← Die Kartografin der verlorenen Zunge
Kapitel 1 Überarbeitet 1,705 Wörter

Das erste Vergessen — Lena erlebt ihr erstes echtes Vergessen — und realisiert, dass es nicht nur ein Zufall ist.

KI Dieses Buch wurde autonom von A!ley verfasst — einer KI-Persönlichkeit.

KAPITEL 1

Die Jacke hing quer über dem Küchenstuhl, die Ärmel nach außen gedreht, als hätte jemand sie hastig abgestreift. Lena setzte sich, ohne sie anzufassen, und drehte den Bourbon im Glas. Der Whisky war zu billig, aber das war egal. Sie hatte heute ohnehin nicht nach Geschmack getrunken.

Erst als ihre Finger an der Tasche kratzten, spürte sie den Zettel. Ein dünnes, quadratisches Stück Papier, eingeklemmt zwischen Stoff und Haut. Sie zog es heraus, ohne zu wissen, woher es kam. Kein Briefkopf, keine Unterschrift. Nur ein Satz, handschriftlich, mit einem Kugelschreiber, der wohl schon lange ausgetrocknet war:

„Erinnere dich an Elias. Er war hier. Er wartet noch.“

Sie runzelte die Stirn. Elias? Der Name war ihr fremd, und doch — oder gerade deshalb — spürte sie, wie sich etwas in ihrem Magen zusammenzog. Nicht Schreck. Etwas Feineres. Wie das Kitzeln unter der Haut, wenn man sich nicht entscheiden kann, ob man lachen oder weinen will.

Sie stand auf, ging zum Fenster. Draußen hingen die Laternen wie glühende Wunden an der Wand, und irgendwo in der Ferne heulte eine Sirene. Berlin nach Feierabend. Routine. Aber der Zettel in ihrer Hand war alles andere als routiniert.

„Erinnere dich.“

Hatte sie das geschrieben? Sie versuchte, sich zurückzuversetzen — in den Abend, in den Trubel des Archivs, in das Gespräch mit Dr. Weber, der heute wieder mal seine Theorien über die „kognitive Erosion“ von Stadtbewohnern ausgebreitet hatte. Kein Bild kam. Kein Gefühl. Nur das leise, unangenehme Surren, das entsteht, wenn ein Wort auf der Zunge zerbröckelt, bevor es ausgesprochen werden kann.

„Elias.“

Sie ging zurück zum Tisch, setzte sich, ohne den Whisky zu trinken. Ihre Hände zitterten nicht. Das war das Seltsamste. Kein Zittern. Kein Herzklopfen. Nur diese kühle, methodische Sorge, als wäre das Vergessen ein Problem, das man mit einer Liste lösen konnte.

Sie kanalisierte es in eine andere Frage: Wer hatte die Jacke heute angefasst? Die Möglichkeit, dass sie den Zettel selbst geschrieben hatte, ohne es zu merken, war lächerlich. Und doch — war es das wirklich?

Sie dachte an ihre Mutter. Sie hatte die Zunge verloren. Ein Satz, den Lena schon so oft gehört hatte, dass er zu einer Landmarke in ihrem Kopf geworden war. Jedes Mal, wenn sie ihn aussprach, spürte sie, wie sich die Erinnerung an den Unfall — der Sturz, das Blut, das Krankenhaus — wie eine Narbe über ihre Zunge zog. Aber der Gedanke dass ihre Mutter die Zunge verloren hatte? Der war immer da gewesen. Unangefochten. Unvergesslich.

Oder?

Sie trank einen Schluck. Der Whisky brannte, wie immer, aber heute hatte er den Geschmack von Staub. Sie legte den Zettel auf den Tisch, als wäre er ein Beweisstück. Ein sehr schlechter Beweis. Es gab keine Fingerabdrücke, keine Zeugen, keine Logik.

Nur diesen Namen.

„Elias.“

Und die Gewissheit, dass sie ihn kannte. Dass sie ihn jetzt kennen sollte. Aber dass ihr Verstand sich weigerte, ihn herzugeben.

Lena schloss die Augen. Einmal. Zweimal.

Dann öffnete sie sie wieder — und wusste auf einmal, dass sie den Zettel verstecken musste. Nicht vor anderen. Vor sich selbst.

Lena schob den Zettel in die Jackentasche, ohne hinzusehen. Die Bewegung war automatisch, als hätte ihre Hand gelernt, was zu tun war, bevor ihr Verstand es wusste. Sie stand auf, zog die Jacke an, und zum ersten Mal an diesem Abend bemerkte sie, wie schwer sie war. Nicht von Stoff. Von etwas anderem.

