Der Bruder, der nicht mehr schweigt — Rudolf, der Elsas Suche verfolgt, beginnt selbst, die Legenden zu glauben – und wird Zeuge von etwas, das ihn für immer verändert.
KAPITEL 7 / Szene 1 – „Das Verschwinden“
Die Nacht über den Ruinen der alten Burg war nicht dunkel, sondern dunkel in einer anderen Art. Der Mond hing wie ein blutiges Auge über den Trümmern, sein Licht fettig, als wäre es mit etwas anderem vermischt – nicht nur mit Sternen, sondern mit etwas, das sich nicht benennen ließ. Rudolf hockte hinter einem zerbrochenen Mauerstück, die Hände um die Kante geklammert, als könnte er sich so an etwas festhalten, das es nicht gab. Er hatte Elsa gefolgt, Schritt für Schritt, seit sie sich von Tannhauser in diesem verdammten Wald hatte abholen lassen. Und jetzt, hier, zwischen den verrotteten Steinen, wo die Luft nach Moder und etwas Süßlichem roch, das ihn an die Träume seiner Kindheit erinnerte, verschwand sie.
Lena stand regungslos da, die Hände auf den Boden gestützt, als würde sie sich an etwas unter der Erde verankern. Ihr Rücken war Elsa zugewandt, aber Rudolf sah, wie ihre Finger zuckten, als würde sie auf eine Melodie hören, die nur sie vernahm. Dann, ganz langsam, hob sie eine Hand. Ihr Daumen strich über eine bestimmte Stelle im Stein, eine Ritze, die wie ein Mund aussah, der sich langsam öffnete. Rudolf hielt den Atem an.
Und dann – es passierte.
Ein Riss, der nicht da gewesen war, durchzuckte die Erde, glühend wie ein Blitz, aber ohne Geräusch. Lena stöhnte, ein tiefes, kehliges Geräusch, das nicht aus ihrer Kehle zu kommen schien. Ihr Körper zuckte, als würde etwas in ihr widerstehen. Dann – es war, als würde sie sich in etwas auflösen. Nicht wie Rauch, nicht wie Schatten. Sondern wie… wie etwas, das nie wirklich da gewesen war. Ihre Arme sanken, ihr Körper neigte sich vorwärts, und für einen Moment, einen verdammten, endlosen Moment, stand da nur noch ihr Umriss, als wäre sie aus Licht geschnitten, das dann auch noch erlosch.
Rudolfs Hände gruben sich in den Stein. Das ist nicht möglich. Das kann nicht–
„Sie ist fort.“
Tannhausers Stimme hinter ihm ließ ihn zusammenzucken. Der Mann stand einfach da, die Hände in den Taschen seiner Weste, das Gesicht im Mondlicht halb verborgen. „Fort. Oder besser gesagt: zurück.“
Rudolf stand auf, ohne nachzudenken, und stürmte auf Tannhauser zu, die Fäuste geballt. „Was zum Teufel haben Sie mit ihr gemacht?“
Tannhauser lächelte, ein dünnes, spöttisches Ding. „Nichts, was Sie nicht ohnehin wussten, Rudolf. Sie ist nicht stumm. Sie darf nicht sprechen. Weil sie es nicht soll.“
„Das ist ein Witz.“
„Ist es das?“ Tannhauser trat näher, bis er nur noch einen Schritt von Rudolf entfernt war. „Sie hat ihr ganzes Leben lang geschwiegen, weil sie es nicht wollte. Weil sie weiß. Und jetzt, wo Elsa sie gefunden hat…“ Er zuckte mit den Schultern. „Jetzt darf sie es nicht mehr.“
Rudolf spürte, wie sich sein Magen zusammenkrampfte. Das ist nicht wahr. Das kann nicht wahr sein. „Wo ist sie? Wo ist Lena?“
Tannhauser deutete mit dem Kinn zu den Ruinen. „Dort. Oder nirgends. Sie ist zurückgegangen, wo sie herkam. Und das ist ein Ort, an dem Sie ihr nicht folgen können. Nicht ohne… Geleit.“
„Was zum Teufel reden Sie da?“
„Die Mondgöttin schläft.“ Tannhausers Stimme wurde leiser, fast ehrfürchtig. „Und Lena ist ihre Wache. Sie bewacht die Schwelle. Wenn sie zurückgeht, dann… dann öffnet sich etwas. Etwas, das Sie nicht sehen durfen.“
Rudolf spürte, wie sich eiskalte Finger um seine Wirbelsäule schlossen. „Sie lügen.“
„Fühlen Sie sich doch.“ Tannhauser streckte eine Hand aus, als würde er ihm etwas anbieten. „Berühren Sie den Stein. Spüren Sie es.“
Rudolf wollte zurückweichen, aber seine Beine gehorchten nicht. Seine Finger krallten sich in den Stein, genau an die Stelle, wo Lena gestanden hatte. Die Ritze, die sich geöffnet hatte. Die Luft vibrierte unter seiner Hand, als würde sie atmen.
