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Chapter 7 Revised 1,549 Words

Die Klinge der Erinnerung — Elara konfrontiert Silas Dain und muss sich entscheiden, ob sie die Villa verlässt oder ein Teil von ihr wird. Die Spannung ist am höchsten.

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Kapitel 7 – Das Flüstern der verrotteten Rosen

Szene 1

Das Labor war kein Labor mehr.

Die Wände, einst mit Chemikalien beschriftet, pulsierten jetzt in einem langsamen, bleiernen Rhythmus, als würden sie atmen. Die Flüssigkeiten in den Reagenzgläsern waren keine Flüssigkeiten mehr – sie schlangen sich wie lebendige Adern durch das Glas, zersprangen, wenn sie zu schwer wurden, und tropften in dicken, zähen Strängen zu Boden. Der Geruch hatte sich verändert. Nicht mehr beißend, nicht mehr steril. Sondern süßlich, faulig, wie verrottetes Obst, das zu lange in der Sonne gelegen hatte.

Silas Dain stand regungslos in der Mitte des Raumes, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, das Gesicht eine Maske aus Narben, die wie Risse in der Haut aussahen. Seine Augen – zwei Abgründe, zu tief, um den Boden zu sehen – folgten Elara, als sie näher kam.

Er hatte sie gerufen.

Nicht mit Worten. Nicht mit einer dieser spöttischen, unheimlich sanften Stimmen, mit denen er sonst sprach. Nein. Er hatte einfach gewartet. Als hätte er gewusst, dass sie kommen würde. Als hätte er gewusst, dass sie muss.

„Du bist zu spät“, sagte er, ohne den Kopf zu drehen. Seine Stimme war wie ein Messer, das sich langsam durch Fleisch bohrte. „Die Villa mag Geduld haben, aber ich nicht.“

Elara blieb stehen, die Hände zu Fäusten geballt, die Nägel in ihre Handflächen gegraben. „Du hast mich gerufen.“

„Habe ich das?“ Er lächelte, und das war das Schlimmste. Dieses Lächeln war kein Lächeln. Es war ein Aufreißen, ein Zerrissenwerden, als würde etwas in ihm lachen, während es gleichzeitig weinte. „Oder hast du dich selbst gefunden?“

Sie wollte schreien. Sie wollte ihm ins Gesicht spucken. Sie wollte weglaufen, zurück in die Gänge der Villa, wo die Wände noch stumm waren, wo die Luft noch nicht nach Verfall roch.

Aber sie blieb.

„Wer ist mein Vater?“, fragte sie.

Silas’ Lächeln wurde breiter. „Ah. Da ist sie ja. Die Frage, die dich hierhergeführt hat.“

Er drehte sich endlich zu ihr um, und für einen Moment war sie sicher, dass sie hinter ihm etwas sah – etwas, das sich bewegte, das sie war, jung, verzweifelt, mit Tränen in den Augen, die sie nie weggeschrubbt hatte.

„Dein Vater“, wiederholte er, „ist tot. Er ist seit Jahren tot.“

„Das weiß ich.“

„Und trotzdem fragst du.“ Seine Stimme wurde weicher. Fast zärtlich. „Weil du es nicht glaubst. Weil du es wollen willst.“

Elara spürte, wie sich etwas in ihr verschob. Ein Ruck, ein Ziehen, als würde etwas in ihr aufwachen. Etwas, das sie lange verschlossen hatte.

„Er war nicht mein Vater“, sagte sie. Ihre Stimme war nur ein Flüstern. „Clara hat es gesagt. Du hast es gesagt.“

„Habe ich das?“ Silas trat einen Schritt näher, und plötzlich war er da, direkt vor ihr, sein Atem heiß auf ihrem Gesicht. „Oder habe ich gesagt, dass er nicht der Einzige war?“

Sie wich zurück, doch er ließ sie nicht gehen. Seine Finger packten ihr Kinn, zwangen ihren Kopf nach oben, und sie sah in seinen Augen – nein, durch seine Augen – etwas, das sich bewegte. Etwas, das sie war. Jung. Verloren. Mit großen, dunklen Augen, die nach etwas suchten, das es nicht gab.

