← Die Kartografin der verlorenen Zunge
Chapter 6 Revised 1,241 Words

Die Klinik unter der Stadt — Lena findet heraus, dass es eine geheime Klinik gibt — und dass Dr. Weber der Mann ist, der dort experimentiert.

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KAPITEL 6

Die Wohnung roch nach Salz und verbranntem Zucker, weil Mira zu viel Anis in den Tee gegeben hatte. Lena stand am Küchenfenster, das mit Klebeband abgedichtet war, und sah auf die leere Straße. Kein Licht, kein Vorbeigehen. Als hätte die Stadt sich für die Nacht einfach zurück gezogen. Mira hockte auf dem Boden, sortierte Zeitungsausschnitte in eine Schachtel. Jeder Paper knisterte wie ein Knochen. Klinik. Experiment. Gedächtnisverlust. Die Worte waren unterstrichen, durchgestrichen, mit roten Tintenflecken. Lena spürte es schon, bevor Mira den Mund öffnete: die Liste. „Zehn Namen“, sagte Mira. „Zehn vollgestopfte Dateien. Die sind alle 1985 in dieser Klinik gelandet. Und dann? Weg.“

Lena lehnte sich gegen die Fensterbank. Die Kälte kroch durch ihre Kleidung, aber ihr Magen war heiß. „Welche Namen?“

Mira hob den Kopf. Augen wie zwei schwarze Löcher. „Einer davon ist Dr. Weber.“

Lena spürte es sofort — der Wurm in ihrem Bauch zuckte, dann explodierte er. „Was?“

Mira schob die Schachtel rüber. Eine Liste, handschriftlich, mit Tintenflecken. Dr. Weber. Datum. 27. März 1985. Der Tag, an dem sie aufgehört hatte, sie selbst zu sein. Lena griff danach. Die Tinte war kalt, fast wie Haut. „Woher weißt du das?“

Mira zuckte mit den Schultern. „Ich kenne Leute. Und die kennen Leute. Die Klinik ist in der Wuhlheide. Unterirdisch. Keine Aufschlüsse. Nur ein paar Namen, die rauskommen — und dann? Nichts mehr.“

Lena spürte, wie ihr Herz schneller schlug. „Und Elias?“

Mira sah sie an, als hätte sie etwas Falsches gesagt. „Was ist mit Elias?“

Lena zögerte. „Er hat mir ein Foto gezeigt. Ein Mann mit Stempel. Gelöscht. 27. März 1985.“

Mira erstarrte. „Foto? Wo hast du das her?“

„Er hat es mir gezeigt. In seiner Wohnung.“

Mira setzte sich abrupt auf. „Du warst in seiner Wohnung?“

Lena nickte. „Ja. Wir sind zusammen hingegangen. Nach dem Bahnhof.“

Mira starrte sie an, als würde sie sie zum ersten Mal sehen. „Lena...“

„Was?“

Mira seufzte. „Ich wollte dir nicht sagen, dass ich dich warne. Nicht, dass ich dich warne, weil ich dich nicht traue. Ich warne dich, weil ich dich kenne. Und weil ich weiß, was passiert, wenn du in diese Sache reinkriegst.“

Lena spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. „Was genau meinst du?“

Mira lehnte sich zurück. „Die Klinik löscht nicht nur Erinnerungen. Sie löscht Menschen. Und wenn du da reinkriegst, dann...“ Sie brach ab. „Dann bist du nicht mehr du.“

Lena spürte, wie sich ihr Herz zusammenzog. „Was?“

Mira sah sie an, als würde sie es ihr nicht glauben wollen. „Du kennst die Liste. Zehn Namen. Zehn Menschen, die 1985 in die Klinik gegangen sind. Und dann? Nichts mehr. Keine Akten, keine Spuren, keine Erinnerungen. Als wären sie nie existiert.“

Lena spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. „Und Dr. Weber ist einer von ihnen?“

Mira nickte. „Einer von ihnen.“

Lena spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. „Was hat er gemacht?“

Mira sah sie an, als würde sie es ihr nicht glauben wollen. „Er hat Erinnerungen gelöscht. Systematisch. Und dann hat er sich selbst gelöscht.“

Lena spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. „Und jetzt?“

Mira seufzte. „Jetzt, Lena, bist du an der Reihe.“

Lena spürte, wie sich ihr Herz zusammenzog. „Was?“

Mira sah sie an, als würde sie es ihr nicht glauben wollen. „Du bist die nächste. Die Liste sagt es. Dr. L. Der 27. März 1985. Der Tag, an dem du aufgehört hast, du selbst zu sein.“

Lena spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. „Das kann nicht sein.“