Und dann – ein Bild. Nicht in seinen Augen. Nicht in seinem Kopf.
In seinem Knochen.
Er sah Lena. Nicht als Person. Sondern als etwas, das sich in der Dunkelheit bewegte, mit Armen, die wie Wurzeln waren, und einem Gesicht, das sich verformte, als würde es von etwas gefressen. Und im Hintergrund – eine Höhle. Eine tiefe, tiefe Höhle, in der etwas lag, das atmete.
Sein Schrei war ein Stück aus seiner Lunge gerissen, sein Körper bog sich zurück, als hätte ihn eine Faust getroffen. Das ist nicht– das kann nicht–
„Sie fühlen es jetzt“, flüsterte Tannhauser. „Sie wissen es.“
Rudolfs Atem brannte. Seine Hände zitterten. „Was… was ist das?“
Tannhausers Lächeln war ein Messer. „Das ist der Preis, es zu fragen.“
Und in diesem Moment, als Rudolfs Verstand zu zerbrechen begann, hörte er etwas lachen. Nicht mit Stimme. Nicht mit Ton.
Es lachte in seinen Knochen.
Und es war hungrig.
KAPITEL 7, SZENE 2 – „Die Hexe und der Hunger“
Die Gasthausglocke klirrte, als Rudolf die Tür aufstieß, und der Rauch der Öllampen hing schwer in der Luft, durchsetzt mit dem Geruch von verbranntem Fleisch und altem Holz. Die Stühle knarrten, als er sich an den wackeligen Tisch setzte, gegenüber einer Frau, die in einem dunklen Mantel aus zwei Jahrhunderten lag. Ihr Haar war weiß, aber nicht von Alter – es war, als hätte die Zeit es einfach abgestreift, wie eine Schlange ihre Haut. Anna.
Sie hob den Kopf, und ihre Augen waren zwei schwarze Löcher, in denen sich das Licht der Lampe fraß. „Du bist spät dran“, sagte sie. Ihre Stimme war kein Ton, sondern ein Vibrieren, das direkt in seinen Schädel kroch.
Rudolf riss eine Flasche Bier auf, trank, ohne zu atmen. „Sie haben gesagt, Sie kennen sie.“
„Lena.“ Anna nickte, als hätte sie den Namen erwartet. „Die Stumme. Die, die zu viel sieht.“
„Sie ist nicht stumm.“ Die Worte brachen aus ihm heraus, scharf wie Messer. „Sie darf nicht sprechen.“
Anna lächelte, und ihr Mund war ein Schnitt, zu tief für ein menschliches Gesicht. „Sie darf nicht. Weil sie es weiß.“
Rudolfs Hände krallten sich um den Tisch. „Wo ist sie?“
„Zurück.“ Anna strich mit den Fingerspitzen über die Tischplatte, als würde sie etwas unsichtbares abwischen. „Dorthin, wo sie herkam.“
„Zur Hölle.“ Seine Stimme war ein Knurren. „Oder zur Mondgöttin.“
Anna hob eine Augenbraue. „Du klingst, als hättest du schon mit ihr gesprochen.“
„Ich habe mit ihr gesprochen.“ Die Erinnerung brannte in seinen Knochen. Die Höhle. Das Atmen. Der Hunger. „Sie hat mir gezeigt.“ Seine Kehle war trocken. „Sie hat mir gesagt, ich soll Elsa finden.“
Anna lehnte sich zurück, als würde sie sich an einem unsichtbaren Stuhl festhalten. „Die Wache lügt nicht. Sie darf nicht lügen.“
Rudolfs Lachen war kein Lachen. „Dann ist das ein verdammtes Paradox, denn sie hat mir auch gesagt, ich soll mich fernhalten. Von ihr.“ Seine Stimme brach. „Von mir selbst.“
