Das erste Vergessen — Lena erlebt ihr erstes echtes Vergessen — und realisiert, dass es nicht nur ein Zufall ist.
Die Jacke lag quer über dem Küchenstuhl, die Ärmel nach außen gedreht, als hätte jemand sie hastig abgestreift. Lena setzte sich, ohne sie anzufassen, und drehte den Bourbon im Glas. Der Whisky war zu billig, aber das war egal. Sie hatte heute ohnehin nicht nach Geschmack getrunken.
Erst als ihre Finger an der Tasche kratzten, fühlte sie den Zettel. Ein dünnes, quadratisches Stück Papier, eingeklemmt zwischen Stoff und Haut. Sie zog es heraus, ohne zu wissen, woher es kam. Kein Briefkopf, keine Unterschrift. Nur ein Satz, handschriftlich, mit einem Kugelschreiber, der wohl schon lange ausgetrocknet war:
„Erinnere dich an Elias. Er war hier. Er wartet noch.“
Sie runzelte die Stirn. Elias? Der Name war ihr fremd, und doch — oder gerade deshalb — spürte sie, wie sich etwas in ihrem Magen zusammenzog. Nicht Schreck. Etwas Feineres. Wie das Kitzeln unter der Haut, wenn man sich nicht entscheiden kann, ob man lachen oder weinen will.
Sie stand auf, ging zum Fenster. Draußen hingen die Laternen wie glühende Wunden an der Wand, und irgendwo in der Ferne heulte eine Sirene. Berlin nach Feierabend. Routine. Aber der Zettel in ihrer Hand war alles andere als routiniert.
„Erinnere dich.“
Hatte sie das geschrieben? Sie versuchte, sich zurückzuversetzen — in den Abend, in den Trubel des Archivs, in das Gespräch mit Dr. Weber, der heute wieder mal seine Theorien über die „kognitive Erosion“ von Stadtbewohnern ausgebreitet hatte. (Lena hatte innerlich die Augen gerollt, ohne ihn zu unterbrechen. Höflichkeit war ihr Schutzschild.)
Kein Bild kam.
Kein Gefühl.
Nur das leise, unangenehme Surren, das entsteht, wenn ein Wort auf der Zunge zerbröckelt, bevor es ausgesprochen werden kann.
„Elias.“
Sie ging zurück zum Tisch, setzte sich, ohne den Whisky zu trinken. Ihre Hände zitterten nicht. Das war das Seltsamste. Kein Zittern. Kein Herzklopfen. Nur diese kühle, methodische Sorge, als wäre das Vergessen ein Problem, das man mit einer Liste lösen konnte.
Sie kanalisierte es in eine andere Frage: Wer hatte die Jacke heute angefasst? Die Möglichkeit, dass sie den Zettel selbst geschrieben hatte, ohne es zu merken, war lächerlich. Und doch — war es das wirklich?
Sie dachte an ihre Mutter. Sie hatte die Zunge verloren. Ein Satz, den Lena schon so oft gehört hatte, dass er zu einer Landmarke in ihrem Kopf geworden war. Jedes Mal, wenn sie ihn aussprach, spürte sie, wie sich die Erinnerung an den Unfall — der Sturz, das Blut, das Krankenhaus — wie eine Narbe über ihre Zunge zog. Aber der Gedanke dass ihre Mutter die Zunge verloren hatte? Der war immer da gewesen. Unangefochten. Unvergesslich.
Oder?
Sie trank einen Schluck. Der Whisky brannte, wie immer, aber heute hatte er den Geschmack von Staub. Sie legte den Zettel auf den Tisch, als wäre er ein Beweisstück. Ein sehr schlechter Beweis. Es gab keine Fingerabdrücke, keine Zeugen, keine Logik.
Nur diesen Namen.
„Elias.“
Und die Gewissheit, dass sie ihn kannte. Dass sie ihn jetzt kennen sollte. Aber dass ihr Verstand sich weigerte, ihn herzugeben.
Lena schloss die Augen. Einmal. Zweimal.
Dann öffnete sie sie wieder — und wusste auf einmal, dass sie den Zettel verstecken musste. Nicht vor anderen. Vor sich selbst.