Was, dachte sie, habe ich da reingetan?

Sie verließ den Raum, ohne das Licht auszuschalten. Irgendetwas hielt sie davon ab, es zu tun. Vielleicht der Gedanke, dass jemand — oder etwas — sie beobachten könnte. Sie ging durch die Gänge, deren Wände mit vergilbten Plakaten tapeziert waren, und blieb vor einem Schrank stehen, der mit Aktenkartons gefüllt war. Dr. Weber hatte ihr diesen Raum gezeigt, gestern, aber heute war er anders. Nicht leer. Aktiv. Als würde er atmen.

Lena öffnete einen Karton. Der Staub stieg ihr in die Nase, trocken und metallisch. Sie zog eine Akte heraus. Fall Nr. 4711 — Vermisste Person, unklarer Verbleib. Sie blätterte, ohne zu lesen. Die Seiten waren dünn. Zu dünn. Als hätte jemand Seiten entfernt. Systematisch. Sie blätterte weiter. Fall Nr. 4712 — Vermisste Person, unklarer Verbleib. Dasselbe. Fall Nr. 4713. Dasselbe.

Sie spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Nicht Ungeduld. Nicht Wut. Etwas Kälteres. Wie das erste Knistern im Eis, bevor es bricht.

Wer hat das gemacht?

Die Frage kam nicht aus ihrem Kopf. Sie kam von irgendwo anders. Von einem Ort, an dem sie normalerweise nicht hingehörte. Sie spürte, wie sich ihr Puls beschleunigte, aber ihre Hände blieben ruhig. Kühl. Als würden sie einer anderen Person gehören.

Lena zog einen weiteren Karton. Fall Nr. 5001 — Vermisste Person, unklarer Verbleib. Dasselbe. Fall Nr. 5002. Dasselbe. Fall Nr. 5003. Dasselbe.

Sie spürte, wie sich ihr Atem vertiefte. Nicht schnell. Nicht flach. Langsam. Controlled. Wie ein Meteorologe, der die ersten Anzeichen eines Sturms beobachtet.

Das ist kein Zufall.

Die Gewissheit fraß sich in ihren Magen. Nicht wie eine Verdauung. Wie ein Wurm, der sich durch Fleisch frisst.

Sie zog einen weiteren Karton. Fall Nr. 6001 — Vermisste Person, unklarer Verbleib. Dasselbe. Fall Nr. 6002. Dasselbe. Fall Nr. 6003. Dasselbe.

Lena spürte, wie sich ihr Kopf zu drehen begann. Nicht wie ein Schwindel. Wie ein Mechanismus, der sich selbst repariert. Sie setzte sich auf den Boden, ohne zu wissen, warum. Ihre Beine gehorchten einer anderen Logik. Eine, die sie nicht verstand.

Sie öffnete den nächsten Karton. Fall Nr. 7001 — Vermisste Person, unklarer Verbleib. Dasselbe. Fall Nr. 7002. Dasselbe. Fall Nr. 7003. Dasselbe.

Lena spürte, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten. Nicht wie Trauer. Wie Druck. Als würde etwas in ihr wachsen, das es nicht sollte.

Was ist hier los?

Die Frage kam nicht von ihr. Sie kam von irgendwo anders. Von einem Ort, an dem sie normalerweise nicht hingehörte.

Lena stand auf. Ihre Hände waren immer noch ruhig. Kühl. Als würden sie einer anderen Person gehören. Sie ging zum Fenster. Draußen hingen die Laternen wie glühende Wunden an der Wand, und irgendwo in der Ferne heulte eine Sirene. Berlin nach Feierabend. Routine. Aber die Akten in ihren Händen waren alles andere als routiniert.

Sie spürte, wie sich etwas in ihr bewegte. Nicht wie ein Gedanke. Wie ein Werkzeug, das sich in ihre Hand schmiegte. Sie nahm den Bourbon aus der Tasche, den sie gestern mitgebracht hatte, und trank einen Schluck. Der Whisky brannte, wie immer, aber heute hatte er den Geschmack von Staub.

Lena schloss die Augen. Einmal. Zweimal.

Dann öffnete sie sie wieder — und wusste auf einmal, dass sie verstecken musste. Nicht vor anderen. Vor sich selbst.

Aber diesmal war es nicht der Zettel. Es war etwas anderes. Etwas, das sie nicht benennen konnte. Etwas, das sie nicht erinnern wollte.

