← Der Atem der versunkenen Stadt
Chapter 5 Revised 1,511 Words

Die Nebelwächter — Die Gruppe wird das erste Mal von den Nebelwächtern verfolgt. Leo beginnt zu verstehen, dass Marxheim nicht nur eine Stadt ist, sondern ein lebendiges Wesen.

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Kapitel 5, Szene 1

Die Gasse war zu eng für drei, und doch schoben sie sich hindurch wie durch die Ritzen eines verfallenen Gebisses. Der Nebel kroch zwischen den Häusern empor, dick wie alter Rauch, und fraß die Kanten der Steine. Lina ging voraus, ihre Finger glitten über die Risse in den Wänden, als tastete sie blind nach etwas, das ihr fehlte. Bart folgte, schweigend, sein Atem ein leises Zischen in der Kälte. Leo brachte den Abschluss, die Hände in den Taschen vergraben, das Buch der versunkenen Orte unter seinem Arm.

Dass sie dich sehen, hatte Lina gesagt. Dass sie wissen, dass du es trägst.

Er spürte es nicht. Nicht direkt. Aber der Nebel benahm sich seltsam. Er zögerte an den Ecken, als würde er überlegen, ob er sie weiterlassen sollte. Und manchmal, wenn Leo sich umdrehte, glaubte er, eine Bewegung im Grau zu erkennen – eine Kante, die sich verschob, wo keine Kante sein sollte.

„Sie kommt“, murmelte Lina.

Bart hob den Kopf, sein Blick ein schmaler Spalt unter strähnigem Haar. „Sie ist schon hier.“

Ein Lachen, das keine Kehle hatte. Es drang durch den Nebel, nicht zu ihnen, sondern um sie herum, als würde die Stadt es ausspucken. Leo erstarrte. Der Nebel zuckte, und für einen Moment sah er etwas – eine Silhouette, die sich aus dem Grau formte, zu hoch, zu viele Glieder, als wäre es kein Mensch, sondern ein Faden, der sich zu etwas Verdrehtem spannte. Es hatte keine Augen, aber er spürte, dass es ihn musterte.

Das ist kein Wächter, dachte er. Das ist etwas, das aufpasst, dass ich nicht zu weit gehe.

„Lauf“, sagte Lina.

Sie riss ihn mit sich, ihre Finger krallten sich in seinen Arm. Bart verschwand vor ihnen, geschluckt vom Nebel, als hätte es ihn nie gegeben. Leo stolperte, sein Stiefel rutschte auf etwas Feuchtem ab – Blut? – aber er wusste, es war nicht seines. Der Nebel wurde dichter, klebte an seiner Haut, zog an seinen Haaren. Irgendwo hinter ihnen formte sich das Lachen neu, tiefer diesmal, als würde es aus den Steinen selbst kommen.

Sie lügen dir.

Die Stimme war nicht in seinen Ohren, sie war in den Rissen der Stadt, in den Fugen, wo der Nebel nicht hingelangte. Er presste die Hände gegen seine Schläfen, aber das half nicht. Die Steine atmeten jetzt, ein langsames, nasses Keuchen, und das Buch in seiner Tasche pulsierte, als würde es auf etwas reagieren, das er nicht sah.

Dann packte ihn etwas an der Schulter.

Keine Hand. Keine Finger. Etwas, das sich wie Nebel anfühlte, aber kalt war, eiskalt, und sich in seine Haut fraß. Er schrie, aber der Schrei erstickte im Grau. Lina zog an ihm, ihr Atem heiß an seinem Ohr. „Nicht hinsehen!“, zischte sie. „Wenn du hin siehst, nimmt er dich.“

Er.

Das Wort brannte in ihm. Der Nebelwächter. Nicht einer. Nicht zwei. Sie waren überall, in den Ecken, in den Ritzen, in den Dingen, die sich bewegten, wenn man genau hinsah. Und sie beobachteten ihn. Nicht, um ihn zu jagen. Um zu prüfen, ob er bereit war.

„Bart“, flüsterte Leo. Seine Stimme brach. „Wenn du das siehst…“

Keine Antwort. Nur das Lachen, das sich in etwas Schärferes verwandelte – ein Kratzen, ein Ziehen, als würde der Nebel ihn auseinanderreißen.

Lina zog ihn in eine Seitenstraße, wo der Nebel lichter war, aber nicht weniger bedrohlich. Sie presste ihn gegen die Wand, ihr Körper zitterte, und in ihren Augen war etwas, das er noch nie bei ihr gesehen hatte: Angst. Nicht vor den Wächtern. Vor dem, was sie wussten.

„Sie hat dich schon gesehen“, sagte Lina. Ihre Stimme war nur noch ein Hauch. „Sie weiß, dass du das Buch hast. Und sie weiß, dass du siehst.“

Leo spürte es jetzt auch. Nicht nur den Druck auf seiner Schulter, nicht nur das Lachen in den Steinen. Sondern etwas, das sich wie ein Schatten auf seine Seele legte. Etwas, das ihm sagte, dass er noch nicht bereit war. Dass er vielleicht niemals bereit sein würde.

Der Nebelwächter verschwand so plötzlich, wie er gekommen war – oder als hätte er nie existiert. Aber die Kälte blieb. Und das Buch unter Leos Arm pochte, als würde es ihm etwas zuflüstern, das er nicht hören wollte.

Du bleibst.

Er schloss die Augen.

Und zum ersten Mal begriff er, dass Marxheim nicht nur eine Stadt war.

Es war ein Lebewesen. Und es hatte Hunger.


