← Der letzte Atemzug der Stadt
Chapter 8 Revised 1,561 Words

Die Nacht, in der die Stadt brannte — Lena und Mira führen den Aufstand durch — aber es geht schief, und Lena muss fliehen.

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KAPITEL 8

Die Straßen waren leer, aber nicht still. Die Laternen flackerten wie Morsezeichen, die niemand verstand. Lena spürte den Asphalt unter ihren Sohlen, warm von der Abendsonne, die sich weigerte zu gehen. Sie hatte den USB-Stick in der Jackentasche, wie ein glühender Kern, der sie innerlich verbrannte.

„Wir brauchen mehr als das“, sagte Mira neben ihr. Ihre Stimme war leise, aber scharf wie ein Messer. „Das ist ein Beweis. Ein guter. Aber sie werden ihn einfach löschen. So wie immer.“

Lena nickte. Sie wusste es. Sie hatte es in den Daten gesehen – die leeren Spalten, die Namen, die nicht mehr lebten. „Dann was? Wir haben keine Zeit. Keine Leute. Keine —“

„Wir haben die Stadt“, unterbrach Mira sie. „Und die Stadt ist müde.“

Sie blieben vor einem verlassenen Kino stehen. Die Fassade war mit Graffiti bedeckt, die Buchstaben zerfetzt wie von einer Hand, die zu lange mit einem Pinsel gespielt hatte. Die Tür war offengelassen, als hätte jemand sie einfach vergessen.

„Drinnen“, sagte Mira. „Und dann sehen wir, was sie uns noch nehmen wollen.“

Lena zögerte. Die Luft roch nach Schimmel und etwas Metallischem, das sie nicht benennen konnte. „Was, wenn sie schon da sind?“

Mira lächelte zum ersten Mal seit Tagen – ein kurzes, kaltes Zucken. „Dann fliehen wir. Wieder.“

Sie traten ein. Die Wände waren mit alten Filmplakaten bedeckt, die Farben verblasst, die Gesichter der Schauspieler zu Geistern geworden. In der Mitte des Saals stand ein alter Projektor. Der Film war schon lange abgelaufen, aber die Spuren der Projektion tanzten noch immer auf den Wänden.

„Hier“, sagte Mira und zog einen USB-Stick aus ihrer Jacke. „Noch ein Backup. Aber diesmal nicht nur Daten. Diesmal — Bilder.“

Sie steckte den Stick in den Projektor. Die Maschine knisterte, als würde sie sich weigern, aber dann begann das Licht zu pulsieren. Auf der Leinwand erschien ein Gesicht – ein Mann, den Lena kannte. Dr. Felix Voss.

„Das“, sagte Mira, „ist der Mann, der die Studien geleitet hat. Und das hier —“ Der Film lief weiter, und Lena sah sich selbst, wie sie durch die Straßen rannte, verfolgt von Schatten, die sich weigerten, stillzustehen.

„Das ist kein Zufall“, flüsterte Lena. „Das ist —“

„Absicht“, beendete Mira ihren Satz. „Und jetzt wissen sie, dass du es weißt.“

Draußen, in der Ferne, hörte Lena das Heulen von Motoren. Nicht nur eines. Mehrere. Sie drehten sich gleichzeitig um.

„Zu spät“, sagte Mira. „Sie sind schon hier.“

Die Tür hinter ihnen flog auf. Drei Männer in schwarzen Anzügen stürmten herein, ihre Gesichter hinter Masken verborgen. Einer von ihnen hielt eine Waffe, die im Dunkeln wie ein glühendes Auge aussah.

„Lena Voss“, sagte einer von ihnen. Seine Stimme war ruhig, fast höflich. „Wir haben auf dich gewartet.“

Lena griff nach der Taschenlampe in ihrer Tasche. Das Licht wäre ihr einziger Schutz. Mira trat neben sie, ihre Finger umklammerten einen Gegenstand, den Lena noch nicht gesehen hatte.

„Lauf“, sagte Mira. „Jetzt.“

Lena zögerte. Sie wollte nicht. Nicht schon wieder.

