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Chapter 1 Revised 1,119 Words

Die Stimme der Flut — Lira wird in ihre Rolle als Archivarin eingeführt, während sie die wachsende Überflutung ihrer Stadt beobachtet.

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Die Archivarin der verlorenen Sprachen Kapitel 1, Szene 1

Das Wasser stand schon bis zu den Knien, als Lira die Tür des Archivs aufstieß. Kälte kroch ihr die Waden hoch, scharf wie Messer. Sie zuckte zusammen und zog den Mantel enger, doch der Stoff war schon durchweicht. Der Regen prasselte gegen die hohen Fenster, streifte das blasse Licht der Straßenlaternen und ließ die überfluteten Gassen wie flüssiges Silber glitzern.

Neo-Venedig.

Der Name war ein Hohn. Keine Kanäle, keine Gondeln — nur Beton, der sich in Graben verwandelt hatte, und Gebäude, die wie gerissene Knochen aus dem Matsch ragten. Die Stadt hatte lange aufgehört, sich wie eine Stadt zu verhalten. Sie ertrank. Nicht im Wasser, im Wissen.

Lira trat über den Schwellenstein, der noch aus besserer Zeit stammte, als hier Marmorplatten und nicht nasse Platten wie die Straßen verlegt wurden. Der Raum roch nach modrigem Papier und etwas Süßlichem, das sie nicht benennen konnte. Das Archiv. Ein Ort, an dem man Erinnerungen vernichtete, nicht bewahrte.

Sie schaltete das Licht ein. Es flackerte einmal, dann brannte es stabil. Das Regal vor ihr war leer — natürlich. Sie hatten heute nur einen alten Business-Report zu entsorgen. Nichts, was sich lohnte. Nichts, das nach irgendetwas Geschmack hatte.

Lira legte die Hände auf den Metalltisch. Sie waren kalt, aber ihre Finger zitterten nicht. Nicht äußerlich. Inne drinnen war etwas anderes.

Warum bin ich hier?

Die Frage kam jeden Tag. Jede Nacht. Sie hatte keine Antwort mehr. Früher, als sie noch dachte, sie könnte sich erinnern, hatte sie geglaubt, es läge an ihrer Arbeit. An der Art, wie sie die Seiten in den Shredder schob, als würde sie mehr als nur Papier zerstören.

Doch heute war es anders. Heute war es, als würde sie etwas suchen.

Sie zog einen Stapel Papiere aus der Kiste. Keine Aufschrift. Nur ein Code auf der Rückseite: K-124-B. Sie blätterte hindurch. Rechnungen. Quittungen. Langweiliger Kram. Ihr Daumen streifte den Rand einer Seite — und blieb stecken.

Das ist nicht normal.

Sie zog die Seite heraus. Eine Skizze. Ein Gebäude. Kein Archiv, kein Büro. Etwas Älteres. Die Linien waren ungleichmäßig, als hätte sie jemand mit der Hand gezeichnet. Unten, fast unleserlich: Die Bibliothek. Bevor.

Lira legte die Skizze zurück. Zu spät. Zu riskant. Du bist keine Heldin. Du bist die Frau, die die Männer ausfindig macht, die nach Dingen suchen wie das hier.

Draußen klang ein Motor. Sie erstarrte. Ein offizielles Fahrzeug. Schwarz. Mit keinem Emblem, das sie erkennen konnte. Sie count die Sekunden — drei, vier, fünf — und als das Klopfen an der Tür kam, war sie bereit.

„Lira“, sagte eine Stimme. „Bist du da?“

Sie atmete aus. Kai. Ihr Vorgesetzter. Der Mann, der ihr die Aufträge gab. Der sie nie fragt, warum sie manchmal länger bleibt. Der sie nie fragt, ob sie sich je fragt, was sie hier eigentlich tut.

„Ja“, sagte sie. „Ich bin hier.“

Die Tür öffnete sich einen Spalt. Kai stand da, der Regen tropfte von seiner Kapuze. „Alles erledigt?“

Lira nickte. „Ja. Nur ein paar Papiere.“

Kai musterte sie. Nicht unfreundlich, aber mit diesem Blick, den sie seit Monaten kennt. Der sagt: Ich weiß mehr, als du denkst.

„Gut“, sagte er. „Dann komm morgen früh ins Büro. Wir haben ein neues Projekt.“

Projekt. Immer dasselbe Wort. Immer dasselbe, verdammte, leere Arbeit.