Anna beugte sich vor, und plötzlich war sie nah, zu nah, ihr Atem kühl wie Grabesluft. „Sie hat dir das gesagt, weil sie weiß, was passiert, wenn du zu tief gräbst.“
Rudolf spürte, wie sich seine Finger um die Bierflasche krampften, bis das Glas knirschte. „Und was passiert, wenn ich nicht gräbe?“
„Dann stirbst du.“ Anna nahm einen Schluck aus ihrem eigenen Glas, ohne den Blick von ihm zu lassen. „Langsam. Weil etwas in dir schläft. Und es will wach werden.“
Sein Magen zog sich zusammen. „Was ist das?“
„Die Mondgöttin.“ Anna strich mit den Fingern über ihre Handfläche, als würde sie etwas darin suchen. „Sie schläft in den Knochen. Und Lena…“ Sie lächelte, ein langsames, grausames Zucken. „Lena ist ihre Wache.“
Rudolf spürte, wie sich etwas in ihm bewegte, etwas Kaltes, Glattes, das sich wie eine Klinge durch seine Adern fraß. „Und Elsa?“
„Elsa ist ihre Wache.“ Anna neigte den Kopf, als würde sie ihn mustern. „Aber sie weiß es nicht. Noch nicht.“
„Und Sie wissen das, wie?“ Seine Stimme war ein Flüstern. „Weil Sie sie gesehen haben? Weil Sie da waren, als sie… als sie aufgewacht ist?“
Anna schloss die Augen, und für einen Moment sah er, wie etwas hinter ihrem Lid zuckte – etwas, das nicht sie war. „Ich war da, als die Göttin geboren wurde.“
Rudolfs Atem stockte. „Und Lena? Was ist mit Lena?“
„Lena ist das, was übrig bleibt, wenn man zu lange in die Tiefe blickt.“ Anna öffnete die Augen, und diesmal brannten sie. „Sie ist die Wächterin. Die, die die Schwelle bewacht. Die, die darf, aber nicht soll.“
Rudolf spürte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte, als würde etwas in seiner Brust pochen. „Und wenn ich nicht Elsa rette? Was passiert dann?“
Anna trank, langsam, methodisch. „Dann isst es dich.“
Die Stille, die folgte, war nicht Stille. Sie war ein Atmen. Ein Hungern.
Rudolfs Hände zitterten. „Und wenn ich ja sage?“
Anna legte eine Hand auf den Tisch, zwischen sie. Ihre Haut war kühl, fast feucht. „Dann frisst es dich langsamer.“
Er spürte, wie sich etwas in ihm rührte, etwas, das nicht er war. Etwas, das atmete. „Und was bin ich, wenn ich ja sage?“
Anna lächelte, und ihr Lächeln war ein Versprechen. „Dann bist du ihr.“
Rudolf stand auf, riss die Flasche mit sich, das Bier schwappte über den Rand, während er zur Tür stürmte. Seine Schritte waren nicht seine eigenen. Sie vibrierten.
Draußen, in der kühlen Nacht, spürte er es – das Pochen in seinen Knochen. Die Warnung.
Er blieb stehen, atmete.
Und dann, ganz langsam, drehte er sich um.
Anna stand noch immer in der Tür, ihr Schatten war zu lang, zu scharf.
„Du hast eine Wahl, Rudolf“, sagte sie. „Elsa retten. Oder dich selbst opfern.“
Er lächelte, aber es war kein Lächeln. Es war ein Zucken.
„Und wenn ich nein sage zu beidem?“
Anna trat einen Schritt näher, und ihr Schatten fraß das Licht. „Dann isst es dich sofort.“
Und in diesem Moment, als die Kälte sich in seinen Adern ausbreitete, wusste Rudolf, dass er lügen würde.