„Du bist kein Experiment“, sagte er leise. „Du bist ein Erbe.“

„Das ist nicht wahr.“

„Ist es nicht?“ Seine Stimme wurde schärfer, schneidender. „Du hast die Karten gefunden. Die Gemälde. Die Stimmen in deinem Kopf. Du wusstest es schon immer.“

Elara riss sich los, stolperte zurück, prallte gegen eine der Wände. Die Wand zuckte unter ihren Fingern, als würde sie atmen.

„Lukas ist tot“, sagte sie plötzlich.

Silas erstarrte. Für einen Moment war er wieder der Mann, der sie zuvor gewesen war – der Mann, der sie gewarnt hatte. Der Mann, der sie geliebt hatte.

„Lukas“, wiederholte sie. „Er hat es versucht. Er hat versucht, mich zu warnen. Aber du…“

„Lukas.“ Silas’ Stimme war nur noch ein Hauch. „Lukas war… ein Freund.“

„Ein Lügner.“ Ihre Hände zitterten. „Er hat gelogen. Über alles.“

„Hat er das?“ Silas’ Augen wurden feucht. Tränen, die nicht weinten. Tränen, die aus ihm heraus flossen, als würde etwas in ihm weinen. „Oder hat er nur das gesagt, was du hören wolltest?“

Elara schüttelte den Kopf. „Nein. Er hat mir die Wahrheit gesagt. Über dich. Über die Villa.“

„Die Wahrheit.“ Silas lachte, ein kurzes, bitteres Geräusch. „Es gibt keine Wahrheit, Elara. Nur… was die Villa dir gibt.“

Die Wände bewegten sich. Langsam. Als würden sie atmen. Als würden sie wachsen.

„Du kannst gehen“, sagte Silas plötzlich. Seine Stimme war sanft, fast fürsorglich. „Du kannst jetzt gehen. Die Villa wird dich nicht aufhalten.“

Elara starrte ihn an. „Warum?“

„Weil du besonders bist.“ Seine Finger glitten über ihr Gesicht, als würde er etwas abwischen. „Weil du die Einzige bist, die sie wirklich verstehen kann.“

„Wer?“

„Die Villa.“ Silas’ Lächeln wurde wieder breiter, breiter, bis es fast zu viel war. „Sie wartet auf dich, Elara. Sie will dich. Nicht als Gefangene. Als… als Teil von ihr.“

Elara spürte, wie sich etwas in ihr drehte. Wie etwas riß. Wie etwas brüllte.

„Nein“, flüsterte sie.

„Doch.“ Silas’ Hand packte ihren Arm, zog sie näher, bis ihr Gesicht nur noch Zentimeter von seinem entfernt war. „Du kannst fliehen. Aber du wirst immer ein Teil von ihr sein. Immer.“

„Lügner.“

„Bin ich das?“ Seine Augen wurden dunkel. Tief. Unendlicher. „Oder bist du die Lügnerin?“

Die Wände schrien.

Elara riss sich los, stürmte zur Tür, doch als sie die Hand ausstreckte, verschloss sich die Tür. Nicht mit einem Mechanismus. Nicht mit einem Riegel.

Die Tür wuchs zu. Langsam. Als würde etwas daran saugen.

Silas’ Stimme war jetzt nur noch ein Flüstern, direkt hinter ihr.

„Willkommen zu Hause, Elara.“

Und dann – ein Lachen.

Nicht von ihm.

Von ihr.

Von der Villa.

Von ihm.

Szene 2 – Der Garten der flüsternden Rosen

Die Nacht war kein Himmel, sondern ein offener Riss, durch den etwas atmete. Elara stand zwischen den Rosen, deren Stängel sich wie verrenkte Finger um ihre Knöchel krallten, als würden sie versuchen, sie zu halten. Nicht um sie zu verletzen. Sondern um sie zurückzuholen.

Lukas war tot.

