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Chapter 4 Revised 1,456 Words

Die erste Lüge, die ich geglaubt habe — Clara beginnt, Fragen zu stellen — und stößt auf Antworten, die sie nicht hören will.

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Kapitel 4, Szene 1

Claras Büro roch nach Kaffee und Staub. Der Schreibtisch war übersät mit Akten, die sie noch nicht geöffnet hatte – Berichte, Diagnosen, leere Seiten für Notizen, die sie nicht machte. Sie strich mit dem Finger über die Kante des Blattes, als könnte sie so eine Antwort herausziehen.

„Lotte.“

Ein Name, den sie schon lange nicht mehr rief. Zu oft hatte er nur Müdigkeit zurückgebracht, ein Schulterzucken, eine Ausrede. Heute war es anders.

Sie klopfte nicht an, trat einfach ein. Lotte saß auf der Bank vor dem Fenster, die Hände im Schoß gefaltet, als warte sie schon.

„Du hast die Patientin in Zelle sieben gesehen“, sagte Clara. Es war keine Frage.

Lotte hob den Blick. Ihre Augen waren rot, aber nicht vom Weinen. „Ja.“

„Und sonst?“

Lotte zögerte. Ein kurzes Zucken in der Schulter, als würde sie sich zwingen, still zu sitzen. „Sonst nichts.“

„Du lügst.“

Lotte erstarrte. Nicht aus Schuld, sondern aus Überraschung. „Nein.“

„Doch.“ Clara stand auf, ging zum Fenster. Draußen fiel Regen auf die Glasfront, Streifen aus Licht und Dunkel. „Du hast etwas gesehen. Etwas, das du nicht sagen kannst.“

„Das ist nicht wahr.“

„Doch.“ Clara drehte sich um. Ihre Stimme war leise, aber scharf. „Ich weiß, dass du Briefe schreibst.“

Ein Ruck durch Lottes Körper. „Woher—“

„Ilse hat mir eine Akte gezeigt. Deine. Du schreibst Briefe. Aber du schickst sie nie. Warum?“

Lotte presste die Lippen zusammen. „Das geht dich nichts an.“

„Doch.“ Clara trat näher. „Weil du heute Morgen in Zelle sieben warst. Und weil die Patientin dir etwas gesagt hat.“

„Das hat sie nicht.“

„Doch.“ Clara setzte sich wieder, mit Absicht – um sie zu zwingen, ihr in die Augen zu schauen. „Sie hat gesagt: ‚Du hast die Briefe nie abgeschickt.‘

Lotte atmete scharf ein. „Das… das ist nicht—“

„Doch.“ Clara stand auf. „Und ich will wissen, warum.“

Draußen klopfte der Regen gegen das Fenster. Irgendwo im Haus, ganz fern, gongte eine Glocke. Lotte blieb reglos, die Hände immer noch im Schoß gefaltet. Clara beugte sich vor.

„Wer hat die Briefe gelesen?“, fragte sie.

Lotte öffnete die Augen. Sie waren voller etwas, das wie Angst aussah. Aber auch Hoffnung.

„Keiner“, flüsterte sie.

Clara wartete. Die Stille dehnte sich aus, dick mit unausgesprochenen Dingen. Dann sprach Lotte, ihre Stimme kaum hörbar über das Natteren des Regens.

„Sie hat gesagt, ich soll… sie soll sie lesen.“

Clara spürte eine Kälte, die sich in ihrer Brust festsetzte. Nicht Angst. Etwas Schlimmeres. Anerkennung.

„Wer ist sie?“

Lotte schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht. Aber sie hat mir zugesehen. Seit Monaten.“

Clara atmete aus, langsam und gemessen. Sie wandte sich wieder zum Fenster, wo der Regen wie Tränen über die Scheibe strich.

„Lotte“, sagte sie leise. „Ich muss sie wiedersehen. Heute.“

Kapitel 4, Szene 2

Clara stand im Flur, die Hände in den Taschen ihrer Schürze vergraben, und beobachtete, wie Lotte die Zellen aufschloss. Das Metall quietschte, ein Geräusch, das sie noch nie zuvor gehört hatte. Es klang wie eine Frage, die niemand beantwortete.

„Die Frauen haben Namen“, sagte Lotte plötzlich, ohne sich umzudrehen. „Aber wir nennen sie nur nach den Zellen.“

Clara trat näher. „Warum?“

Lotte zuckte mit den Schultern. „Weil sie es nicht sagen. Weil wir es nicht wissen wollen.“

Clara folgte dem Blick der Schwester. Die Frauen saßen regungslos in ihren Betten, die Decken bis zum Kinn hochgezogen, als würden sie sich vor etwas verstecken. Nicht vor Clara – vor der Stille. Vor dem, was sie verbergen mussten.

„Zeig mir Zelle sieben“, sagte Clara.

Lotte zögerte, dann nickte sie. „Wenn du willst.“

Die Tür knarrte, als Lotte sie aufstieß. Drinnen roch es nach Desinfektionsmittel und etwas anderem, etwas Fauligem, das Clara nicht benennen konnte. Die Patientin lag auf dem Rücken, die Augen geschlossen, die Hände unter der Decke versteckt.

„Sie schläft“, flüsterte Lotte. „Aber sie wacht bald auf.“

Clara trat näher. Die Patientin bewegte sich leicht, als würde sie atmen, aber nicht leben. „Was hat sie gesagt?“

Lotte senkte die Stimme. „Dass sie deine Fragen beantworten kann. Dass sie weiß, warum sie stumm sind.“

Clara spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog. Nicht Angst. Etwas anderes. Etwas, das sie nicht benennen konnte. „Und warum bist du hier?“

Lotte blickte sie an, und in ihren Augen lag etwas, das wie Schuld aussah. „Weil ich es wissen will.“

Clara trat näher, beugte sich über das Bett. Die Patientin lag reglos, aber Clara spürte es. Die Stille war nicht leer. Sie war gefüllt mit etwas, das nicht gesagt werden konnte.