Aber die Stadt hielt den Atem, und die Motoren kamen näher.

Also rannte sie.

Szene 2 – Frühmorgens, Straßen von Berlin

Lena rannte, ohne zu atmen. Die Lunge brannte, aber sie schob den Schmerz weg. Die Taschenlampe in ihrer Hand war ihr einziger Schutz – ein zerbrechlicher Kreis aus Licht, der die Schatten vor ihr aushielt.

Hinter ihr: Schritte. Gleichmäßig. Absichtlich.

Sie wissen, dass ich hier bin.

Sie bog in eine schmale Gasse ab, zwischen verrostete Container und zerbrochene Schilder. Die Wände waren mit Rissen durchzogen, als hätte jemand versucht, sie zu öffnen. Sie blieb stehen, presste sich gegen die Kälte des Metalls.

Drei.

Drei Männer. Drei Masken. Drei Waffen.

Die Taschenlampe zitterte in ihrer Hand. Sie hatte noch eine Patrone. Eine einzige. Genug für einen Schuss. Nicht für mehr.

Mira wird ohne mich weiterlaufen.

Der Gedanke traf sie wie ein Schlag. Sie hatte es gesehen, als sie floh – Mira, wie sie sich durch die Menge schob, die Hände in den Taschen, als wäre sie nur eine weitere Person in der Menge. Aber Lena wusste, dass das nicht stimmte.

Die Gasse roch nach Öl und altem Papier. Irgendwo tropfte Wasser, ein Rhythmus, der sie counten ließ.

Eins. Zwei. Drei.

Drei Schritte. Das war alles, was sie hatte.

Sie hob die Taschenlampe. Das Licht traf den ersten Mann voll ins Gesicht. Er zuckte zurück, die Waffe in seiner Hand blitzte auf.

Jetzt.

Sie feuerte.

Die Patrone riss durch die Nacht. Der Mann stürzte, seine Maske flog fort, und für einen Moment sah Lena sein Gesicht – blass, ohne Expression, als wäre er schon längst tot gewesen, bevor er sie fand.

Zwei.

Der zweite Mann war schneller. Seine Waffe war auf sie gerichtet, der Lauf noch warm. Lena wirbelte zur Seite, die Lampe schlug gegen seine Hand, die Waffe fiel klirrend auf den Asphalt.

Eins.

Der dritte Mann war der Schlauste. Er blieb stehen, die Waffe gesenkt, als wüsste er, dass er keine Chance hatte. Er sagte etwas. Lena verstand die Worte nicht, aber der Ton war klar: Du hast gewonnen. Diesmal.

Dann zückte er eine zweite Waffe. Eine kleinere, die er in der Hand versteckte, wie ein Trickkünstler.

Scheiße.

Sie rannte.

Die Gasse mündete in eine größere Straße, wo das Licht der Laternen wie Messer in die Nacht schnitt. Sie sprintete, ohne zu wissen, wohin. Irgendwo hinter ihr hörte sie ein Motorrad aufheulen.

Kreutz.

Das Wort kam wie ein Fluch. Sie hatte es schon gewusst, aber jetzt, wo sie es aussprach, war es official. Er jagte sie. Nicht als Kommissar, nicht als Namensgeber des Archivs. Sondern als der Mann, der die Wahrheit begraben hatte, bevor sie sie jemals finden konnte.

Du hast gewonnen. Diesmal.

Die Stimme des dritten Mannes hallte in ihrem Kopf. Sie wusste, dass es eine Lüge war. Sie hatte nicht gewonnen. Nicht wirklich. Aber sie hatte Zeit. Und Zeit war das Einzige, was sie noch hatte.

Sie bog in eine Seitenstraße ein, zwischen verfallene Häuser. Die Luft war hier dicker, als würde die Stadt sie ersticken wollen. Irgendwo vorne hörte sie ein Geräusch – Schritte, schwer, absichtlich.

Sie warten auf mich.

Lena blieb stehen. Sie hatte keine Patrone mehr. Keine Waffe. Keinen Plan.

Aber sie hatte noch etwas.