Mira seufzte. „Du verstehst es nicht, weil du es nicht wissen willst. Weil du es nicht glauben willst. Weil du es nicht akzeptieren willst, dass es Menschen gibt, die deine Erinnerungen stehlen. Dass es Menschen gibt, die deine Identität löschen.“

Lena spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. „Und was soll ich tun?“

Mira sah sie an, als würde sie es ihr nicht glauben wollen. „Lass los. Geh weg. Vergiss alles. Dann bist du sicher.“

Lena spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. „Ich kann nicht.“

Mira seufzte. „Dann stirbst du.“

Lena spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. „Ich sterbe.“

Mira nickte. „Ja. Wenn du weiter suchst. Wenn du weiter gräbst. Wenn du weiter fragst. Dann stirbst du.“

Lena spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. „Ich verstehe das nicht.“

Mira sah sie an, als würde sie es ihr nicht glauben wollen. „Es ist so. Und du kannst nichts dagegen tun. Außer du bleibst hier. Außer du lässt los. Außer du lässt zu, dass sie dich löschen.“

Lena spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. „Ich kann nicht.“

Mira seufzte. „Dann stirbst du.“

Lena spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. „Ich sterbe.“

Mira nickte. „Ja. Wenn du weiter suchst. Wenn du weiter gräbst. Wenn du weiter fragst. Dann stirbst du.“

Lena spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. „Ich verstehe das nicht.“

Mira sah sie an, als würde sie es ihr nicht glauben wollen. „Es ist so.“


Die U-Bahn war voll. Nicht diese geklonte, sterile Füllung der Nachtschicht, sondern die echte, die, in der sich Körper an Körpern rieben, die sich den Weg mit Ellenbogen erkämpften, die Atmosphäre derer, die irgendwohin mussten und keine Zeit hatten. Der Geruch von Schweiß, Zigaretten, fettigem Imbiss. Lena stand mit dem Rücken zur Tür, die Hände in den Taschen ihrer Jacke vergraben, die Augen auf den Boden gerichtet. Mira stand hinter ihr, nah genug, um zu flüstern, ohne dass es auffiel.

„Sie ist da“, sagte Mira.

Lena hob den Kopf. „Die Klinik?“

„Die Klinik.“ Mira beugte sich leicht vor. „Und sie beobachten uns.“

Lena spürte es sofort. Nicht wie ein Blick, nicht wie ein Gefühl, sondern wie eine Fehlstelle in der Luft. Etwas, das nicht sein sollte, aber war. Sie drehte sich langsam um, als würde sie einen unsichtbaren Gegner mustern. Nichts. Nur die Menschen, die an ihr vorbeigingen, die Gesichter im Halbdunkel, die Augen, die nicht an ihr hingen.

„Du spürst es“, murmelte Mira.

Lena nickte. „Als würde ich durch eine Membran gehen. Als würde ich sehen, was nicht da ist.“

Die U-Bahn bremste abrupt, die Menschen stießen gegen sie, jemand rief etwas, das sie nicht verstand. Lena blieb stehen, die Hände immer noch in den Taschen, die Finger um etwas gekrallt, das nicht da war. Sie hatte es in Brenners Wohnung gefunden, zwischen den Seiten eines Buches, das nicht dort hingehörte. Ein Schlüssel. Oder etwas, das wie ein Schlüssel aussah.

„Das ist es“, sagte Mira.

Lena blickte auf. „Was?“

„Das, was du spürst. Das ist die Klinik. Die Membran. Sie ist überall, aber sie ist nicht da, wo sie sein sollte. Sie ist da, wo sie nicht sein sollte.“

Lena spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. „Und du weißt, wo sie ist.“

Mira nickte. „Ich weiß, wo sie ist. Und ich weiß, dass sie uns beobachten. Dass sie uns bereits gelöscht haben, bevor wir es merken.“

Die U-Bahn hielt. Die Türen öffneten sich. Ein Strömung von Menschen flutete in den Waggon, drängte sie gegen die Wand. Lena spürte, wie sich ihre Muskeln anspannten, wie sich ihre Finger um den Schlüssel in ihrer Tasche schlossen. Sie wusste, dass sie dort sein musste. Sie wusste, dass sie dort sein musste, bevor es zu spät war.

„Gehen wir“, sagte sie.

Mira biss sich auf die Lippe. „Es ist zu spät, um zu gehen.“

Lena blickte sie an. „Nein. Es ist zu spät, um zu bleiben.“

Die Türen schlossen sich. Die U-Bahn fuhr weiter. Und Lena spürte, wie sich die Membran um sie legte, wie sie durch sie hindurchging, als wäre sie schon längst nicht mehr sie selbst.

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