„Wann?“, fragte sie.

„8 Uhr.“

Lira nickte. Kai drehte sich um, die Tür schloss sich hinter ihm. Sie blieb noch eine Minute stehen, die Skizze in der Hand. Dann legte sie sie zurück. Langsam. Als würde sie etwas begraben.

Draußen war der Regen stärker geworden. Die Stadt ertrank weiter.

Und Lira?

Lira wartete.

Die Tür fällt ins Schloss. Der Regen schlägt gegen die Metallwand. Lira steht regungslos da, die Skizze in der Hand. Ihr Daumen gleitet über die ungleichmäßigen Linien — das Gebäude, das nicht wie etwas Modernes aussieht. Etwas Älteres. Etwas, das nicht hierher gehört. Sie dreht die Seite um. Unten, fast unleserlich: „Die Bibliothek. Bevor.“

Sie atmet scharf ein. Das ist kein Irrtum. Das ist kein falscher Eintrag. Das ist Absicht.

Ihre Finger zittern. Nicht vor Kälte. Vor etwas anderem. Etwas, das sich anfühlt wie die Erinnerung an einen Traum, den man fast hatte — und dann wieder verlor.

Draußen gurgelt der Regen. Die Stadt ertrinkt. Aber das hier... das hier ist trocken. Das hier ist intakt. Das hier ist noch da.

Lira schiebt die Skizze tiefer in den Stapel. Sie deckt sie ab. Nicht mit einer anderen Seite. Mit ihrer Hand. Als könnte sie die Form durch Wärme bewahren. Als könnte sie sie so verstecken — vor sich selbst.

„Lira?“

Die Stimme kommt von irgendwo. Nicht von der Tür. Von weiter hinten. Ein Flüstern, das sich in den modrigen Geruch des Archivs verliert.

Sie erstarrt. Ihr Atem bleibt stehen. Sie kennt diese Stimme. Nicht Kai. Nicht offiziell. Etwas... anderes.

„Du suchst etwas.“

Die Worte hängen in der Luft. Lira reißt sich los, starrt in die Dunkelheit zwischen den Regalen. Nichts. Nur Schatten. Nur das leise Tropfen von Wasser irgendwo in den Wänden.

„Oder du hast es schon gefunden.“

Jetzt hört sie es. Ein Klicken. Langsam. Systematisch. Als würde jemand eine Schublade öffnen — eine, die nicht sein sollte.

Lira greift nach der Skizze. Sie reißt sie hervor, presst sie an ihre Brust. Ihr Herz schlägt so laut, dass sie sicher ist, es muss jeden Moment die Tür aufbrechen.

„Lira!“

Diesmal ist es nah. Direkt hinter ihr. Sie dreht sich, die Skizze wie einen Schild haltend. Nichts. Nur das leere Regal. Nur der nasse Steinboden.

Aber dann —

Ein Geräusch. Ein Rascheln. Etwas, das sich bewegt, zwischen den Seiten eines anderen Stapels. Ein Stapel, den sie nie angerührt hat. Ein Stapel, der nicht in der Kiste war, als sie sie öffnete.

Sie tritt näher. Ihr Atem geht flach. Ihr Daumen streift die Seiten. Nicht Rechnungen. Nicht Papiere. Etwas anderes. Etwas, das sich anfühlt...

...wie Seiten, die jemand gelesen hat. Vor langer Zeit.

Sie zieht ein Blatt heraus. Eine Liste. Keine Adresse. Kein Name. Nur Worte. Ein Satz, der sich wiederholt:

„Die Sammlung ist nicht hier. Sie ist dort, wo sie versteckt wurde. Wo die Sprache noch spricht.“

Lira lässt das Blatt fallen. Es landet auf dem Boden. Sie starrt darauf hinab. Ihr Atem kommt in kurzen Stößen.

Die Sammlung. Nicht hier. Wo die Sprache noch spricht.

Ihre Hände zittern. Nicht vor Angst. Vor etwas, das sich anfühlt wie...

...wie der Beginn von etwas. Etwas, das sie nicht stoppen kann. Etwas, das sie schon lange gesucht hat — ohne es zu wissen.

Draußen wird der Regen stärker. Die Stadt ertrinkt weiter.

Aber Lira?

Lira atmet tief ein. Und sie weiß: Sie wird nicht schlafen. Nicht heute Nacht. Nicht, bis sie weiß, was das bedeutet.

Und bis sie herausfindet, wer noch da ist.

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