Die Stimme, die nicht meine ist — Lenas innere Zerrissenheit einführen — die Angst vor ihrer eigenen Stille, die Träume von einer Stimme, die nicht ihre ist, und das Manuskript, das alles beginnt.
Die Haut, die das Licht trinkt Kapitel 1
Das Neonlicht flackerte — wie es immer tat, kurz bevor es für die Nacht aussetzer. Lena Voss presste die Hand gegen den Schalter, als könnte sie es mit Druck zurückzwingen. Die Deckenröhren an der Archivkasse zuckten: ein Mal, zwei Mal, dann erloschen sie. Das Büro versank in diesem Moment, der ihr vertraut war: kein Mondlicht, kein Straßenlaternenlicht, nur die Restwärme des Tages, die sich in den Regalen hielt. Sie zog das Buch heraus, das sie seit Stunden nicht angerührt hatte. Die Chronik der Vergessenen — ein Band aus dem 19. Jahrhundert, dessen Seiten an den Rändern braun gefärbt waren, als hätte jemand mit einem Tuch über die Kanten gewischt. Normalerweise separierte sie die Titel nach Epochen, aber heute hatte sie es nur herumgedreht, weil sie das Gefühl hatte, dass etwas nicht stimmte. Ihre Finger tangentierten die Seiten —
Ein Riss. Ein einziger, dünner Riss, der sich wie eine frische Wunde durch das Papier zog. Lena erstarrte. Solche Risse waren natürlich, aber nicht so. Nicht mit dieser Präzision. Als hätte man das Buch absichtlich aufgeschlagen, um an eine bestimmte Stelle zu gelangen. Sie folgte dem Riss mit dem Zeigefinger, bis sie auf ein Blatt stieß, das nicht dazugehörte. Es war weißer als der Rest, dünner, als wäre es später eingeschoben worden. Mit zitternden Händen hob sie es heraus. Die Tinte war dunkel, fast schwarz, aber sie glänzte auf eine Weise, die Lena sofort erfasste. Wie frisches Blut, das noch nicht getrocknet war. Die Zeilen waren in einer Handschrift geschrieben, die sie kannte — oder zumindest annähernd kannte. Es war nicht ihre Schrift. Es war nicht einmal die Schrift ihrer Kollegin. Es war... anders. Scharfe, spitze Buchstaben, als hätte jemand mit einem Messer in das Papier geschnitten.
Sie weiß, dass sie es nicht lesen sollte.
Das war kein Gedanke. Das war eine Stimme. Eine Stimme, die nicht ihre eigene war. Lena erstarrte. Sie hatte sie schon einmal gehört, in Träumen, in denen sie sprach, ohne zu wissen, was sie sagte. Immer dieselben Worte: Duhörstmichnchtmehr. Sie blinzelte. Das Licht war wieder da, aber der Flackermoment hatte sich in ihr festgebrannt. Ihre Hände zitterten. Langsam, als würde sie einen Gegenstand berühren, der jederzeit zerbrechen konnte, drehte sie das Blatt.
Wenn du dieses Wort liest, bin ich schon tot.
Lena wacht auf, bevor die Stimme fertig ist.
Ein Ruck, der durch ihren Körper geht wie ein Stromschlag. Die Decke über ihr ist noch immer weiß, aber jetzt gibt es Risse darin — feine Linien, die sich ausbreiten, als würde etwas versuchen, hindurchzukommen. Sie presst die Augen zusammen, doch das Bild bleibt. Immer dasselbe.
Eine Tür. Eine einfache, weiße Tür, die sich öffnet.
Hinter ihr: ein Raum, der zu hell ist. Zu gleichmäßig. Kein Staub, kein Schatten, nur ein glatter, spiegelnder Boden, der aufleuchtet wie ein Display, das jemand gerade eingeschaltet hat. Und darin —
Lena.
Aber nicht sie. Nicht die Frau, die sich morgens im Bad ansieht, die mit den hellen Augen und dem dunklen Haar, das sie nie kämmt, weil es eh zu kurz ist. Die im Spiegel steht, ist jünger. Slender. Ihr Haar fällt ihr bis zu den Schultern, glatt und ohne Strähnen. Sie trägt ein Kleid, das Lena nicht kennt — seidig, so dunkel, dass es fast schwarz ist, mit einem Muster, das wie Wasser aussieht, wenn es durch Glas fließt.
Die Frau im Spiegel sagt etwas.
Lena versucht, die Lippen zu lesen. Sie sind leicht beweglich, aber stumm. Kein Wort kommt heraus. Nur das Gefühl, als würde jemand gegen ihre Kehle drücken, als würde sie gleich ersticken.
Du hast mich gerufen.
Die Stimme ist klar. Zu klar. Sie kommt nicht aus dem Spiegel. Sie kommt aus Lenas eigenen Kopf, aber sie ist nicht ihre. Sie ist rau, wie wenn jemand zu lange nicht gesprochen hat, aber auch glatt, als wäre sie perfekt geübt. Perfekt trainiert.
Lena will schreien. Sie will aufzustehen. Sie will wegsehen.
Sie kann nichts von alledem.
Die Frau im Spiegel lächelt. Es ist kein freundliches Lächeln. Es ist das Lächeln von jemandem, der weiß, dass du sie nicht hörst, aber sie trotzdem hört. Sie hebt die Hand, und in dem Moment, in dem ihre Finger sich bewegen, bricht der Spiegel.
Nicht zerbrochen. Nicht gesprungen. Sondern — als würde er sich öffnen. Wie eine Pforte.
Komm heraus.
Die Stimme ist jetzt lauter. Sie vibriert in Lenas Schädel, als würde jemand mit einem Finger gegen ihre Schläfe klopfen. Sie will nein sagen. Sie will weglaufen. Sie will —
— etwas, das sie nicht weiß, wie man nennt.
Die Tür öffnet sich weiter.
Und Lenas Hand bewegt sich, ohne dass sie es befiehlt.
Sie streckt sich aus, als würde sie nach etwas greifen, das sie nicht sieht. Ihre Finger berühren die Kante der Tür —
— und dann ist sie wach.
Atemlos. Die Bettlaken umklammert, als hätte sie einen Kampf gekämpft. Draußen, durch das offene Fenster, hört sie das Summen der Stadt. Die Straßenlaternen, die sich einschalten, wenn die Nacht kommt. Die Autos, die vorbeifahren.
Kein Spiegel. Keine Tür. Keine Stimme.
Nur sie.
Und das Buch, das immer noch auf ihrem Schreibtisch liegt.
Wenn du dieses Wort liest, bin ich schon tot.
Die Tinte glänzt immer noch.
Wie frisches Blut.