← Die Stille zwischen den Schreien
Chapter 3 Revised 1,142 Words

Die Anatomie des Schweigens — Richard, Claras ehemaliger Lover, beobachtet das Hospital von außen — und sieht, was sie nicht sehen will.

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Kapitel 3/13 – Szene 1

Die Tür zu Zelle 7 war nicht verschlossen.

Lotte stand davor, die Hände im Schoß gefaltet, als wäre sie bei einer Beerdigung. Nicht, dass es eine gab. Es gab nur Stille. Und doch hatte sie das Gefühl, hier würde etwas begraben sein. Etwas, das niemand ausgraben wollte.

Ich warte. Kommen Sie?

Die Stimme kam von irgendwo. Nicht aus dem Mund der Patientin, nicht aus den Wänden, nicht aus dem Nichts. Sie kam von irgendwo dazwischen, als hätte jemand ein Mikrofon in die Luft geworfen und es nie wieder gefunden.

Lotte atmete tief durch. Sie hatte das schon einmal gehört. Vor einem Jahr. Vor einem Tag. Vor einer Stunde. Es war egal. Das Gefühl blieb.

„Lotte“, sagte die Stimme. Nicht laut. Nicht leiser als sonst. Einfach da. Wie ein Schatten, der sich nicht bewegt.

Lotte nickte, als hätte die Patientin etwas gesagt. Als wäre es normal, dass eine Frau, die seit einem Jahr nichts mehr gesagt hatte, plötzlich sprach. Als wäre es normal, dass sie Lotte beim Namen kannte.

„Sie sind pünktlich“, sagte die Stimme. Es klang, als würde sie lächeln. Aber Lotte wusste, dass sie nicht lächelte. Nicht wirklich. Sie lächelte nur mit den Augen, die regungslos blieben.

Lotte setzte sich auf den Stuhl neben dem Bett. Die Patientin lag da, die Hände unter der Decke, die Augen offen, als würde sie auf etwas warten. Auf Lotte. Auf die Stimme. Auf etwas, das noch nicht gekommen war.

„Was soll ich tun?“, fragte Lotte. Ihre Stimme war leise, aber klar. Wie wenn man einen Stein ins Wasser wirft und die Wellen genau misst.

Die Patientin sagte nichts. Aber ihre Augen bewegten sich. Nicht viel. Nur ein bisschen. Als würde sie nachdenken.

„Sie haben mir Briefe geschrieben“, sagte die Stimme. „Ich habe sie gesehen. Vor einem Jahr. Vor einem Tag. Vor einer Stunde.“

Lotte spürte, wie ihr der Schweiß ausbrach. Sie hatte die Briefe nie abgeschickt. Nicht wirklich. Sie hatte sie nur in eine Schublade gelegt. Und dann hatte sie die Schublade zugemacht. Und dann hatte sie sich gefragt, warum sie es getan hatte.

„Warum?“, fragte sie. Ihre Stimme zitterte ein bisschen.

Die Patientin sagte nichts. Aber ihre Augen bewegten sich wieder. Langsamer diesmal. Als würde sie nachdenken, was sie sagen sollte. Oder ob sie überhaupt etwas sagen sollte.

Lotte stand auf. Sie wollte gehen. Aber sie wusste, dass sie nicht gehen konnte. Nicht jetzt. Nicht hier. Nicht mit ihr.

„Sie können mir antworten“, sagte sie. „Wenn Sie wollen.“

Die Patientin sagte immer noch nichts. Aber ihre Augen bewegten sich wieder. Langsamer diesmal. Als würde sie nachdenken, was sie sagen sollte. Oder ob sie überhaupt etwas sagen sollte.

Lotte setzte sich wieder hin. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Aber sie wusste, dass sie hier bleiben musste. Dass sie hier bleiben würde. Bis die Patientin etwas sagte. Oder bis sie nicht mehr konnte.

Kapitel 3/13 – Szene 2

Richard rechtete nicht mehr mit dem Kaffee, der längst kalt war. Er stieß das Täßchen zur Seite, das nur noch einen braunen Fleck auf dem Porzellan hinterlassen hatte, und strich sich über die Bartstoppeln, die an diesem Morgen schon wieder wie ein kleiner Wald sprossen. Draußen fiel Regen in gleichmäßigen Streifen gegen die Scheiben, als würde Berlin das Wasser nur kurz innehalten, um es dann wieder fallen zu lassen.

