← Das Flüstern der verrotteten Rosen
Chapter 10 Revised 1,561 Words

Kapitel 10 — Vertiefung und Weiterentwicklung

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Kapitel 10 – Das Letzte Flüstern

Szene 1

Die Tür war kein Holz mehr.

Sie pulsierte, ein Mund aus blutiger Haut, der sich langsamer öffnete als ein Augenschlag, der zu lange braucht, um zu blinzeln. Elara stand davor, die Handflächen noch immer klebrig von etwas, das nicht ihres war. Es roch nach fauligen Rosen und altem Metall, nach etwas, das seit Jahren in ihrem Körper gewachsen war, ohne dass sie es bemerkte. Die Villa hatte sich verändert. Nicht nur die Wände, die jetzt wie lebendige Lungen atmeten, sondern sie selbst – Elara spürte es in den Knochen, in den Zähnen, in der Art, wie ihr Schatten nicht mehr mit ihr ging, sondern vor ihr hertrottete, als gehöre er einem anderen.

Du willst hinein.

Die Stimme war nicht in ihrem Kopf. Sie war in den Wänden, in den Rosen, in dem Fleisch der Tür, das sich um ihren Arm schlang, als wäre es neugierig.

Du weißt, dass du bleibst.

Elara riss sich los. Ihr Atem brannte. Blut tropfte von ihren Knöcheln auf den Boden, und das, was nicht ihre Haut war, zuckte darunter, als würde es lachen.

„Du lügst“, sagte sie, doch ihre Stimme klang fremd, als gehöre sie jemandem, der längst nicht mehr hier war.

Die Tür schloss sich nicht. Sie wurde zu, langsam, als würde etwas sie von innen drücken. Elara trat zurück, doch die Schwelle bewegte sich mit ihr, als wäre sie Teil eines größeren Mundes, der sich um sie legte.

Dann – ein Lachen.

Es kam nicht von der Villa. Es kam von irgendwo anders.

Silas Dain stand im Halbdunkel, die Hände in den Taschen seiner zerschlissenen Jacke, das Gesicht eine Maske aus Narben, die wie Risse in einem Spiegel aussahen. Seine Augen waren tief, zu tief, als könnten sie bis in sie hinabsteigen, bis zu dem Ort, an dem die Wahrheit lag, begraben unter Schichten von Lügen.

„Du hast dich also doch entschieden“, sagte er. Seine Stimme war sanft, fast traurig. „Ich dachte, du würdest länger brauchen.“

Elara wollte fliehen. Doch ihre Beine gehorchten nicht. Irgendetwas in ihr – etwas, das nicht sie war – hielt sie fest.

„Du bist nicht mein Vater“, flüsterte sie.

Silas lächelte, ein kurzes, trauriges Zucken der Lippen. „Nein. Das bin ich nicht.“

Er trat näher, und mit jedem Schritt bewegten sich die Schatten hinter ihm, als würden sie atmen. „Aber ich bin der Einzige, der je versucht hat, dich zu verstehen.“

„Was bin ich?“, fragte Elara. Ihre Stimme brach. Sie spürte, wie etwas in ihr wuchs, etwas, das sich wie Wurzeln durch ihre Adern fraß.

Silas blieb stehen, nur einen Schritt entfernt. Seine Hand hob sich, zögernd, als würde er fürchten, sie zu berühren. „Du bist das, was übrig bleibt, wenn alles andere verrottet.“

Die Wände der Villa stöhnte. Ein Spiegel schwebte heran, nicht an der Wand befestigt, sondern in der Luft, als würde er von unsichtbaren Händen getragen. In ihm sah Elara sich selbst – aber nicht die Frau, die sie einmal gewesen war. In diesem Spiegel war sie jünger, zerrissener, mit leeren Augen, die wussten. Sie sah das Labor. Die Nadeln. Die Schreie, die nicht ihre eigenen gewesen waren.

„Du kennst mich.“

Die Stimme kam aus dem Spiegel, doch sie gehörte nicht dem Mädchen. Sie gehörte ihr.

„Die Villa lügt nie“, sagte Silas. „Sie zeigt nur, was du bereits weißt.“

Elara wollte wegschauen, doch sie konnte nicht. Der Spiegel zog sie an, wie ein Strudel, der sie in seine Tiefe ziehen wollte.

„Du bist nicht Elara Voss“, sagte das Mädchen im Spiegel. „Du bist das, was sie aus dir gemacht hat.“

„Nein“, keuchte Elara, doch ihre Hände griffen nach dem Spiegel, als würde sie sich selbst umarmen wollen. „Ich bin—“

„Du bist ihr Kind“, sagte Silas leise. „Und sie ist hungrig.“

Die Wände der Villa zuckten. Etwas fraß sich durch das Fleisch, etwas, das nicht von hier war, das sich wie ein Schatten bewegte, unsichtbar, aber gegenwärtig. Die Rosen an den Wänden bewegten sich, schlangen sich um die Decke, als würden sie versuchen, etwas zu fassen.

Elara spürte es in sich, das, was nicht sie war. Es wuchs. Es wollte heraus.

„Lass mich gehen“, flüsterte sie. „Bitte.“

Silas’ Augen wurden dunkler. „Es ist zu spät.“

Der Spiegel berührte ihre Wange. Kalt. Feucht.

„Du bist schon lange nicht mehr du.“

Die Villa stöhnte auf, ein langgezogenes, nasses Geräusch, wie von etwas, das seit Jahren nicht mehr gesprochen hatte.

Und dann – ein Riss.

Nicht in den Wänden. In ihr.

Etwas brach aus ihr heraus, etwas, das nicht Elara war, etwas, das lachte, während es sich frei fraß. Es war wie ein Schatten, der einen Körper verlässt, wie ein Flüstern, das endlich laut genug war, um gehört zu werden.

