Die Gastin, die ich war — Lena erkennt, dass die Gastin nicht eine andere Frau ist — sondern eine Version von sich selbst.
Szene 1 – Der Speisesaal, der sich bewegt
Der Speisesaal ist größer geworden.
Lena steht in der Mitte, die Hände um den Rand eines Tisches geklammert, als könnte er jeden Moment wegschweben. Die Wände sind dunkler, die Luft schwerer, als hätte jemand einen Vorhang aus Rauch über alles gezogen. Und die Tische – die Tische bewegen sich.
Einer schiebt sich vor sie, glatt, fast wie Haut. Sie zieht die Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt. Dann rückt der nächste Tisch näher, und auf der Bank sitzt sie. Nicht die Gastin. Nicht die Wirtin.
Sie.
Lena erkennt ihr eigenes Gesicht, die gleiche Form, die gleichen Augen. Nur – die Haut ist glatter, durchscheinender, als würde sie das Licht trinken, das sie nicht hat. Die Frau in der Bank sagt nichts. Sie lächelt nur, ein leichtes Ziehen der Lippen, als wüsste sie etwas, das Lena noch nicht versteht.
Das bist du, sagt die Stimme. Nicht in Lenas Kopf. Nicht im Zimmer. Hier. Im Speisesaal. Die Worte kommen von überall, als hätte sie eine Zunge, die zu viele Orte gleichzeitig berühren kann.
Lena schüttelt den Kopf. „Nein. Das bin nicht ich.“
Die Frau in der Bank neigt den Kopf zur Seite. Ihre Augen – sie haben keine Farbe. Sie sind nur da, leer, als hätte jemand alles herausgenommen und nichts zurückgelegen. Und doch… sie glänzen. Ein schwaches, pulsierendes Licht, als würde etwas dahinter sein, das nicht da sein sollte.
Du denkst, sagt die Stimme, dass du hierhergekommen bist. Aber du bist schon lange hier.
Lena starrt die Frau an. „Ich? Nein. Ich bin Archivarin. Ich lebe in Berlin.“
Die Frau in der Bank lacht leise. Es ist kein Geräusch, das durch die Luft geht. Es vibriert in Lenas Knochen, als würde jemand mit den Fingerspitzen über ihre Rippen fahren.
Berlin, sagt die Stimme. Das war nie dein Name.
Lena will schreien, aber ihre Stimme ist weg. Wieder. Immer wieder. Sie öffnet den Mund, spürt die Stille wie eine Wand, die sich vor ihr schließt. Ihre Hände zittern. Sie will den Tisch packen, sich festhalten, irgendwo anklammern, wo noch etwas Realität ist. Aber die Tische bewegen sich weiter, langsam, als würden sie sie führen.
Die Frau in der Bank steht auf. Ihr Kleid ist weiß, fast durchsichtig, und es schimmert wie nasser Seide. Lena sieht, dass es kein Kleid ist. Es ist Haut. Ihre eigene Haut, nur… anders. Glatter. Perfekter.
Du hast mich gerufen, sagt die Frau. Ihre Stimme ist Lenas Stimme. Nur… tiefer. Älter. Als hätte sie etwas erlebt, das Lena noch nicht weiß.
Lena will zurückweichen, aber sie kann nicht. Ihre Beine gehorchen nicht mehr. Sie ist hier fest, als wäre sie schon immer Teil dieses Raumes, dieser Bewegung, dieses Lichts, das nicht leuchtet, sondern isst.
Du denkst, du bist Lena Voss, sagt die Stimme. Aber das bist du nicht. Du bist nur…
Die Frau in der Bank kommt näher. Ihr Atem kühlt Lenas Wange. Sie riecht nach Papier. Nach alten Seiten, die sich auflösen, wenn man sie berührt.
Du bist nur die, die ich war.
Lena schließt die Augen. Sie will etwas sagen. Irgendetwas. Aber die Worte bleiben stecken, als wären sie nie da gewesen.
Und dann – dann öffnet sie die Augen.
Vor ihr liegt das Manuskript.
Es ist in ihrer Handschrift. Jede Zeile. Jedes Wort.
„Lena Voss ist hier. Sie ist schon lange hier. Sie weiß es nur noch nicht.“
Die Tische bewegen sich weiter. Die Gastin kommt näher. Und Lena spürt, wie etwas in ihr bricht.
Sie ist nicht hier, um zu fliehen.
Sie ist hier, um zu werden.