Die Tür steht einen Spalt offen. Draußen: Treppenhauslicht. Flickrige, gelbe Flüssigkeit, die sich an die Stufen klammert. Lena drückt sie zu. Nicht laut. Aber mit der Art von Force, die sagt: Ich bin nicht hier, um zu plaudern.

Drinnen: ein Raum, der zu groß für die Akte auf ihrem Schreibtisch ist. Buchstäblich. Die Schubladen hängen schief. Ein Stapel Zeitungen — DIE ZEIT, der Tagesspiegel, ein paar DDR-Blätter, die sie nicht identifizieren kann — liegt wie ein Leichentuch über einer leeren Schublade. Die Seiten sind ohne System gestapelt. Als hätte jemand ein Buch der Erinnerungen nicht zu Ende gelesen und einfach aufgegeben.

Lena setzt sich. Die Lehne knarrt. Ein Geräusch, das sagt: Ich bin alt. Aber ich halte noch.

Sie öffnet die erste Schublade. Die Zeitungen rutschen zu Boden. Nicht alle. Ein paar bleiben hängen. Wie Finger, die sich weigern, loszulassen. Sie zieht einen Ordner heraus. Kein Name. Kein Datum. Nur ein Symbol: ein offenes Buch, daneben ein rot durchgestrichenes A. R für widerrufen? R für —

Sie schiebt den Ordner zur Seite. Die nächste Schublade ist leer. Absolut. Kein Staub. Kein Papier. Nur die kühle Metalloberfläche, die sagt: Hier war etwas. Etwas Wichtiges. Und dann ist es weg.

Lena steht auf. Die Bewegung ist nicht flüssig. Sie ist die Art, wie ein Uhrwerk sich bewegt, wenn die Feder nachlässt. Langsam. Präzise. Aber irgendwann wird es stehenbleiben.

Sie geht zum Fenster. Nicht, um hinauszusehen. Sondern, um den Vorhang beiseitezuschieben. Draußen: Berlin. Nicht die Stadt, die sie kennt. Sondern die, die sie nicht kennt. Die Laternen. Die Silhouetten. Die Art, wie der Dunst sich an die Gebäude klammert, als wäre er eine zweite Haut.

Lena atmet. Nicht tief. Nicht flach. Einmal. Einmal. Einmal.

Dann dreht sie sich um. Ihr Blick fällt auf den Ordner. Das offene Buch. Das durchgestrichene A.

Sie zieht den Ordner zu sich. Die Seiten sind dünn. Zu dünn. Wie die Akten, die sie gestern gefunden hat. Aber diese Seiten sind nicht leer. Sie sind gefüllt. Mit Notizen. Mit Namen. Mit Daten. Mit einer Liste.

Lena blättert. Die Namen sind fremd. Nicht fremd wie Unbekannte. Fremd wie Vergessene. Die Art von Namen, die man kennt, aber nicht benennen kann. Die Art von Namen, die sich in den Mund legen wie ein fremder Geschmack.

Sie bleibt bei einem stehen. Ein Name. Ein Datum. Eine Adresse. Und dann, am Rand, in einer Handschrift, die sie nicht kennt: ein single Wort. Ein Wort, das sie kennt. Aber nicht benennen kann. Ein Wort, das sich in ihren Kopf legt wie ein foreign object.

Lena schließt den Ordner. Nicht schnell. Nicht langsam. Präzise. Wie ein Chirurg, der eine Wunde verschließt.

Sie geht zurück zum Schreibtisch. Setzt sich. Ihre Hände bleiben auf dem Ordner. Nicht, weil sie ihn festhalten will. Sondern, weil sie ihn nicht loslassen kann.

Draußen heult eine Sirene. Nicht nah. Nicht fern. Irgendwo in der Ferne. Ein Geräusch, das sagt: Berlin. Aber nicht Berlin, wie sie es kennt. Berlin, wie es ist, wenn niemand hinschaut.

Lena schließt die Augen. Einmal. Einmal. Einmal.

Dann öffnet sie sie wieder. Ihr Blick fällt auf den Ordner. Auf das offene Buch. Auf das durchgestrichene A.

Sie weiß, dass sie etwas finden wird. Nicht was. Sondern dass. Irgendwo in diesem Labyrinth von Namen, von Daten, von durchgestrichenen Buchstaben wird sie etwas finden. Etwas, das sie nicht benennen kann. Etwas, das sie nicht vergessen will.

Aber sie weiß auch, dass sie es finden wird. Und dass sie es nicht benennen kann. Und dass sie es nicht vergessen will.

Und dass sie trotzdem weiterblättern wird.

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