Der Kurator sucht — Der Kurator sucht nach Elara.
Die Gasse war schmaler, als Elara sie in Erinnerung hatte. Die Mauern hier waren nicht wie die anderen — sie schienen sich zu bewegen, ein leichtes Zittern unter den Fingern, das wie ein Puls war. Kael hatte recht gehabt: Die Stadt atmete. Aber jetzt, wo sie hier stand, war das Atmen wie ein Geräusch, das aus einem anderen Raum kam. Ein tiefes Brummen, das sich in ihren Knochen summte.
Elara zog den Kragen ihres Mantels hoch, als sie sah, wie sich eine Gestalt aus dem Schatten löste. Der Kurator.
Er war nicht groß, aber er hatte eine Präsenz, die den Raum füllte wie Rauch. Sein Gesicht war ein Riss im Boden, zwei Augen wie dunkle Spalten, aus denen nichts kam. Seine Stimme war sandig, wie Glas auf Stein.
„Elara“, sagte er. Es klang nicht wie ein Name, sondern wie eine Warnung.
Sie trat zurück, bis sie gegen die Wand stieß. Die Steine waren kalt, aber das Zittern war noch da. „Was wollen Sie?“
„Ich will nicht“, sagte er, und seine Stimme war wie ein Geräusch aus einem anderen Raum. „Ich will nur wissen.“
Elara spürte, wie ihr Herz gegen die Rippen schlug. Sie hatte ihn im Archiv gesehen, aber jetzt war er hier, in der Gasse, und sie wusste nicht, was passieren würde.
„Was wissen Sie?“ fragte sie, aber ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
Der Kurator trat näher. Sein Gesicht blieb wie immer im Schatten, aber Elara sah jetzt die Risse in seiner Haut deutlicher. Sie waren wie Narben, tief und unregelmäßig.
„Ich weiß“, sagte er, „dass du das Flüstern hörst.“
Elara erstarrte. Sie hatte es nicht gesagt, aber jetzt wusste er es. Die Stadt hatte ihm das verraten.
„Und was bedeutet das?“ fragte sie, aber ihre Stimme war wie Glas auf Stein.
Der Kurator lächelte nicht, aber Elara sah es in den Rissen seines Gesichts. „Es bedeutet“, sagte er, „dass du ein Teil davon bist.“
Elara spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog. Ein Teil davon? Was bedeutete das?
„Und was will die Stadt von mir?“ fragte sie, aber ihre Stimme war wie Glas auf Stein.
Der Kurator trat noch näher. Elara spürte, wie sein Atem gegen ihr Gesicht drückte. Es war kalt und roch nach Staub.
„Die Stadt will“, sagte er, „dass du das Geheimnis bewahrst.“
Elara schloss die Augen. Sie sah Lea vor sich, wie sie im Licht der Sonne gelacht hatte, bevor alles dunkel geworden war.
„Und was ist das Geheimnis?“ fragte sie, aber ihre Stimme war wie Glas auf Stein.
Der Kurator schwieg einen Moment. Dann sagte er: „Es ist das, was übrig bleibt.“
Elara öffnete die Augen. Sie sah den Kurator an, aber sie sah auch etwas anderes — ein Licht in seinen Rissen, das wie Sterne aussah.
„Was ist übrig geblieben?“ fragte sie, aber ihre Stimme war wie Glas auf Stein.
Der Kurator trat zurück. „Das Gedächtnis“, sagte er, und seine Stimme war wie Glas auf Stein.
Das Gedächtnis? Was bedeutete das?
„Und was ist mit Lea?“ fragte sie, aber ihre Stimme war wie Glas auf Stein.
Der Kurator schwieg einen Moment. Dann sagte er: „Sie ist Teil davon.“
Lea war Teil des Gedächtnisses?
„Und wie werde ich das wissen?“ fragte sie, aber ihre Stimme war wie Glas auf Stein.
Der Kurator trat näher.
„Du musst lernen“, sagte er, „zu hören.“