„Wer bist du?“, fragte Clara leise.

Die Patientin öffnete die Augen. Sie waren dunkel, fast schwarz, und in ihnen lag etwas, das wie Erkenntnis aussah. „Ich bin die, die stumm ist“, sagte sie. „Und ich weiß, warum.“

Clara spürte, wie sich etwas in ihr veränderte. Etwas, das sie nicht mehr zurücknehmen konnte. „Und was ist das?“

Die Patientin lächelte, ein trauriges, fast zärtliches Lächeln. „Dass wir alle lügen“, sagte sie. „Und dass du die Einzige bist, die es wissen will.“

Kapitel 4, Szene 3

Clara stand im Flur, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, und beobachtete, wie Lotte die Tür zu Zelle sieben aufschloss. Das Metall knarrte, ein Geräusch, das zu laut war für einen Raum, der eigentlich still sein sollte. Lotte zögerte, als sie Claras Blick bemerkte, aber sie sagte nichts. Sie drehte nur den Schlüssel, schob die Tür auf, und Clara trat ein, ohne dass sie eingeladen wurde.

Die Zelle war klein, möbliert mit einem Bett, einem Stuhl und einem Waschbecken. An der Wand hing ein Kruzifix, das Licht fiel schräg durch ein höher gelegenes Fenster. Die Patientin saß am Bett, die Hände gefaltet im Schoß, die Augen geschlossen. Clara blieb stehen, ohne zu sprechen. Sie wollte sehen, ob die Patientin von selbst begann.

„Sie schläft“, sagte Lotte leise, fast so, als würde sie sich entschuldigen.

Clara nickte. Sie wusste, dass es nicht die Wahrheit war. Die Patientin schlief nicht. Sie wartete. Auf etwas. Oder auf jemanden.

„Lotte“, sagte Clara schließlich. „Ich brauche einen Moment mit ihr.“

Lotte zögerte, dann trat sie zur Seite. „Ich bin gleich draußen, wenn du mich brauchst.“

Clara wartete, bis die Tür ins Schloss gefallen war, dann trat sie näher. Die Patientin lag reglos da, aber Clara spürte es. Die Stille war nicht leer. Sie war gefüllt mit etwas, das nicht gesagt werden konnte.

„Ihre Augen“, sagte Clara plötzlich. „Sie öffnen sich nicht.“

Die Patientin blieb reglos. Kein Muskel zuckte, kein Atemzug war hörbar. Clara beugte sich vor, die Hände auf die Bettkante gestützt. „Sie haben mir gesagt, dass Sie sprechen können. Dass Sie mir etwas zeigen wollen.“

Nichts.

Clara spürte, wie sich ihre Muskeln anspannten. Nicht aus Ungeduld. Aus etwas anderem. Aus einer Erwartung, die sie nicht benennen konnte.

„Was wollen Sie, dass ich sehe?“, fragte sie leise.

Die Patientin blieb reglos. Dann, ganz langsam, öffnete sie die Augen. Sie waren dunkel, fast schwarz, und in ihnen lag etwas, das wie Erkenntnis aussah.

„Dass ich stumm bin“, sagte sie. „Und dass ich weiß, warum.“

Clara spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog. Nicht Angst. Etwas anderes. Etwas, das sie nicht benennen konnte.

„Und was ist das?“

Die Patientin lächelte, ein trauriges, fast zärtliches Lächeln. „Dass wir alle lügen“, sagte sie. „Und dass Sie die Einzige sind, die es wissen will.“

Clara spürte, wie sich etwas in ihr veränderte. Etwas, das sie nicht mehr zurücknehmen konnte.

„Warum?“

Die Patientin schloss die Augen. „Weil Sie zuhören wollen“, sagte sie. „Und weil Sie die Einzige sind, die es tut.“

Clara stand auf, die Hände immer noch auf die Bettkante gestützt. Sie wollte etwas sagen, aber die Worte blieben ihr im Hals stecken. Sie drehte sich um, ohne Lotte anzusehen, und ging zur Tür. Sie wusste, dass sie zurückkommen würde. Sie wusste auch, dass es etwas gab, das sie nicht mehr loslassen konnte.

Draußen im Flur stand Lotte, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, die Augen auf Clara gerichtet. „Was hat sie gesagt?“

Clara zögerte. „Dass wir alle lügen.“

Lotte nickte, als hätte sie es erwartet. „Und dass Sie die Einzige sind, die es wissen will.“

Clara nickte. Sie wollte etwas sagen, aber die Worte blieben ihr im Hals stecken. Sie drehte sich um, ohne Lotte anzusehen, und ging den Flur entlang, zurück in den Tag, der sie nicht mehr loslassen wollte.

Hinter ihr blieb Lotte stehen, die Hände immer noch hinter dem Rücken verschränkt. Sie spürte, wie sich etwas in ihr veränderte. Etwas, das sie nicht mehr zurücknehmen konnte.

Und irgendwo, in einem Raum, der nicht mit Namen bezeichnet war, lag eine Patientin, die die Augen geöffnet hatte, um etwas zu sagen, das niemand hören wollte.

Clara ging weiter. Sie wusste, dass sie zurückkommen würde. Sie wusste auch, dass es etwas gab, das sie nicht mehr loslassen konnte. Und dass sie bereit war, es zu hören.

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