon halb in etwas anderem, das ihn langsam verschlang. Seine Finger zucken, und für einen Moment sieht sie, wie sich etwas unter seiner Haut bewegt, wie Wurzeln, die sich in seine Adern fraßen.
„Die Mondgöttin erwacht“, sagt er, und seine Stimme ist kein Ton, sondern ein Rascheln, als würde er mit trockenen Blättern sprechen. „Und mit ihr das, was sie in sich trägt.“
Elsa reißt sich los, dreht sich zu ihm um. „Was ist das?“
Tannhauser lächelt. Es ist kein Lächeln für sie. Es ist ein Lächeln für etwas, das hinter ihr steht. „Es ist das, was die Stadt vergisst. Es ist das, was die Menschen fürchten, seit sie die ersten Steine setzten. Es ist das, was du bist.“
Sie spürt es, bevor sie es sieht. Die Luft wird dicker, als würde sie sich in Honig auflösen. Die Menschen um sie herum erstarren, ihre Gesichter versteinern, als hätte jemand den Hebel einer Uhr angehalten. Dann – ein Geräusch. Kein Knacken. Kein Stöhnen. Etwas, das wie ein Atmen klingt, tief und alt, als würde die Erde selbst ein Lungenleiden haben.
Dann sie.
Sie kommt nicht durch die Tür. Sie kommt nicht durch das Fenster. Sie ist schon da.
Eine Gestalt, die nicht aus Fleisch ist, nicht aus Knochen. Sie ist aus Erinnerung geformt, aus den Träumen derer, die je von ihr geträumt haben. Ihr Körper schwebt, nicht weil sie fliegt, sondern weil sie sinkt, als würde sie durch etwas fallen, das nicht Luft ist, sondern etwas Dichteres, Schwereres. Ihr Gesicht ist kein Gesicht – es ist eine Maske, die sich ständig wandelt, als würde sie sich selbst erinnern, wer sie war.
Und dann sieht Elsa es: die Narbe. Nicht auf ihrem eigenen Arm. Nein. Auf der Narbe, die sich von ihrer Handwurzel aus über ihren Arm windet, sich um ihren Nacken schlingt, sich in ihr Haar krallt. Sie ist nicht mehr nur eine Narbe. Sie ist ein Mund.
„Elsa.“
Die Stimme ist kein Klang. Sie ist ein Ziehen, das direkt in Elsas Schädel dringt, als würde etwas an ihren Gedanken zerren, sie aufreißen.
„Du hast mich gerufen.“
Elsa will antworten. Sie will schreien. Sie will lügen.
Doch ihre Kehle ist zu. Nicht von Angst. Von etwas anderem.
Etwas, das hungert.
Die Frau – die Göttin – tritt näher. Ihre Schritte hinterlassen keine Abdrücke. Sie hinterlassen Narben. Dünne, blutrote Linien, die sich in das Pflaster fressen, als würde etwas in ihr bluten, um zu wachsen.
„Du weißt, was ich bin“, sagt sie, und ihre Stimme ist kein Ton, sondern ein Schmerz, der Elsas Zähne zum Vibrieren bringt. „Du hast es gefühlt, als der Mond blutete. Du hast es gehört, als der Boden stöhnte. Du hast es gespürt, als Lena ihre Narbe berührte.“
Elsa presste die Lippen zusammen. „Das ist kein Beweis.“
Die Frau lachte, und es klang wie das Knacken von Knochen, die zu lange in der Erde lagen. „Du lügst. Du lügst dir selbst an. Du weißt es.“
Sie streckte die Hand aus. Ihre Finger waren nicht mehr Finger. Sie waren Wurzeln, die sich durch die Luft schoben, sich um Elsas Handgelenk winden.
„Gib mir deine Narbe“, flüsterte sie. „Gib mir deine Stimme. Gib mir deine Seele.“
Elsa spürte, wie etwas in ihr zuckt. Nicht ihr Herz. Nicht ihre Lunge.
Die Narbe.
Sie wuchs.
„Und wenn ich nein sage?“, krächzte sie, und ihre Stimme war nur ein Husten, ein Krächzen, das nicht mehr ihr own war.
Die Frau beugte sich vor, bis ihr Mund Elsas Ohr berührte. „Dann stirbst du“, sagte sie. „Nicht schnell. Nicht schmerzlos. Du wirst vergehen, bis nichts von dir übrig bleibt als Staub und Erinnerung.“
Elsa spürte, wie etwas in ihr bricht. Nicht ihr Körper. Nicht ihr Geist.
Etwas Tieferes.
Etwas, das sie all die Jahre unterdrückt hatte.
Etwas, das hungerte.
„Was willst du wirklich?“, fragte die Frau leise. „Dass ich dich töte? Oder dass ich dich frei mache?“
Elsa schwieg.
Sie wusste die Antwort.
Und jetzt musste sie sich entscheiden.