Die Chronik der unsichtbaren Stadt — Lira beginnt, ihre eigenen Erinnerungen zu verlieren.
Kapitel 5, Szene 1: „Die Lücken“
Lira steht vor dem Spiegel über ihrer Waschmaschine, die Zähne noch feucht von der Zahnpasta, und starrt auf die Frau, die ihr entgegenblickt. Nicht, weil sie ihr Aussehen prüft – sie kennt es auswendig. Sondern weil sie sucht.
Wo ist der Moment, in dem du dich das letzte Mal gefragt hast, warum du hier bist?
Sie reibt sich die Schläfen. Die Kopfschmerzen sind heute stärker. Nicht der scharfe, plötzliche Schmerz, den sie kennt, sondern ein dumpfer, cremiger Druck, als würde jemand eine warme Handfläche gegen ihre Stirn legen.
Früher hast du gemalt, flüstert eine Stimme in ihrem Kopf. Nicht die Stimme aus dem Archiv, nicht die, die sie schon zweimal gehört hat. Diese ist leise, brüchig, als würde sie durch Wasser zu ihr kommen. Erinnerst du dich?
Lira greift nach dem Handtuch, reibt sich die Feuchtigkeit von den Wangen. Nein.
Die Stimme wird lauter, drängender. Die ersten Male, als du den Pinsel in die Hand genommen hast, hast du ihn gepresst, bis die Farbe tropfte. Du hast gesagt, das sei wichtig. „Die Tropfen“, hast du immer gesagt, „die zeigen, wo die Farbe war, bevor sie da war.“
Lira atmet tief ein. Ihr Atem schmeckt nach Metall. Sie erinnert sich an das Gefühl – das tropfende Pigment, das klebrige, süßliche Aroma von Acryl, das Kribbeln in den Fingerspitzen, wenn die Farbe auf dem Papier lag. Aber das ist alles nicht ihr.
Du lügst, sagt die Stimme. Das warst du.
Lira lässt das Handtuch fallen. Ihre Hände zittern, nicht von Kälte, sondern von etwas, das wie Angst schmeckt. Sie geht zum Fenster, zieht die Vorhänge auf. Unten, auf der Straße, geht jemand vorbei, ein Schatten zwischen den Laternen. Die Person bleibt stehen, blickt nach oben.
Hier ist der Moment, sagt die Stimme. Der, in dem du dich umgedreht hast.
Lira dreht sich nicht um. Sie weiß, dass sie es tun sollte. Sie weiß, dass sie es muss. Aber ihre Füße gehorchen nicht. Sie bleiben, wo sie sind, starren auf die Straße, auf den Mann, der nun auf sie zugeht.
Er hat dich gefragt, ob du dich erinnerst, sagt die Stimme. Und du hast geantwortet: „Ja.“
Lira presst die Lippen zusammen. Ihre Zunge ist wie ein trockener Fetzen Papier. Sie will nicht, dass er hier ist. Sie will nicht, dass er weiß, dass sie etwas weiß. Aber die Tür ist nicht verschlossen. Und er steht vor ihr.
„Lira“, sagt er leise, „erinnerst du dich?“
Sie dreht sich nicht um. Sie antwortet nicht. Aber ihre Hände ballen sich zu Fäusten.
Er lügt, sagt die Stimme. Du hast nein gesagt. Du hast weggesehen.
Lira atmet aus. Langsam. Als würde sie versuchen, etwas in sich selbst zu zählen.
Und dann hast du dich umgedreht, sagt die Stimme. Und dann warst du weg.
Kapitel 5, Szene 2: „Die Seiten, die mich kennen“
Die Bibliothek war nie eine Bibliothek.
Das hat Lira schon gewusst, als sie die erste Tür aufstieß. Aber jetzt, wo sie zwischen den Regalen steht, die sich wie Rippen über die Wände ziehen, fühlt es sich an, als hätte sie es vergessen. Die Regale sind leer. Nicht leer von Büchern – nein, die Bücherrücken sind da, ordentlich aligned, als würden sie auf etwas Wichtigeres warten. Sondern leer von Erinnerungen.
