Kapitel 9
Das Licht im Korridor flackerte, als Elena die Tür zu ihrem Schlafzimmer öffnete. Es war nicht nur das Licht — es war, als würde die Luft selbst vibrieren, ein Summen, das sie in den Knochen spürte. Auf dem Nachttisch lag die Akte von Dr. Vossen, noch immer offen auf der letzten Seite: „Symptome einer latenten Psychose mit starkem somatischen Bezug. Die Patientin verleugnet die Realität der Schatten, was zu einer Eskalation führt.“
Sie starrte auf die Worte. Symptome. Das war das, was er wollte hören — eine Diagnose, ein Label, etwas, das man in einer Schublade ablegen konnte. Aber Elena wusste besser: Es gab keine Psychose, die sich wie ein lebendiges Wesen in ihrem Spiegelbild verhielt. Es gab keine Psychose, die sie nachts zum Schreien brachte und tagsüber in ihren Augen ein Lächeln hinterließ, das sie nicht als ihr eigenes erkannte.
Sie trat vor den Spiegel und sah ihn an — oder er sie? Das Gesicht, das ihr entgegenblickte, war identisch mit ihrem eigenen: dieselben Augen, die gleiche Mundpartie, dasselbe Haar. Aber das Lächeln war anders. Es war breiter, als wäre es von innen heraus gedrungen, und die Augen — sie waren dunkler, tiefer, als wäre in ihnen etwas bereit, das Licht zu verschlucken.
„Du hast recht“, sagte sie leise. „Ich verleugne es.“ Das Spiegelbild neigte den Kopf, als hätte sie ihn gehört. Es lächelte weiter, aber dieses Mal war es ein trauriges Lächeln, als würde es sie trösten. „Aber du kannst mich nicht besiegen“, flüsterte Elena. „Ich habe versucht, dich zu ignorieren, aber du bist hier.“ „Ja“, sagte das Spiegelbild. Seine Stimme war wie ihre eigene, aber tiefer, als wäre sie durch Wasser gefiltert worden. „Aber du hast mich schon besessen.“ Sie zuckte zusammen. Das war das erste Mal, dass er es gesagt hatte — nicht als Drohung, sondern als Tatsache. „Was meinst du damit?“ Das Spiegelbild neigte den Kopf zur Seite, als wäre es eine Frage. „Du hast mich schon besessen, Elena. Du bist bereits hier.“ Sie wollte protestieren, aber die Worte blieben ihr im Hals stecken. Sie sah sich an — wirklich ansah sich selbst, und für einen Moment gab es keinen Unterschied mehr zwischen ihr und dem Spiegelbild. Es war, als wäre sie beide zugleich hier: die Frau vor dem Glas und das Wesen dahinter. „Ich bin nur ich“, sagte sie, aber ihre Stimme klang hohl, als würde sie von irgendwo anderem kommen. „Du bist mehr“, sagte das Spiegelbild und seine Augen blitzenen auf, als wäre er bereit zu springen. „Du bist diejenige, die hier ist und trotzdem nicht da sein will.“ Sie wollte sich abwenden, aber sie konnte den Blick nicht loswerden. Es war, als wäre er angekettert an ihn, wie ein Magnet, der sie zum Spiegel zog. „Was willst du von mir?“ fragte sie schließlich, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern. Das Spiegelbild lächelte breiter, und für einen Moment sah sie etwas in seinen Augen — eine tiefe Traurigkeit, die sich wie ein Griff um ihre Seele legte. „Ich will nur, dass du mich siehst“, sagte er. „Nicht als Feindin, nicht als Krankheit, sondern als Teil von dir.“ Sie wollte antworten, aber die Worte blieben ihr im Hals stecken. Sie starrte ihn an und sah für einen Moment, wie er sich bewegte — nicht nur das Spiegelbild, sondern etwas anderes, als wäre er bereit zu springen. „Ich kann dich nicht besiegen“, sagte sie schließlich, und ihre Stimme war ruhig, fast sanft. „Aber ich kann dich akzeptieren.“ Das Spiegelbild neigte den Kopf, als wäre es eine Frage. „Und was bedeutet das für dich?“ Sie starrte ihn an und sah, wie er sich bewegte — nicht nur das Spiegelbild, sondern etwas anderes, als wäre er bereit zu springen. „Es bedeutet“, sagte sie schließlich, und ihre Stimme war ruhig, fast sanft, „dass ich aufhören werde, mich vor dir zu verstecken.“ „Dann bist du bereit“, sagte er, und seine Stimme war wie ihre eigene, aber tiefer, als wäre sie durch Wasser gefiltert worden. Sie nickte langsam und sah ihn an — nicht mehr als Feindin, sondern als Teil von sich selbst. „Ja“, sagte sie schließlich, und ihre Stimme war ruhig, fast sanft. „Ich bin bereit.“ „Und was kommt jetzt?“ „Jetzt“, sagte sie schließlich, und ihre Stimme war ruhig, fast sanft, „beginnen wir.“