Kapitel 5, Szene 2: „Die, die nicht zurückkehren“

Der Nebel fraß die Gasse in langsamen Zügen, als hätte er Zeit – oder als wollte er Leo zeigen, dass er keine Eile hatte. Lina zog ihn hinter sich her, ihre Stiefel klatschten auf nasses Pflaster, das nach Moder und etwas Süßlichem roch, wie verbrannte Zuckerrüben. Bart war verschwunden, als hätte der Nebel ihn einfach ausgeblendet, wie eine Tinte, die sich auflöst, wenn man zu lange hinschaut. „Sie folgen uns nicht“, sagte Lina plötzlich, ohne sich umzudrehen. „Sie warten.“

Leo spürte es an den Stellen, wo der Nebel seine Haut kitzelte – zu viele Augen, zu viele Blicke, die sich in seinen Nacken bohrten. Er riss den Kragen seines Mantels höher, aber das half nichts. Der Nebel kroch unter den Stoff, kalt wie Finger, die sich in sein Fleisch gruben. „Sie wissen, dass du das Buch hast.“

„Wie?“

„Weil sie es riechen.“ Ihre Stimme war ein Flüstern, das nicht für seine Ohren bestimmt war. „Weil du jetzt anders bist.“

Er wollte fragen, was das bedeutete. Ob es etwas mit Onkel Viktor zu tun hatte. Ob die Magisterin Elara von Grau das war, was ihn suchte – nicht ihn, nicht das Buch, sondern etwas in ihm, das er noch nicht kannte. Dann berührte etwas seine Schulter. Kein Nebel. Nicht ganz. Etwas, das sich wie ein Faden aus Grau und Knochen anfühlte, der sich um seinen Arm schlang. Leo erstarrte. Er wusste, dass er nicht hinsehen durfte. Lina hatte es gesagt. Aber er konnte nicht anders. Langsam, als würde sein Kopf von einer unsichtbaren Hand gedreht, wandte er sich um. Dort, zwischen den Häusern, die sich wie erstarrte Wächter in den Himmel streckten, stand eine Gestalt. Nicht hoch. Nicht niedrig. Falsch. Zu viele Glieder, zu viele Kanten, als wäre sie aus den Rissen der Stadt gewachsen, wo die Steine nicht richtig zusammenpassen wollten. Ihr Gesicht – falls es eines gab – war eine leere Fläche, aus der sich etwas bewegte, wie Nebel, der sich in etwas Verdrehtes wandelte. Ein Auge, dachte Leo. Oder ein Mund. Oder beides. Es öffnete den Mund. Kein Klang. Kein Wort. Nur das Gefühl, als würde etwas in seiner Brust zerreißen. Er riss sich los, stolperte, prallte gegen Lina. Sie packte seinen Arm, zog ihn in eine enge Gasse, wo der Nebel sich wie ein Vorhang um sie legte, dick und erstickend. „Lauf“, zischte sie. „Lauf, als gäbe es kein Morgen.“

Er rannte, aber der Nebel hing an ihm, zog ihn zurück, als wollte er ihn in etwas Dichtes, Etwas, das kein Licht ließ, zerren. Sein Atem brannte in seiner Kehle. Irgendwo hinter ihnen – oder vielleicht auch vor ihnen – formte sich das Lachen der Wächter, ein Klang, der nicht von Menschen kam, sondern von etwas, das in den Steinen nistete. Dann blieb Lina stehen. Sie stand einfach da, mitten in der Gasse, als hätte jemand den Boden unter ihren Füßen eingefroren. Ihr Atem kam in kurzen, flachen Stößen. Ihr Gesicht war bleich, die Haut gespannt, als würde sie etwas zurückhalten, das gleich herausbrechen wollte. „Lina“, flüsterte Leo. Sie drehte sich nicht um. „Ich sehe sie“, sagte sie. Ihre Stimme war nicht ihre eigene. Nicht ganz. „Sie kommt.“

Elara von Grau. Der Name brannte in seinem Kopf, als hätte jemand eine glühende Münze auf seine Stirn gelegt. Er wollte fragen. Er wollte schreien. Aber die Worte blieben stecken, weil er wusste, dass er es nicht tun sollte. „Sie ist in den Steinen“, fuhr Lina fort. „Sie ist überall. Sie wartet.“

Plötzlich zuckte ihr linker Augenwinkel. Nicht wie bei einem Menschen. Nicht wie bei jemandem, der erschrickt. Sondern wie bei etwas, das etwas sah, das es nicht sehen durfte. Ihre Pupille weitete sich, wurde schwarz, als würde das Licht verschluckt, das durch sie drang. Leo trat einen Schritt zurück. „Lina—“

„Sie weiß, dass du das Buch hast.“ Ihre Stimme war jetzt nicht mehr Lina. Es war etwas, das durch sie sprach, etwas, das sich wie ein Schatten in ihre Worte fraß. „Sie weiß, dass du siehst.“

Sie. Das Wort fraß sich in ihn, wie ein Wurm, der sich durch seine Eingeweide bohrte. Er wollte sie packen. Er wollte sie schütteln. Er wollte—

„Lina, schau mich an!

Sie blinzelte. Langsam. Als würde sie aus einem tiefen, traumlosen Schlaf erwachen. Dann sah sie ihn. Ihre Augen waren noch immer leer. Noch immer schwarz. Aber sie atmeten. Sie lebten. „Was ist passiert?“, fragte er. Seine Stimme zitterte. Sie rieb sich die Schläfen, als würde sie versuchen, etwas wegzureiben, das dort nicht hingehörte. „Ich… ich habe sie gesehen“, sagte sie. „In den Steinen. Sie hat mich gerufen.“

Gerufen. Das Wort hing zwischen ihnen, schwer wie Blei. Leo spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog. Nicht Angst.

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