← Das Spiegelbild der Verleugnung
Chapter 8 Revised 582 Words

Dr. Vossen und die Akte — Elena soll die Parallele zwischen ihrer bewussten Konstruktion der Realität und der unbewussten Ablehnung ihrer eigenen Verletzlichkeit durch eine stille, textbasierte Monologisierung darzustellen

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Die Akte lag auf Vossens Schreibtisch, ein dünnes Heft mit Namen und Daten, das sich in der sterilen Luft seiner Praxis wie ein Fremdkörper anfühlte. Elena beobachtete, wie er die Seiten umblätterte – nicht mit der Neugier eines Menschen, der nach Antworten sucht, sondern mit dem nüchternen Blick eines Mechanikers, der eine Maschine zerlegt. „Diese Träume“, sagte er schließlich und legte die Akte weg, „sie sind keine Fenster in eine andere Welt. Sie sind Spiegelungen Ihrer eigenen Unterbewusstseins-Prozesse.“

Elena spürte, wie ihr der Atem stockte. „Aber sie fühlen sich so real an.“

Vossen lächelte nicht, aber seine Augen wurden weicher. „Das ist die Gefahr der Imagination. Sie erschafft eine Realität, in der sie sich sicher fühlt – und dann verleugnet sie diejenige, die ihr wehtut.“

Sie wollte widersprechen. Sie wollte schreien, dass seine Worte nur eine andere Form der Verleugnung waren – die eines Mannes, der sich weigerte zu sehen, was direkt vor ihm lag. Doch sie schwieg. Stattdessen beobachtete sie seine Hände, die sich auf dem Tisch zusammenzogen, als würde er versuchen, etwas zu festhalten. „Sie spielen eine Rolle“, sagte er leise. „Die Frau, die alles unter Kontrolle hat. Die Frau, die keine Schatten sieht.“

Elena schloss die Augen und sah das Spiegelbild vor sich. Es lächelte nicht mehr nur aus Zähnen und Dunkelheit – es grinste, als hätte es ihr Geheimnis entdeckt. Du kannst nur eines sein.

Marta stand in der Tür und beobachtete Elena, die sich auf ihr Bett fallen ließ. Das Zimmer war kühl, das Licht der Abendsonne fiel schräg durch die Fenster und malte lange Schatten auf den Boden. „Sie haben recht“, sagte Marta leise, ohne die Tür zu schließen. „Die Schatten kommen nicht von draußen.“

Elena hob den Kopf, ihr Blick war müde. „Ich weiß das jetzt.“

Marta trat näher und setzte sich auf die Bettkante. Ihre Hand lag schwer auf Elenas Schulter, warm und realer als alles andere in diesem Raum. „Sie haben sich geweigert, sie anzusehen. Sie dachten, wenn man die Augen schließt, verschwinden sie.“

Elena lächelte bitter. „Und was passiert jetzt? Wenn ich hinsehe?“

Marta zögerte, dann sagte sie es: „Sie werden stärker. Weil Sie ihnen endlich Raum geben.“

Elena schloss die Augen wieder und spürte, wie das Spiegelbild sich bewegte. Nicht nur in der Wand – sondern in ihr selbst. Es war kein Schatten mehr, den sie verleugnete. Es war ein Teil von ihr, der endlich atmen durfte.

Die Nacht kam mit einem Flüstern aus dem Spiegel, das sich in Elenas Gedanken verwebte. Du kannst nur eines sein. Sie saß auf dem Bett, die Decke um ihre Schultern gewickelt, und beobachtete ihr Spiegelbild. Es saß dort ebenfalls, die Hände in den Schoß gelegt, das Gesicht im Schatten der Fensterbank. Doch es lächelte nicht mehr nur aus Zähnen und Dunkelheit – es grinste, als hätte es ihr Geheimnis entdeckt. Elena spürte, wie die Grenzen zwischen ihr und dem Spiegelbild verschwammen. War sie das? Oder war es nur eine Version von ihr, die sich geweigert hatte, hinzusehen? Sie stand auf und trat näher an den Spiegel. Das Glas war kühl unter ihren Fingerspitzen, aber das Bild darin bewegte sich nicht mehr nur – es lebte. Es atmete mit ihr, lächelte mit ihr, weinte vielleicht sogar mit ihr. „Du verleugnest deine Rolle“, sagte das Spiegelbild, und die Stimme war ihre eigene – nur tiefer, dunkler. „Du kannst nur eines sein.“

Elena zitterte. Sie wollte weggehen, aber ihr Körper gehorchte nicht mehr. „Welche Rolle?“

„Diejenige, die du spielen kannst“, sagte das Spiegelbild. „Diejenige, die dich rettet.“

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