Das Echo der umgestürzten Steine — Lira trifft auf Kael, der sie warnt, dass sie zu viel weiß.
Die Archivarin der verlorenen Sprachen Kapitel 2 – „Die Stimme unter der Haut“
Die Bar roch nach nassem Holz und billigem Wein. Dunst hing über den Tischen, nicht weil es rauchte, sondern weil der Raum unter der Wasseroberfläche lag, als wäre die Stadt ein schwimmendes Grab. Lira stand an der Theke, die Hände um das Glas gepresst, das sie sich nicht leisten konnte. Eines, das schon nach dem zweiten Schluck nach Rost schmeckte.
Sie sucht etwas.
Die Stimme war immer noch da, ein Flüstern unter der Haut. Sie hatte versucht, sie wegzudenken, aber jetzt, in diesem Loch, wo niemand ihre Fragen hörte, war sie lauter geworden.
Die Tür knarrte, und ein Mann trat ein, der kein Licht mitbrachte, sondern eine Abwesenheit von etwas. Er trug eine Kapuze, die sein Gesicht verbarg, aber die Art, wie er sich bewegte — als könnte er jederzeit zurückweichen — verriet, dass er nicht zum Trinken hier war.
Lira spürte ihn, bevor er sie ansah. Die Luft um sie herum wurde dicker, als hätte er den Sauerstoff in sich aufgenommen.
„Du bist Lira“, sagte er. Es war keine Frage.
Sie nickte, ohne sich umzudrehen. „Wer sind Sie?“
„Kael.“ Seine Stimme war trocken, ohne Akzent. „Und du solltest aufhören, Dinge zu berühren, die du nicht kennst.“
Sie drehte sich langsam um. Er saß zwei Tische weiter, die Hände auf dem Holz, als könnte er durch den Tisch hindurchgehen. „Ich berühre nur, was mir gegeben wird.“
Er lächelte, aber es war kein freundliches. „Das ist das Problem. Du weißt nicht, wem du es gegeben wird.“
Lira spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog. Nicht Angst. Noch nicht. Etwas Ähnliches, aber präziser. Wie das Gefühl, dass jemand den Schlüssel zu ihr hatte und sie nicht wusste, ob sie ihn zurückgeben wollte.
„Was wissen Sie?“, fragte sie.
Er neigte den Kopf, als würde er nachdenken. „Dass du in diesem Archiv etwas gefunden hast, das du nicht finden solltest. Dass du jetzt fragst, warum die Stadt so aussieht, wie sie aussieht. Und dass du, wenn du weitermachst, bald keine Antworten mehr bekommen wirst.“
Sie trank einen Schluck. Der Wein brannte. „Wer sind Sie wirklich?“
Er beugte sich vor, und für einen Moment dachte sie, er würde aufstehen und gehen. Stattdessen sagte er leise: „Ich bin jemand, der weiß, wie das hier endet. Und ich will nicht, dass du mit mir endest.“
Das war die erste Warnung. Klare, unmissverständliche Warnung.
Lira legte das Glas ab. Die Kälte des Glases auf ihren Fingerspitzen war das Einzige, das sich real anfühlte.
Sie sucht etwas.
Die Stimme war jetzt ein Summen, tief in ihrem Kopf. Sie wusste nicht, ob sie die Antworten wollte, die Kael ihr anbot. Aber sie wusste, dass sie nicht aufhören würde, zu suchen.
Noch nicht.
Die Tür zum Archiv knarrte, als Lira sie aufstieß. Der Raum roch nach altem Papier, Schimmel und etwas, das sie nicht benennen konnte — ein Metallgeruch, kalt wie der Atem des Flusses. Das Licht der Energielampen fiel in schrägen Streifen, als würde die Decke durch Wasser brechen.
Sie blieb stehen. Die Skizze steckte noch in ihrem Ärmel, das Papier feucht von ihrem Schweiß. Sie hatte versucht, sie einzustecken, aber die Notiz — „Die Sammlung ist nicht hier. Sie ist dort, wo die Sprache noch spricht.“ — hatte sich tief in ihre Handfläche eingebrannt, als wäre sie nicht mit Tinte geschrieben, sondern mit Hitze.
Kai stand am anderen Ende des Raums, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Sein Blick war auf sie gerichtet, aber nicht aufdringlich. Mehr wie ein Fisch, der die Strömung spürt, bevor er sich bewegt.
„Lira“, sagte er, und seine Stimme war zu ruhig. „Du siehst aus, als hättest du nicht geschlafen.“
Sie zuckte zusammen. „Ich habe gearbeitet.“
Er trat näher, und für einen Moment dachte sie, er würde nach der Skizze greifen. Aber er blieb stehen, die Hände immer noch hinter dem Rücken. „Du bist seit drei Nächten nicht mehr auf deiner Station. Und jetzt —“ Er deutete mit dem Kinn auf ihren Ärmel. „— bringst du etwas mit, das du nicht hätten solltest.“
Sie wollte die Skizze verstecken, aber es war zu spät. Kai hatte sie schon gesehen. Sie spürte, wie ihr Herz gegen ihre Rippen schlug, nicht aus Angst, sondern aus etwas, das kälter war — eine Gewissheit, dass sie gerade etwas verloren hatte, das sie nicht einmal gewusst hatte, zu besitzen.
„Das ist nur eine alte Karte“, log sie. Ihre Stimme klang nicht überzeugend, nicht einmal in ihren eigenen Ohren.
Kai schüttelte den Kopf. „Lira, wir beide wissen, dass du mehr als nur Karten findest.“ Er machte einen Schritt auf sie zu, und sie roch den Metallgeruch, der ihn umgab, schärfer als den des Raums. „Du weißt zu viel. Und das ist gefährlich.“
Sie wollte etwas sagen, aber die Worte blieben ihr im Hals stecken. Sie hatte die Skizze gefunden, die Stimme gehört, die Notiz gelesen — und jetzt stand Kai vor ihr, als wüsste er, was sie dachte, bevor sie es selbst verstand.
„Kai“, sagte sie leise, „was ist hier los?“
Er seufzte, und für einen Moment sah sie etwas in seinen Augen, das sie nie zuvor gesehen hatte — eine Müdigkeit, die tiefer ging als alles, was sie je bei ihm gesehen hatte. „Es gibt Dinge, die man nicht finden sollte. Und Dinge, die man nicht fragen sollte.“ Er trat noch näher, bis sie den kalten Metallgeruch auf seiner Kleidung roch. „Du hast bereits gefragt. Und jetzt musst du aufhören.“
Lira spürte, wie sich ihre Hand um die Skizze krampfte. Sie wusste, dass sie etwas falsch gemacht hatte. Aber sie wusste nicht, was. Und das war das Schlimmste.
„Oder was?“, fragte sie. Ihre Stimme war ein Flüstern, aber sie hörte, wie es durch den Raum hallte, als wäre es lauter, als sie wollte.
Kai lächelte, aber es war kein Lächeln, das Freude ausdrückte. Es war das Lächeln eines Mannes, der weiß, dass er gerade etwas verloren hat — und bereit ist, es wieder zu gewinnen.
„Oder“, sagte er, „ich bringe dich dorthin, wo die anderen sind, die zu viel gewusst haben.“
Lira spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Sie wusste, was das bedeutete. Sie hatte es schon einmal gehört — in den Flüstern der Stimme, in der Notiz, die sie nicht hätte lesen sollen.
Sie hatte zu viel gewusst.
Und jetzt würde sie bezahlen.