Die Bibliothek, die atmet — Einführung in Lenas Welt, ihre Fähigkeit und die Atmosphäre der Bibliothek; Hinweis auf die Zerstörung der Bücher.
Szene 1 – Der Duft der verbrannten Seiten
Die Bibliothek war nie still. Nicht wirklich. Selbst in dieser Nacht, in der Berlin unter einem bleiernen Himmel lag und die Laternen ihr trübes Licht über das Kopfsteinpflaster warfen, flüsterte der Raum. Kein Lärm – kein Knarren der Dielen, kein Rascheln von Papier –, nur ein Atmen. Die Bücher warteten, als würden sie in der Dunkelheit die Luft anhalten, nur um im nächsten Moment gemeinsam auszuatmen, sobald eine Hand sie berührte.
Lena Voss strich mit den Fingerspitzen über den Rücken eines alten Romans in marmoriertem Einband. Das Leinen fühlte sich an wie müde Haut, als hätte es zu lange in der Kälte gelegen. Sie arbeitete seit Stunden, seit die Bibliothek geschlossen hatte, seit die letzten Studenten mit ihren überlasteten Gesichtern die Treppen hinabgestiegen waren und sie zurückgelassen hatten in diesem Labyrinth aus Wissen. Systematik, dachte sie manchmal, als wäre es eine Entschuldigung. Als könnte sie sich damit rechtfertigen, hier zu sein, wenn die Welt draußen sich drehte. Sie sortierte nicht. Nicht wirklich. Es war eine List, eine Art Selbstbetrug. Die Bücher, die sie hier in die Hände nahm, wurden nicht zurückgestellt, woher sie kamen. Sie landeten in einer Kiste unter ihrem Pult, in einer Liste, die nur sie führte. Verschollen. Unauffindbar. Verloren. Die Wörter brannten in ihrer Schrift, als hätte sie sie mit Tinte aus verbrannten Seiten geschrieben.
Lena seufzte, beugte sich tiefer über den Tisch. Das Buch in ihren Händen war dünn, fast zerbrechlich. Der Autor, Klaus Hartung, war in den Dreißigern gestorben, bevor er seinen zweiten Roman vollenden konnte. Die Seiten rochen nach Staub und etwas anderem – etwas Süßlichem, wie verfaulter Honig. Sie schloss die Augen, nur für einen Moment, und atmete ein. Dann passierte es.
Ein Bild. Nicht eines, das sie sich vorstellte, nicht eines, das sie suchte. Es drängte sich in sie, wie Wasser, das durch einen Riss in die Kabine eines sinkenden Schiffes strömt. Plötzlich sah sie seine Hände, nicht ihre eigenen. Grobe, von Tinte verhornte Finger, die über eine Schreibmaschine glitten, als würden sie einen Rhythmus suchen, den sie nie ganz fanden. Ein Bureau, bes hum, mit vergilbten Manuskripten stapelweise, als hätte er die Welt für sich allein schreiben wollen, ohne zu merken, dass die Welt ihn längst vergessen hatte.
Lena.
Die Stimme war nicht in ihren Ohren. Sie war in ihr, ein Echo, das sich in ihren Knochen ausbreitete, als würde es sie von innen her aufreißen. Sie zuckte zurück, riss das Buch von sich weg, als hätte es sie gebissen. Ihre Finger zitterten, als fürchtete sie, es könnte sich jetzt bewegen, von selbst, wie ein lebendiges Ding.
Was zum Teufel—?
Sie presste die Lippen zusammen, atmete durch die Nase. Ihr Puls hämmerte in den Schläfen, aber das Bild blieb. Nicht mehr sein Gesicht, nicht mehr seine Hände. Nur noch ein Gefühl: die Last der Worte, die ihn erdrückt hatten, die unvollendeten Sätze, die ihn verraten hatten. Sie spürte es, als wäre es ihr eigenes Versagen. Als hätte sie den Roman nicht vollendet, nicht den letzten Satz gefunden, der alles gerettet hätte.
