Der Bibliothekar, der sich selbst vergisst — Lena trifft Herr Brenner und erfährt, dass sein Gedächtnis sich in Echtzeit auflöst.
Szene 1: Die Bibliothek der vergessenen Bücher
Die Tür quietschte, als Lena sie aufdrückte. Drinnen roch es nach altem Papier, Holzstaub und diesem speziellen Geruch, den Bibliotheken haben – wie ein Archiv, das noch nicht ganz fertig ist mit seiner eigenen Geschichte. Sie trat ein, und sofort spürte sie, dass etwas nicht stimmte. Die Regale waren zu voll. Zu geordnet. Als hätte jemand tausend Bücher auf einmal abgestellt und sie alle exakt nach Größe sortiert.
Hinter dem Empfangstresen saß ein Mann mit grauen Haaren, die er sich immer wieder über die Stirn strich. Sein Gesicht war schmal, die Mundwinkel hingen leicht herab, als würde er ständig über etwas nachdenken, das er nicht ganz kapierte. Er hob den Kopf, und in seinen Augen lag etwas, das Lena erschreckend vertraut vorkam.
Ich kenne ihn.
„Guten Tag“, sagte er. Seine Stimme war rau, als hätte er lange nicht gesprochen. „Kann ich Ihnen helfen?“
Lena musterte ihn. Er trug ein Hemd, das an den Ärmeln ausgefranst war, und eine Brille, deren Gläser fleckig waren. Auf dem Resenstresen stand ein Buch aufgeschlagen, aber er starrte nicht auf die Seiten. Er starrte durch sie hindurch, als würde er auf etwas Wichtiges warten, das nicht da war.
„Ich suche Herrn Brenner“, sagte Lena.
Ein kaum merkliches Zucken zuckte über sein Gesicht. „Das bin ich.“
„Sie erinnern sich nicht an mich, oder?“
Er runzelte die Stirn. „Sollte ich?“
Lena setzte sich auf einen der alten Lesestühle, die so klapprig waren, dass sie sich fragten, ob sie noch halten würden. „Ich bin Lena Voss. Ich war hier. Vor einigen Tagen.“
Brenner strich sich wieder über die Stirn. „Voss… Das klingt vertraut. Aber ich… ich kann mich nicht daran erinnern.“
„Das ist okay“, sagte Lena. „Erzählen Sie mir von Ihren Büchern.“
„Meine Bücher?“
„Die hier. Die Sie sortieren.“
Brenner blickte auf die Regale, als sähe er sie zum ersten Mal. „Ah. Ja. Die Bücher.“ Seine Stimme wurde leiser, fast ehrfürchtig. „Ich liebe Bücher. Immer schon. Seit ich denken kann. Ich habe stundenlang in Bibliotheken gesessen und gelesen, bis meine Augen brannten.“
Lena beobachtete ihn. Es war nicht die Art von Traurigkeit, die man erwarten würde, wenn jemand etwas Wichtiges verloren hätte. Es war etwas anderes. Etwas, das fast wie Erleichterung wirkte.
„Und jetzt?“ fragte sie.
Brenner zuckte mit den Schultern. „Jetzt vergisst man die Bücher, die man gelesen hat. Aber die neuen… die neuen merkt man sich noch.“ Er lächelte, und für einen Moment sah er aus wie ein Junge, der gerade etwas Schönes entdeckt hatte.
Lena spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog. Das ist es. Das ist die Liste.
„Die Liste“, sagte sie plötzlich. „Sie haben eine Liste. Eine Liste von Dingen, die Sie vergessen haben.“
Brenner erstarrte. Seine Finger zuckten. „Woher wissen Sie das?“
Lena lehnte sich zurück. „Weil ich auch eine habe.“
Er starrte sie an, als hätte er sie gerade erst richtig gesehen. Dann, ganz langsam, sagte er: „Ich kenne Sie.“
Szene 2: Die Liste der vergessenen Dinge
Brenner stand auf, ohne Lena anzusehen. Seine Finger krallten sich in den Rand des Resenstresens. „Die Liste ist in meiner Wohnung“, sagte er. „Aber ich… ich weiß nicht, ob ich sie noch finden werde.“
Lena folgte ihm durch einen schmälern Gang, wo die Wände mit Regalen gesäumt waren, die bis zur Decke reichten. Jedes Buch stand so exakt parallel, als hätte jemand mit Lineal und Geodreieck gearbeitet. Brenner berührte jedes dritte Buch, als müsste er sich vergewissern, dass es noch da war. Seine Schritte waren unsicher, als würde der Boden unter ihm nachgeben.
