Das Rätsel des Orakels — Sie erreichen einen verfallenen Tempel auf einem vagabundierenden Planeten, wo das Orakel eine kryptische Prophezeiung über das 'Echo vergessener Götter' offenbart.
3. Das Rätsel des Orakels
Die Welt zerbrach nicht.
Sie faltete sich.
Elara spürte, wie ihr Körper sich auflöste, wie ihre Knochen zu Staub wurden, ihre Gedanken zu Scherben. Doch der Schmerz war nicht der eines Brechens. Es war, als würde sie durch etwas hindurchfallen – nicht nach unten, nicht nach oben, sondern seitlich, in eine Dimension, die kein Ort, kein Nicht-Ort war, sondern zwischen den Dingen, wo die Gesetze der Physik nur noch Gerüchte waren.
Und dann sah sie es.
Kein Raum. Kein Tempel. Kein Planet.
Eine Leere, die nicht leer war.
Eine Dunkelheit, die nicht dunkel war.
Eine Stille, die nicht still war.
Und in der Mitte – etwas, das sich bewegte.
Nicht wie ein Lebewesen. Nicht wie eine Maschine. Es war, als würde die Leere selbst atmen, als würde sie sich dehnen und zusammenziehen, als würde sie denken.
„Du“, sagte die Stimme wieder.
Diesmal war sie hinter ihr.
Diesmal war sie in ihr.
„Du bist es.“
Elara versuchte zu schreien, aber ihre Kehle war nur noch Schall, ihre Lunge nur noch Vakuum. Sie wusste, dass sie im Tempel stand. Sie wusste, dass Jax neben ihr kniete, seine Hände auf ihren Schultern, sein Atem flach und schnell. Sie wusste, dass die Wände des Tempels pulsierten, als würden sie bluten.
„Es ist nicht sie“, sagte Jax.
Seine Stimme klang fremd in dieser Leere. Als würde er durch Wasser sprechen. Oder durch Zeit.
„Es ist etwas anderes.“
Elara spürte es.
Sie spürte, wie etwas in ihr niste. Etwas, das älter war als die Sterne, älter als das Universum selbst. Es erinnerte sich.
Es erinnerte sich an sie.
„Du warst hier“, flüsterte die Stimme. „Du warst immer hier.“
Und dann – Bilder.
Keine Visionen. Keine Halluzinationen.
Erinnerungen.
Oder Erinnerungen von etwas, das sich an sie erinnerte.
Sie sah sich selbst.
Nicht Elara Vex. Nicht diese Frau mit den Narben, den kalten Augen, der Wissenschaftlerin, die nach Wahrheit jagte.
Sie sah eine andere.
Eine Gestalt, die nicht wie ein Mensch aussah. Nicht wie etwas Menschliches.
Eine Silhouette, die sich bewegte, als würde sie aus Licht bestehen, aus Energie, aus etwas, das kein Auge sehen konnte, das aber wusste, wie man sah.
Und diese Gestalt stand in einem Raum, der kein Raum war.
Ein Tempel, der nicht aus Stein war.
Ein Orakel, das nicht aus Fleisch war.
Und Stimmen.
Viele Stimmen.
„Sie comeback“, sagte eine.
„Sie wacht auf“, sagte eine andere.
„Sie ist zurück.“
„Nein“, sagte Elara. „Ich bin—“
„Du“, sagte die Stimme. „Du bist es.“
Und dann – ein Schrei.
Nicht ihr Schrei.
Sein Schrei.
Jax’ Schrei.
Sie spürte, wie seine Hände sie losließen.
Sie spürte, wie er zurückwich.
Sie spürte, wie etwas ihn packte.
Etwas, das nicht hier war.
Etwas, das aus der Leere kam.
„Elara!“
Seine Stimme war gebrochen.
Als würde er wissen, dass er sterben würde.
Und dann – Stille.
Eine echte Stille.
Die Leere verschwand.
Die Wände des Tempels solidifizierten wieder.
Die Dunkelheit wurde dunkel.
Die Stimmen verstummten.
Elara atmete.
Sie atmete und spürte Schmerz.
Körperlichen Schmerz.
Sie lag auf dem Boden.
Sie lag auf dem Rücken.
Sie spürte Stein unter sich.
Sie spürte Kälte.
Sie spürte Jax’ Hände auf ihrer Schulter.
„Elara.“
Seine Stimme war rauh.
Als hätte er geschrien.
Als hätte er geweint.
„Elara, schau mich an.“
Sie tut es.
Sie öffnet die Augen.
Und sieht ihn.
Jax.
Sein Gesicht war bleich.