Das ist nicht möglich.
Doch es war möglich. Es war passiert. Sie kannte das Buch. Sie hatte es in der Hand gehalten, ohne zu wissen, dass es sie anrühren würde, ohne zu ahnen, dass es mehr war als Tinte und Papier. Es war ein Stück von ihm, ein Riss in seiner Seele, und jetzt war es in ihr.
Lena stand abrupt auf, stolperte zurück, als würde sie einen Schritt von etwas Giftigem machen. Ihre Hände ballten sich zu Fäusten, die Nägel gruben sich in ihre Handflächen, bis sie kleine, rote Halbmonde hinterließ. Sie musste sich setzen, musste atmen.
Das war ein Unfall. Nur ein Unfall.
Aber als sie sich wieder über das Buch beugte, zögerte sie. Ihre Finger schwebten über dem Einband, als fürchtete sie, sie würden es von selbst berühren, als wäre es ein Tier, das bei der geringsten Bewegung zuschlagen würde. Sie spürte noch immer den Widerstand in ihren Gedanken, als würde er sie zurückstoßen, als wäre er wütend, dass sie ihn gesehen hatte.
Oder als würde er Angst haben.
Die Frage kam aus dem Nichts, ein Flüstern, das sich in ihr ausbreitete, das sich in ihren Gedanken verfangen hatte. Sie riss das Buch auf, als könnte sie die Antwort darin finden, als könnte die Tinte ihr sagen, was sie tun sollte. Doch die Seiten waren leer von allem außer seinen Worten, und diese waren stumm, als würden sie sie anstarren, ohne etwas preiszugeben.
Lena schloss die Augen. Ihr Atem ging schneller, flacher. Sie wusste nicht, wie lange sie so stand, mit dem Buch in den Händen, als wäre es eine Waffe, als könnte sie es wegwerfen, wenn sie nur mutig genug war. Aber sie war nicht mutig. Sie war nur eine Bibliothekarin, die zu viel wusste, die zu viel fühlte.
Als sie die Augen wieder öffnete, lag das Buch auf dem Tisch. Nicht dort, wo sie es hingelegt hatte. Es war ein Stück zur Seite gerutscht, als hätte jemand es absichtlich beiseitegeschoben. Und dann sah sie es: eine kleine, kaum sichtbare Riss in der Ecke des Einbands, als hätte jemand versucht, es zu öffnen, ohne es zu berühren.
Oder als hätte jemand versucht, es zu verschließen.
Lena erstarrte. Sie kannte diesen Riss. Sie hatte ihn selbst gesehen, in anderen Büchern, in den letzten Wochen. Immer an der gleichen Stelle, immer wenn sie ein Buch in die Hand nahm, das zu viel wusste. Als würden die Bücher sich verschließen, wenn sie zu nah kamen.
Und dann war da noch etwas. Etwas, das sie nicht benennen konnte, aber das sich in ihr ausbreitete, eine Kälte, die von den Büchern ausging, als würden sie sie warnen.
Lena atmete tief ein. Sie musste weg. Sie musste—
Das Buch bewegte sich.
Ein Zittern, kaum mehr als ein Flackern, aber es war genug. Sie riss die Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt. Das Buch blieb, wo es war. Still. Harmlos. Aber Lena wusste jetzt, dass es nicht still war.
Lena riss das Tagebuch zu sich, die Feder zitterte in ihrer Hand, als sie schrieb, ohne zu wissen, ob sie die Worte je lesen würde. Es ist nicht die Bücher. Es bin ich. Die Tinte tropfte, ein dunkler Fleck auf dem gelblichen Papier, als würde das Tagebuch weinen. Sie schrieb, ohne zu atmen, als könnte sie die Wahrheit in die Zeilen pressen, bevor sie sich in ihrem Kopf auflöste.