Das Wort brannte in ihr, ein glühender Kern, den sie nicht schlucken konnte. Sie hatte es gehört – in den Flüstern der Wände, in den knirschenden Gelenken der Villa, als die Treppe sich verschlang, um ihn zu verschlucken. Kein Schrei. Kein Kampf. Nur ein leises Knacken, als hätte etwas gebrochen, das nie ganz geheilt war.

Sie presste die Faust gegen ihren Mund, als könnte sie das Wort zurückdrücken, zurück in ihre Lunge, wo es nicht wehtun würde. Aber es war zu spät. Es hatte sich in sie gebohrt, wie ein Ast in frisches Fleisch.

Er hat dich geliebt.

Das Flüstern kam von überall. Nicht von der Villa. Nicht von Silas. Von den Rosen. Von den Steinen, die unter ihren Füßen weinten.

Lukas hatte sie geliebt. Und sie hatte ihn verraten.

Ein Geräusch. Ein Kratzen. Kein Tier. Kein Wind. Etwas, das glich – etwas, das sich bewegte.

Elara fuhr herum.

Dort, zwischen den verdrehten Stämmen, stand er.

Nicht Silas. Nicht Mira. Nicht Clara.

Lukas.

Sein Gesicht war ein Schatten, zerrissen von etwas, das nicht Licht, sondern Zähne war. Seine Augen – zwei tiefe, feuchte Höhlen, in denen sich etwas regte. Etwas, das nicht er war.

„Elara“, sagte er. Seine Stimme war kein Laut. Es war ein Ziehen, wie wenn etwas an ihren Eingeweiden rüttelte. „Elara, lauf.“

Sie wollte. Sie musste. Ihre Beine gehorchten nicht. Sie waren aus Blei, aus verrottetem Fleisch, das sich weigerte, sie zu tragen.

„Lukas—“

Geht!“ Seine Finger krallten sich in ihr Hemd, zerrten sie nach vorne, bis sein Gesicht nur noch Zentimeter von ihrem entfernt war. Und dann, dann sah sie es.

In seinen Augen.

Sie.

Eine kleine, zarte Hand, die sich aus seinem Unterkiefer schob, wie eine Larve, die zu früh schlüpft. Die Augen. Die Stimme.

„Elara…“

„Lukas, bitte—“

Seine Lippen bewegten sich, aber kein Laut kam heraus. Stattdessen floss etwas aus ihm heraus, etwas Schwarzes, das sich um ihren Handgelenk schlang, wie ein Seil, wie eine Wurzel.

„Du musst gehen“, flüsterte er. Seine Stimme war jetzt zwei. Die seine. Und eine andere. Eine, die nicht von hier war.

„Lukas, was ist das?“

„Die Villa“, zischte er. „Sie hat mich genommen. Wie sie dich nehmen wird, wenn du bleibst.“

Sein Körper zuckte. Ein Krampf. Seine Knochen knackten, als würden sie sich neu ordnen. Dann – ein Schrei. Nicht von ihm. Von ihr. Von dem Ding, das in ihm nistete.

Und dann brach er auf.

Nicht zusammen. Nicht wie ein Mensch. Sondern auseinander, als würde etwas in ihm reif werden, etwas, das ausbrechen musste.

Elara wich zurück, stolperte über die Rosen, fiel auf die Knie. Die Wurzeln wanden sich um ihre Knöchel, zogen sie tiefer, tiefer—

Lukas’ Hand lag noch in ihrer. Unversehrt. Kalt.

Und in seiner Handfläche pulsierte etwas.

Ein Auge.

Das letzte Mal, dass er sie ansah, bevor er ging.

„Lauf, Elara.“

Dann verschwand er.

Die Rosen schlossen sich. Nicht um sie zu ersticken. Sondern um sie einzulullen. Ein Singen. Nicht Musik. Atem. Blut. Etwas, das weinte.

Elara presste die Faust gegen ihren Mund, bis ihre Zähne in ihre Wange bißen. Sie schrie nicht. Sie konnte nicht. Weil etwas in ihr wusste, dass das Schreien nichts ändern würde.

Weil sie wusste, dass sie bleiben musste.

Weil die Villa ihr gehörte.

Und weil sie ihr* gehörte.

Für immer.

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