Die Wohnung war klein, aber jedes Möbelstück stand an seinem Platz – ein Schreibtisch mit einer Schublade, die halb offenstand, ein Sessel mit einer Wolldecke darüber, ein Regal mit Notizbücher, deren Seiten nur halb beschrieben waren. Auf dem Schreibtisch lag ein Blatt Papier. Brenner blieb stehen, als hätte er es zum ersten Mal gesehen.
„Da“, sagte er. Seine Stimme zitterte leicht. „Das ist sie.“
Lena trat näher. Die Liste war handschriftlich, mit krakeliger Schrift, die manchmal nachlinks neigte, als hätte der Schreiber die Feder verloren. Sie bestand aus drei Spalten: Datum, Namen, Beschreibung. Die erste Spalte war lückenlos, bis zum letzten Eintrag. Die zweite Spalte jedoch hatte Leerzeichen. Nicht wenige – genau zehn. Und in der dritten Spalte stand: Vergessen. Aber nicht ganz.
„Was bedeutet das?“, fragte Lena und tippte mit dem Finger auf das Leerfeld.
Brenner setzte sich auf den Stuhl, ohne den Blick von der Liste zu wenden. „Ich weiß es nicht mehr“, sagte er. „Aber ich erinnere mich an den Moment, in dem ich es geschrieben habe. Es war ein Samstagmorgen. Ich stand hier und habe Kaffee getrunken, und plötzlich…“ Er schloss die Augen. „Suddenly –“ Er unterbrach sich, als hätte er das Wort gehört, das er nicht aussprechen wollte. „Plötzlich war da eine Lücke. Wie ein Stück, das jemand aus einem Puzzle herausgebrochen hat. Und ich wusste, dass es wichtig war.“
Lena las die Namen. Elias. Kühne. Weber. Frau B. Dr. L. Keiner davon sagte ihr etwas – doch dann, bei dem letzten Namen, Dr. L., zuckte sie zusammen. „Das ist Dr. Weber“, sagte sie. „Mein Kollege. Er hat Theorien über…“ Sie brach ab. Über was genau?
Brenner hob den Kopf. „Weber. Ja. Der Name klingt bekannt.“ Er strich sich über die Stirn, als könnte er sich damit helfen, sich zu erinnern. „Aber nicht an ihn selbst. An etwas, das er gesagt hat. Vor zwei Jahren. In einer Konferenz.“ Seine Stimme wurde leiser. „Er hat von einer Klinik gesprochen. Von Leuten, deren Erinnerungen…“ Er griff nach dem Blatt, als würde er sich festhalten müssen. „…die man löschen kann. Wie ein Schutzmechanismus.“
Lena spürte, wie sich etwas in ihrem Magen zusammenzog. „Und das ist passiert?“
„Das ist passiert.“ Brenners Finger glitten über die Liste. „Ich habe es notiert, als ich es hörte. Aber heute… heute ist das hier.“ Er tippte auf das Leerfeld. „Die Lücke. Und ich weiß nicht mehr, warum ich es aufgeschrieben habe.“
Lena sah auf das Datum der letzten Eintragung: 27. März 1985. Das war das Datum auf dem Foto, das Elias ihr gezeigt hatte. Der Tag, an dem ich aufgehört habe, ich selbst zu sein.
„Herr Brenner“, sagte sie langsam. „Kennen Sie den Namen Elias?“
Er erstarrte. „Elias…“ Seine Augen wurden weit. „Nein. Oder doch. Ich…“ Seine Stimme brach ab. „Ich habe ihn mal gelesen. Vor Jahren. Aber nicht…“ Er schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. „Ich habe ihn nicht mehr.“
Lena spürte, wie sich die Luft in ihren Lungen verdichtete. Elias. Das war der Name auf dem Zettel. Das war der Name, den sie sich nicht merken konnte. Das war der Name, den sie sich nicht merken konnte.