Es war nicht Absicht. Es war nicht Absicht, aber es passierte. Immer wieder. Ich berühre ein Buch, und plötzlich bin ich nicht mehr ich. Ich bin jemand anderes. Irgendjemand, der etwas verloren hat, das er nie zurückbekommen wird. Und das Buch... das Buch weiß es. Es fühlt es. Es zieht es aus mir heraus, als wäre es ein Magnet, und ich lasse es zu.
Die Feder kratzte über das Papier, als sie die Worte korrigierte, als könnte sie die Lüge damit ungeschehen machen. Ich sollte aufhören. Ich sollte aufhören, Bücher zu berühren. Ich sollte aufhören, in die Bibliothek zu gehen. Aber ich kann nicht. Weil ich wissen muss, was mit ihnen passiert. Was mit mir passiert, wenn ich sie berühre.
Ein Klopfen an der Tür. Leise, fast unsichtbar, als würde es sich schämen, zu stören. Lena erstarrte. Marlene. Sie wusste es, bevor sie die Tür öffnete. Sie wusste es, seit sie sie zum ersten Mal gesehen hatte, in der Bibliothek, wie sie über ein Regal griff, als wäre sie schon immer da gewesen, als gehöre sie zu den Büchern, zu den Schatten, die sich zwischen den Regalen bewegten.
Nicht jetzt. Nicht jetzt, wo ich so... so unordentlich bin.
„Lena? Bist du da?“ Marlene klang müde, aber es war eine Müdigkeit, die Lena kannte, eine, die sie selbst manchmal in sich spürte, wenn sie zu lange zwischen den Büchern stand, wenn die Worte sich in ihr sammelten, als würden sie sie ersticken.
Lena legte die Feder nieder, strich sich die Haare aus dem Gesicht, als könnte sie damit die Verwirrung, die in ihr war, glattstreichen. „Komm rein.“
Die Tür öffnete sich, Marlene trat ein, ihr Blick fiel sofort auf das Tagebuch, auf die zitternden Worte. Sie sagte nichts, aber ihre Augen verengten sich, als würde sie versuchen, die Gedanken dahinter zu lesen, als wüsste sie, dass Lena ihr etwas verbarg.
„Du siehst aus, als hättest du gerade einen Geist gesehen“, sagte Marlene, und ihre Stimme war warm, aber es war eine Wärme, die Lena nicht wärmte. Es war, als würde sie zu nah am Feuer stehen, ohne es zu spüren.
Lena lachte, aber es war kein echtes Lachen. Es war das Lachen einer Frau, die versucht, sich selbst zu überzeugen, dass alles in Ordnung war. „Ich habe nur gerade... nachgedacht. Über Bücher.“
Marlene trat näher, ihre Hand strich über Lenas Schulter, eine berührende, sanfte Bewegung, als wollte sie sie trösten, ohne zu fragen, was sie verletzte. „Bücher sind gefährlich, Lena. Sie lügen. Sie versprechen, sie geben, sie nehmen. Aber sie lügen immer.“
Lena spürte, wie Marlene sie ansah, wie sie versuchte, in sie hineinzugucken, als könnte sie die Wahrheit in ihren Augen lesen. Sie wollte sich abwenden, sich verstecken, aber sie konnte nicht. Nicht vor Marlene.
„Was ist passiert, Lena?“ Marlene setzte sich auf die Kante des Bettes, ihre Stimme war leise, fast ein Flüstern. „Du bist seit Wochen anders. Distanziert. Als wärst du... als wärst du nicht ganz hier.“
Lena blickte auf das Tagebuch, auf die Worte, die sie gerade geschrieben hatte, als könnte sie darin die Antwort finden. „Ich bin hier. Ich bin nur... ich bin nur verwirrt. Über Bücher. Über das, was sie tun können.“
Marlene schwieg einen Moment, dann sagte sie leise: „Und was tun sie, Lena? Was tun die Bücher?“
Lena atmete tief ein, als würde sie sich bereitmachen, in ein dunkles Wasser zu springen. „Sie... sie nehmen. Sie nehmen Erinnerungen. Sie nehmen... sie nehmen mich.“