Seine Augen waren weit aufgerissen.
Seine Hände zitterten.
„Das war…“, sagte er. „Das war nicht—“
„Nein“, sagte Elara.
Sie setzte sich auf.
Ihr Kopf schmerzte.
Ihr Körper schmerzte.
Aber ihr Geist… ihr Geist brannte.
„Ich…“, sagte sie. „Ich…“
Sie stand auf.
Sie stand auf und wankte.
Sie stand auf und ging auf die Wand zu.
Die Wand, die pulsierte.
Die Wand, die blutete.
„Was…“, sagte Jax. „Was hast du getan?“
Elara berührte die Wand.
Die Wand, die warm war.
Die Wand, die feucht war.
Die Wand, die atmete.
„Ich…“, sagte sie. „Ich…“
Sie schloss die Augen.
Und dann sah sie es.
Das Rätsel.
Das Orakel hatte kein Rätsel für sie.
Es hatte keine Wörter.
Es hatte nur ein Bild.
Ein Bild von ihr.
Von der Gestalt.
Von der Silhouette.
Von dem Licht.
Und darunter… einer Zeile.
Einer Zeile, die nicht in irgendeiner Sprache war.
Aber sie verstand sie.
„Das Echo vergessener Götter…“, flüsterte sie.
„…wird zurückkommen“, sagte Jax.
Seine Stimme war leise.
Als würde er wissen, dass etwas schlimmer kam.
„Und es wird dich holen.“
Elara öffnet die Augen.
Sie sieht ihn an.
Sie sieht seine Augen.
Sie sieht die Angst.
„Jax“, sagt sie. „Wir müssen gehen.“
„Wohin?“, sagt er. „Wo hin?“
„Zurück“, sagt Elara. „Zurück zu dem Signal.“
„Das Signal…“, sagt Jax. „Das Signal ist weg.“
„Nein“, sagt Elara. „Es ist nicht weg.“
„Elara…“, sagt Jax. „Das Orakel hat dich angesprochen.“
„Nein“, sagt Elara. „Das Orakel hat nicht mich angesprochen.“
„Dann wer?“, sagt Jax. „Wer hat dich angesprochen?“
Elara schweigt.
Sie denkt.
Sie denkt an die Gestalt.
An das Licht.
An die Stimmen.
An die Wörter.
„Sie“, sagt sie. „Sie hat mich angesprochen.“
„Wer?“, sagt Jax. „Wer ist sie?“
Elara atmet ein.
„Die letzte“, sagt sie. „Die letzte der Götter.“
Jax lächelt.
Es ist kein fröhliches Lächeln.
Es ist ein bitteres Lächeln.
„Das ist es“, sagt er. „Das ist der Grund, warum ich dich hierher gebracht habe.“
„Was?“, sagt Elara.
„Das Orakel…“, sagt Jax. „Das Orakel ist nicht ein Orakel.“
„Was ist es dann?“, sagt Elara.
„Eine Falle“, sagt Jax. „Eine Falle für die Nächsten, die dich kommen.“
„Die Nächsten?“, sagt Elara. „Wen meinst du?“
Jax blickt auf sie hinab.
„Die Götter“, sagt er. „Die vergessenen Götter.“
Elara versteht es nicht.
„Jax…“, sagt sie. „Was bist du mir erklären?“
Jax schüttelt den Kopf.
„Es gibt keine Zeit“, sagt er. „Wir müssen gehen.“
„Wohin?“, sagt Elara.
„Zurück zu dem Schiff“, sagt Jax. „Bevor sie uns finden.“
„Wer?“, sagt Elara. „Wer sucht uns?“
Jax blickt auf die Wand.
Auf die pulsierende Wand.
Auf die blutende Wand.
„Alles“, sagt er. „Alles, was hier war.“
Und dann hört sie es.
Ein Geräusch.
Ein Flüstern.
Ein Echo.
Ein Echo, das nicht von dieser Welt kam.
Elara dreht sich um.
Und sie sieht es.
Etwas.
Etwas, das sich bewegte.
Etwas, das nicht da war.
Etwas, das im Schatten war.
Etwas, das sie ansah.
„Elara“, sagt Jax. „Wir müssen gehen.“
Aber sie kann nicht.
Sie kann nicht wegsehen.
Sie kann nicht aufhören anzusehen.
Sie kann nicht aufhören zu fühlen.
Etwas, das sich in ihr rührte.
Etwas, das sich erinnerte.
„Komm“, sagt es.
„Komm hinein.“
Und dann versteht sie.
Sie versteht, dass es nicht ein Geräusch war.
Es war ein Ruf.
Ein Ruf, der nicht für sie *