Sie zog den USB-Stick aus der Tasche. Den, den Mira ihr gegeben hatte. Den mit den Bildern, den Namen, den Beweisen.

Das ist alles, was ich habe.

Sie grinste. Es war kein gutes Grinsen. Es war das Grinsen einer Frau, die wusste, dass sie gleich sterben würde – und trotzdem bereit war, die Stadt mit in den Abgrund zu nehmen.

Dann lass uns sehen, wie ihr mit dem umgehst.

Sie riss den USB-Stick aus dem Port. Irgendwo hinter ihr hörte sie Kreutz’ Stimme. Ruhig. Höflich.

„Lena. Wir haben auf dich gewartet.“

Sie warf den Stick in die Luft. Er wirbelte, ein kleiner, glänzender Punkt gegen den dunklen Himmel.

Dann fangt ihn.

Szene 3 – Das Safehouse, spät in der Nacht

Das Safehouse roch nach verbranntem Metall und Desinfektionsmittel. Ein Neonlicht flackerte an der Decke, warf blasse Streifen auf die Wände. Lena saß auf dem Bett, die Knie angezogen, die Hände um eine Tasse heißen Kaffee geschlungen. Sie hatte noch nicht getrunken. Sie wusste nicht, ob sie es konnte.

Mira stand am Fenster, die Arme vor der Brust verschränkt. Draußen war die Stadt noch da – aber sie war still. Als würde sie atmen, und als würde sie warten.

„Er ist hinter dir her“, sagte Mira.

Lena nickte. Sie hatte es gewusst, bevor sie es gehört hatte. Die Art, wie Kreutz ihren Namen gesagt hatte. Nicht wütend. Nicht panisch. Sondern wie jemand, der genau weiß, wo sie steht und warum sie flieht.

„Er wird nicht aufhören“, fügte Mira hinzu.

Lena hob den Blick. „Ich weiß.“

Stille. Dann:

„Du hast den Stick geworfen.“

Lena zuckte mit den Schultern. „Ja.“

„Warum?“

Lena lächelte. Es war kein gutes Lächeln. „Weil ich keine Lust hatte, ihn zu behalten. Und weil ich wollte, dass er mich sieht.“

Mira drehte sich um. „Du hast ihn direkt in sein Gesicht geworfen.“

„Nein. Ich habe ihn in die Luft geworfen. Damit er ihn fängt. Damit er sieht, dass es echt ist.“

Mira musterte sie. Dann ging sie zum Tisch, nahm einen Laptop und ein Kabel. „Du hättest ihn behalten sollen.“

„Warum?“

„Weil wir mehr brauchen. Nicht nur Bilder. Nicht nur Namen. Wir brauchen Beweise. Dokumente. E-Mails. Etwas, das sie nicht so einfach löschen können.“

Lena starrte auf die Tasse. „Woher nehmen wir die?“

Mira setzte sich neben sie, legte die Hände auf die Knie. „Von den Leuten, die schweigen. Von denen, die wissen, dass die Stadt lügt – und trotzdem nichts sagen.“

Lena hob den Kopf. „Und wie finden wir die?“

Mira lächelte. Es war das erste Mal, dass Lena es sah. „Indem du hörst.“

Ein Geräusch. Ein Kratzen an der Tür. Lena erstarrte. Mira stand auf, legte eine Hand an den Griff. „Wir sind nicht allein hier.“

Lena spürte es. Die Luft war anders. Dicker. Als würde die Stadt noch einmal atmen, bevor sie endlich stirbt.

„Mira…“

„Schsch.“ Mira öffnete die Tür einen Spalt. Draußen war alles dunkel. Nur ein schmaler Streifen Licht fiel von einer Laterne. „Er ist da. Aber er wartet nicht auf uns.“

Lena stand auf. „Wer dann?“

Mira schloss die Tür. „Jemand, der uns helfen kann.“

Lena atmete tief durch. „Und wenn wir ihn nicht finden?“

Mira sah sie an. „Dann brennen wir die Stadt nieder.“

Draußen, irgendwo, heulte eine Sirene.

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