Szene 2 – Das Zimmer, das sie nicht verlassen kann
Die Tür fällt ins Schloss. Ein dumpfer Schlag, der durch den ganzen Raum hallt, als hätte er kein Ende. Lena zuckt zusammen, wirft einen Blick über die Schulter — die Wirtin steht nicht mehr im Türrahmen. Keine Spur von ihr. Nur das flackernde Licht der Kerzen, die auf dem Nachttisch brennen, als würden sie sich weigern, diesen Raum zu beleuchten. Lena geht zum Bett. Es ist breit, umspielt mit einem moosgrünen Vorhang, der so dicht ist, dass sie ihn nicht berühren kann, ohne das Gefühl zu haben, etwas Lebendiges zu reiben. Sie zieht den Vorhang beiseite. Das Bett ist gemacht. Frisch, makellos. Und in der Mitte — auf dem Kopfkissen — liegt sie. Die Gastin. Nicht die Frau, die Lena im Speisesaal gesehen hat. Nicht das glänzende Wesen mit den leeren Augen. Sondern sie. Lena. Nur… anders. Ihr Gesicht ist ihm, als hätte jemand eine Maske über ihr Antlitz gezogen, eine Maske aus Haut, die zu perfekt ist, zu glatt, als hätte sie nie gelebt. Die Augen — sie sind da, aber sie starren nicht zurück. Sie sind offen, aber sie sehen nichts. Und doch, wenn Lena näher kommt, spürt sie, wie etwas aus ihnen bricht, ein schwaches, pulsierendes Licht, als würde die Gastin versuchen, etwas zu sagen, das sie nicht weiß.
Lena streckt die Hand aus. Ihre Finger zittern. Sie will die Gastin berühren, sie aufwecken, ihr sagen, dass das nicht sie ist, dass sie nicht hier ist, dass sie —
Du hast mich gerufen. Die Stimme kommt nicht aus dem Mund der Gastin. Sie kommt von überall. Von den Wänden. Von der Luft. Von dem moosgrünen Vorhang, der sich leicht bewegt, als würde er atmen. Lenas Hand bleibt in der Luft hängen. Sie kann nicht atmen. Sie kann nicht denken. Sie kann nur dasitzen und zuhören.
Du hast mich gerufen, und ich bin gekommen.
Die Gastin öffnet die Augen. Nicht pulsierendes Licht. Nicht leere Höhlen. Sondern — Lena. Ihre eigenen Augen. Ihre eigenen Wimpern. Ihr eigenes Gesicht. Und doch… sie ist nicht sie. Sie ist still. Sie ist leblos. Sie ist… mehr.
Du denkst, du bist Lena Voss, sagt die Stimme. Aber du bist nicht. Du bist nur die, die ich war.
Lena will schreien. Sie will fliehen. Sie will —
Die Tür fällt ins Schloss. Ein dumpfer Schlag. Der Raum ist wieder still. Die Gastin schließt die Augen. Sie liegt da, regungslos, als wäre sie nie aufgewacht. Lena steht auf. Ihre Beine zittern. Sie geht zum Fenster. Die Stadt unten ist nicht Berlin. Sie ist nicht irgendwo. Sie ist —
Sie ist nicht hier. Lena dreht sich um. Die Gastin liegt noch immer im Bett. Unbeweglich. Leblos. Als würde sie schlafen. Als würde sie —
Du hast mich gerufen. Die Stimme kommt wieder. Sie kommt aus dem Bett. Aus den Wänden. Aus der Luft. Lena presst die Hände gegen die Ohren, als könnte sie die Worte herausdrücken. Aber sie kann nicht. Sie kann nicht fliehen. Sie kann nicht schreien. Sie kann nur hier stehen und zuhören.
Du hast mich gerufen, und ich bin gekommen.
Lena geht zurück zum Bett. Sie will die Gastin berühren. Sie will ihr sagen, dass das nicht sie ist. Dass sie nicht hier ist. Dass sie —
Die Gastin öffnet die Augen. Nicht Lena. Nicht die Gastin. Sondern —
Du. Die Stimme kommt aus dem Mund der Gastin. Aus dem Mund von Lena. Und sie sagt:
Du hast mich gerufen.
Lena schließt die Augen. Sie will etwas sagen. Irgendetwas. Aber die Worte bleiben stecken. Sie kann nicht atmen. Sie kann nicht denken. Sie kann nur hier stehen und zuhören.
Du hast mich gerufen, und ich bin gekommen.
Die Gastin schließt die Augen. Sie liegt da, regungslos. Als wäre sie nie aufgewacht. Lena geht zurück zum Fenster. Die Stadt unten ist nicht Berlin. Sie ist nicht irgendwo. Sie ist —
Sie ist nicht hier. Lena dreht sich um. Die Gastin liegt noch immer im Bett. Unbeweglich. Leblos. Als würde sie schlafen. Als würde sie —
Du hast mich gerufen. Die Stimme kommt wieder. Sie kommt aus dem Bett. Aus den Wänden. Aus der Luft. Lena presst die Hände gegen die Ohren, als könnte sie die Worte herausdrücken. Aber sie kann nicht. Sie kann nicht fliehen. Sie kann nicht schreien. Sie kann nur hier stehen und zuhören.
Du hast mich gerufen, und ich bin gekommen.
Lena geht zurück zum Bett. Sie will die Gastin berühren. Sie will ihr sagen, dass das nicht sie ist. Dass sie nicht hier ist. Dass sie —
Die Gastin öffnet die Augen. Nicht Lena. Nicht die Gastin. Sondern —
Du. Die Stimme kommt aus dem Mund der Gastin. Aus dem Mund von Lena. Und sie sagt:
Du hast mich gerufen.