Er hatte den Artikel schon vorher gesehen, aber er las ihn trotzdem noch einmal. „Frauenklinik Berlin-West: Pionierarbeit in der Behandlung stummer Patientinnen“. Sein Daumen blieb auf dem Namen hängen: Dr. Clara Voss. Die Schrift war klein, wie immer in solchen Artikeln, aber sein Auge fand sie sofort. Er hatte gelernt, ihren Namen zu erkennen, zwischen den Zeilen, in den Ecken, wo er ihn nicht erwartet hatte.

Clara Voss. Drei Wörter, die wie ein Schlag waren.

Er hatte sie vor Jahren das letzte Mal gesehen, oder knapp danach. Ein Abend, ein Raum, zwei Gläser Wein zu viel. Sie hatte gesagt: „Ich brauche das nicht. Ich brauche dich nicht.“ Und er hatte genickt, weil es die einzige Antwort war, die er ihr geben konnte. Damals hatte er noch geglaubt, dass das genügte.

Jetzt, Jahre später, saß er in einem Café, das er nicht kannte, und las ihren Namen in einem Artikel, der von Stille und Schweigen handelte. Von Frauen, die nicht sprachen, und von einer Ärztin, die sie behandelte. Er fragte sich, ob sie sich noch an den Abend erinnerte. Ob sie manchmal an ihn dachte, wenn sie durch den Korridor ging, in dem er einst gestanden hatte. Ob sie je an die Stille zwischen den Schreien dachte, die er damals in ihren Augen gesehen hatte.

Sein Handy vibrierte in der Hosentasche. Eine Nachricht von someone, deren Name er seit months nicht mehr gelesen hatte.

Ich warte. Kommen Sie?

Er antwortete nicht. Er konnte nicht. Weil er wusste, dass sie ihn nicht anrufen würde. Nicht um Hilfe. Nicht um etwas, das sie brauchte. Nicht um ihn.

Die Tür knarrte, als Richard eintrat. Ein Mangel an Schmiermittel, dachte er, oder die Tür war einfach alt. Alt wie der Raum. Die Bibliothek des Hospitals war karg, mit Regalen, die bis zur Decke reichten, und Büchern, die so lange in Stille gelegen hatten, dass sie sich nicht mehr rühren würden. Kein Fenster, nur eine einzelne Glühbirne, die an einem langen Kabel hing und das Licht gelblich auf die Holzfußböden fallen ließ.

Ilse stand hinter einem der Tische. Sie hatte die Hände auf das Geländer gestützt und sah ihn an, als würde sie ihn schon lange erwarten.

„Sie sind pünktlich“, sagte sie. Ihre Stimme war leise, aber klar, wie wenn man einen Stein ins Wasser wirft und die Wellen genau misst.

Richard nickte. „Ich hatte nichts anderes zu tun.“

Ilse lächelte nicht. Sie sagte auch nichts weiter. Stattdessen drehte sie sich um und ging zur Glasvitrine, in der einige vergilbte Dokumente lagen. Er folgte ihr. Zwischen den gelben Seiten konnte man die Worte kaum noch lesen.

„Clara“, sagte Ilse und tippte mit dem Finger auf einen der Dokumente. „Sie hat hier gearbeitet. Vor Jahren.“

Richard blieb stehen. „Ich weiß.“

„Sie hat viel erreicht. Die Schweigeabteilung. Die neue Methode. Die Frauen, die sie behandelt hat.“

„Ja.“

Ilse hob den Kopf. „Sie hat sich verändert. Nicht nur die Arbeit. Auch sie selbst.“

Richard schwieg. Er wollte nicht darauf eingehen. Nicht jetzt.

Ilse öffnete eine Schublade. Darin lagen Stifte, ein Notizbuch, ein Schlüssel. Sie nahm den Schlüssel und reichte ihn ihm.

„Sie hat mir gesagt, ich soll Ihnen das geben“, sagte sie. „Falls Sie es wollen.“

Richard nahm den Schlüssel. Er war kalt, fast eisig. Er wog ihn in der Hand.

„Was soll ich damit tun?“, fragte er.

Ilse zögerte. „Ich weiß es nicht“, sagte sie. „Aber sie wollte, dass Sie es haben.“

Richard steckte den Schlüssel ein. Er wusste, was er tun musste. Aber er wusste auch, dass sie es nie verstehen würde. Nicht heute. Nicht morgen. Vielleicht nie.

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