„Du hast mich nie losgelassen“, sagte die Stimme, die nicht ihre war. „Du hast nur versucht, mich zu vergessen.“

Die Wände bluteten jetzt, nicht rot, sondern schwarz, dickflüssig, als würde etwas lebendig in ihnen sterben. Die Spiegel zersplitterten, nicht zu Scherben, sondern zu Augen, die sie anstarrten, als würden sie wissen.

Silas trat zurück, als würde er fürchten, sie zu berühren. „Es ist Zeit“, sagte er. „Sie ist bereit.“

„Wer? Die Villa?

Silas’ Lächeln war bitter. „Nein. Du.

Etwas bewegte sich in den Wänden. Etwas, das nicht dort sein sollte. Etwas, das wuchs, sich ausbreitete, wie ein Netz aus Adern, das sich in sie fraß.

Elara schrie.

Doch es war nicht ihr Schrei.

Es war das Lachen von etwas, das endlich frei war.

Die Wände schlossen sich. Nicht um sie einzusperren.

Um sie zu verfrachten.

Silas’ Hand – die letzte, die sie berührte – war kalt, als würde er sterben.

„Willkommen zu Hause“, flüsterte er.

Und dann war da nur noch das Schreien.

Nicht von der Villa.

Nicht von ihr.

Von allem, was sie je gewesen war.

Als der letzte Spiegel zersprang, blieb nur noch ein Gesicht.

Ihr Gesicht.

Doch es war nicht sie.

Es war das, was übrig geblieben war.

Und es lächelte.


Szene 2

Die Luft roch nach verbranntem Zucker und Moder. Elara stand in einem Raum, der kein Raum mehr war – die Wände hatten sich in Fleisch verwandelt, das pulsierte, sich dehnte, als würde es atmen. Sie spürte es unter ihren Fingerspitzen, wenn sie gegen die Wand schlug, feucht und warm, als würde etwas leben und sie gleichzeitig fressen. Ihre Hände waren nass, nicht von Schweiß, sondern von etwas, das nicht von ihr kam.

„Du denkst immer noch, du kontrollierst das.“

Die Stimme war nicht Silas’. Nicht Claras. Sie war ihr – oder das, was von ihr übrig war. Sie kam von überall, von den Wänden, von den Spiegeln, die nicht mehr reflektierten, sondern starrten, als würden sie auf etwas Warten, das endlich herausbrachte.

„Du hast versucht, dich zu verstecken“, flüsterte die Stimme. „Aber sie hat dich immer gefunden.“

Elara presste die Lippen zusammen, bis sie bluteten. Sie hatte aufgeschrieen, als der Spiegel sie berührte, als das etwas in ihr zuckte, sich bewegte. Sie hatte sich weggedreht, hatte versucht, es zu ignorieren, aber es war schon immer da gewesen. In den Wänden. In den Rosen. In den Träumen, die nicht ihre eigenen gewesen waren.

„Silas hat gelogen“, sagte sie, doch ihre Stimme war brüchig, als würde sie riechen. „Er hat gesagt, du wärst hungrig. Aber das bist du.“

Ein Lachen, nass und gurgelnd, erfüllte den Raum.

Ich bin nicht hungrig. Du bist es.“

Die Wände zuckten wieder, und für einen Moment sah sie es – das etwas, das sich in den Adern der Villa fraß, das sich wie ein Schatten zwischen den Rissen bewegte. Es war kein Tier. Es war kein Mensch. Es war nichts, das sie kannte, und doch allzu vertraut.

„Du hast mich nie losgelassen“, murmelte sie.

„Du hast nur versucht, mich zu vergessen.“

Die Rosen an der Decke bewegten sich, schlangen sich herab, als würden sie etwas fangen. Etwas, das herauswollte. Etwas, das sie war.

Elara spürte es jetzt, wirklich, das etwas in ihr, das wuchs, sich dehnte, wie eine Wurzel, die durch ihr Fleisch brach. Es war nicht Schmerz. Es war Erlösung.

„Lass mich gehen“, flüsterte sie.

Die Stimme lachte wieder, doch diesmal war es kein Geräusch. Es war ein Gefühl, das durch sie hindurchschoss, wie ein Strom, der sie fressen wollte.

„Du bist schon lange nicht mehr du“, sagte die Stimme. „Du bist das, was übrig geblieben ist.“

Die Wände bluteten jetzt, nicht rot, sondern schwarz, dickflüssig, als würde etwas sterben, das nie hatte sterben sollen. Die Spiegel zersplitterten, nicht zu Scherben, sondern zu Augen, die sie ansahen, als würden sie wissen.

Und dann – ein Riss.

Nicht in den Wänden.

In ihr.

Etwas brach aus ihr heraus, etwas, das nicht Elara war, etwas, das lachte, während es sich frei fraß. Es war wie ein Schatten, der einen Körper verlässt, wie ein Flüstern, das endlich laut genug war, um gehört zu werden.

„Du hast mich nie losgelassen“, sagte die Stimme, die nicht ihre war. „Du hast nur versucht, mich zu vergessen.“

Die Wände schlossen sich. Nicht um sie einzusperren.

Um sie zu verfrachten.

Silas’ Hand – die letzte, die sie berührte – war kalt, als würde er sterben.

„Willkommen zu Hause“, flüsterte er.

Und dann war da nur noch das Schreien.

Nicht von der Villa.

Nicht von ihr.

Von allem, was sie je gewesen war.

Als der letzte Spiegel zersprang, blieb nur noch ein Gesicht.

Ihr Gesicht.

Doch es war nicht sie.

Es war das, was übrig geblieben war.

Und es lächelte.

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