Lira streicht mit den Fingerspitzen über den ersten Buchrücken. Erinnerungen an was? Die Frage ist nicht neu, aber die Antwort, die sie an diesem Tag bekommt, wird sie für immer verändern.
Das Buch öffnet sich von selbst. Nicht wie ein Buch, das jemand öffnet – nein, die Seiten teilen sich, als würden sie sich an eine Hand erinnern, die sie lange umklammert hat. Die erste Seite ist leer. Die zweite enthält ein einziges Wort, in einer Tinte, die wie getrocknetes Blut aussieht:
Flucht.
Lira erstarrt. Sie kennt das Wort. Sie kennt es aus sich selbst.
Flucht, flüstert sie. Ihre Stimme klingt fremd in dem leeren Raum. Zu leise, zu zögerlich, als gehöre sie jemand anderem.
Die nächste Seite: ein Datum. 14. Mai. Kein Jahr. Kein Ort. Nur das Datum, als stünde es in einer Zeit, die es nicht gibt.
Warum ist das mein Gedächtnis? Sie beißt sich auf die Lippe. Das ist kein Gedanke, das ist ein Command. Als würde ihr jemand sagen: Frag dich das nicht. Frag dich etwas anderes.
Sie blättert weiter. Die Seiten werden länger, die Schrift dichter, die Tinte dunkler. Plötzlich: ein Name. Lira Vex. Unterstrichen, als würde jemand darauf hinweisen wollen. Das bin ich, denkt sie. Aber die nächste Zeile macht sie stumm:
Du hast gelogen.
Ihr Atem bleibt stehen. Nicht weil die Worte schockierend sind – sie sind es. Aber weil sie wissen. Sie sind nicht wie Erinnerungen, die man hat und die man annehmen kann oder auch nicht. Sie sind wie Erinnerungen, die man erlebt hat, ohne sich daran erinnern zu können.
Du hast ihnen gesagt, du hättest dich nicht erinnert, steht auf der nächsten Seite. Du hast gelächelt, als würdest du schlafen. Und sie haben geglaubt, du schläfst.
Lira lässt das Buch fallen. Es schlägt mit einem dumpfen Aufschlag auf den Boden, als wäre es aus Metall. Sie geht auf die Knie, starrt auf die Seiten. Die Tinte blutet leicht, als würde das Buch atmen.
Das ist kein Archiv, denkt sie. Das ist ein Tagebuch.
Und nicht irgendjemandes Tagebuch. Mein eigenes.
Plötzlich versteht sie. Die Dokumente im Archiv – die Notizen, die Skizzen, die Warnungen – sie waren nie für andere bestimmt. Sie waren für sie. Und sie hatte sie gelesen, ohne zu wissen, dass sie ihr Gedächtnis waren.
Du suchst etwas, flüstert eine Stimme hinter ihr. Nicht in ihrem Kopf. Da.
Lira dreht sich um. Kael steht in der Tür, die Hände in den Taschen vergraben. Sein Gesicht ist im Schatten, aber seine Augen – sie sind zu hell.
Du suchst dich selbst, sagt er.
Lira will etwas sagen. Sie will fragen, wie er das weiß. Sie will fragen, warum das Buch sie anspricht, als würde es sie schon immer kennen. Aber ihre Kehle ist wie zugeschnürt.
Es gibt ein anderes Archiv, sagt Kael leise. Eines, das nicht aus Büchern besteht. Und es besteht nicht aus Papier. Es besteht aus dir.
Lira reibt sich die Schläfen. Die Kopfschmerzen sind zurück, schärfer diesmal, als würde jemand eine Nadel in ihre Hirnschale rammen.
Was habe ich verloren? Die Frage brennt. Nicht als Frage, die man stellt, sondern als Frage, die man erinnert.
Kael tritt näher. Seine Stimme ist ein Flüstern, das ihr direkt ins Ohr geht.
Alles, sagt er. Und du bist die Einzige, die es zurückholen kann.