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Chapter 2 Revised 1,534 Words

Die Dienerin, die zu viel sieht — Elsa stellt Lena ein – eine junge Frau, die stumm ist, aber eine unheimliche Verbindung zu den alten Mythen zu haben scheint.

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Die Knochen der Mondgöttin Kapitel 2, Szene 1

Der Marktplatz von Königsberg lag unter einem bleiernen Himmel, der sich wie ein nasses Tuch über die Dächer spannte. Dämmerung kroch über das Pflaster, schlich sich zwischen die Stände, wo Äpfel in Holzkisten glänzten wie poliertes Elfenbein und Kräuterbündel in der kühlen Luft nach verbranntem Eisen rochen. Elsa von Voss zog den Saum ihres Mantels enger um die Knöchel, während sie zwischen den Buden hindurchging, die Hände in den Taschen vergraben. Sie hatte keine Lust auf Smalltalk. Die Frau, nach der sie suchte, würde sich nicht durch höfliche Fragen erpressen lassen.

Lena.

Der Name war ein Flüstern, das ihr eine alte Buchhändlerin in der Gasse der Akazienstraße anvertraut hatte – eine Frau mit gebücktem Rücken und Augen, die zu schnell zwischen Zeilen huschten. Die Stumme. Die, die die Mythen sieht. Elsa hatte gelacht, bis sie die Seitenzahl in dem vergilbten Band entdeckte: eine Skizze, die nur sie zu erkennen schien – eine Frau mit zu langen Gliedmaßen, die sich aus dem Schatten eines Mondes neigte, als würde sie etwas mitnehmen.

Jetzt stand sie vor einem Stand, an dem eine junge Frau in einem groben, dunkelblauen Kleid über ein Tablett mit Glasperlen gebeugt war. Ihre Finger bewegten sich mit einer Präzision, die Elsa an etwas erinnerte, das sie einmal in einer Anatomie-Vorlesung gesehen hatte – Sehnen, die sich unter Haut spannten, wenn sie sich bewegten. Die Frau hob den Kopf, und ihre Augen trafen Elsas. Kein Blinzeln. Kein Zögern.

Elsa blieb stehen.

Die Perlen kippten, klirrten, als die Frau sie in einer schnellen, fast wütenden Geste zurück in die Schachtel schob. Dann hob sie eine Hand, Zeigefinger und Mittelfinger gespreizt, als wollte sie etwas abmessen. Nicht grüßen. Nicht willkommen heißen. Sondern warnen.

Oder einladen.

„Sie verstehen mich nicht“, sagte Elsa leise.

Lena neigte den Kopf, als würde sie etwas abtasten, das Elsa nicht hören konnte. Dann, nach einem Moment, der sich wie eine gespannte Saite anfühlte, hob sie eine weitere Handvoll Perlen. Rot, dieses Mal. Sie ließ sie durch ihre Finger gleiten, bis sie wie ein Wasserfall in die Schachtel zurückfielen.

Elsa spürte, wie sich etwas in ihrer Brust zusammenzog. Nicht Furcht. Etwas Ähnliches, aber tiefer. Erwartung.

„Sie tragen keine Ringe“, sagte sie.

Lena erstarrte. Nicht die Hände. Nicht den Atem. Sondern etwas in ihrem Blick, als hätte Elsa etwas berührt, das nicht da sein sollte.

Oder als hätte sie es berührt, bevor es existierte.

„Ich suche eine Assistentin“, fuhr Elsa fort. „Für eine Expedition. Nach…“ – sie zögerte, suchte nach dem richtigen Wort – „nach Spuren.

Lena hob eine Braue. Nicht spöttisch. Sondern als würde sie etwas berechnen, das Elsa nicht nachvollziehen konnte.

„Sie sehen Dinge“, sagte Elsa. Es war keine Frage.

Die junge Frau ließ die Hände sinken. Die Perlen ruhten jetzt reglos in der Schachtel, als würden sie sich weigern, zu fallen. Dann, langsam, drehte Lena den Stand so, dass er Elsa den Rücken zuwandte. Ein klares Nein.

Elsa spürte, wie sich ihre Finger um den Rand des Standes krallten. „Sie können nicht einfach—“

Lena drehte sich halb um, und für einen Moment war da etwas in ihrem Gesicht, das wie Erinnerung aussah. Etwas, das nicht ihr gehörte. Etwas, das Elsa nicht benennen konnte, weil es keine Worte dafür gab – nur das Gefühl, dass sie gerade dabei war, in etwas einzutauchen, das tiefer war als Sprache.

Dann, mit einer plötzlichen, fast gewaltsamen Bewegung, griff Lena nach Elsas Handgelenk. Ihre Finger waren eiskalt, und ihr Griff war fest, fast schon schmerzhaft. Nicht, um zu halten. Sondern um zu zeigen.

Auf ihre Handfläche.

Dort, in einem Muster aus Narben, das wie ein Sternenbild aussah, glänzte etwas. Ein Symbol. Drei Linien, die sich zu einem Dreieck verbanden, mit einem Punkt in der Mitte, der pulsierte – als würde er atmen.

Elsa riss die Hand zurück.

Lena ließ sie los, ohne den Blick abzuwenden. In ihren Augen lag etwas, das Elsa nicht deuten konnte – Mitleid? Warnung? Etwas, das sich wie Verlangen anfühlte, wenn man es mit den falschen Worten benannte.

„Sie wissen mehr, als Sie sagen“, sagte Elsa, und ihre Stimme klang plötzlich rau, als hätte sie zu lange in einer staubigen Bibliothek gesprochen.

Lena lächelte. Nicht freundlich. Sondern wie jemand, der ein Geheimnis hütete, das er nicht preisgeben wollte – und auch nicht musste.

Dann, ohne ein weiteres Wort, drehte sie sich um und hob den Stand hoch, als wäre er aus Pappe. Sie trug ihn fort, zwischen die Menschen, die sich wie Schatten in der Dämmerung bewegten, ohne dass sie sich umdrehte, um zu sehen, ob Elsa ihr folgte.

Und Elsa stand da. Die Kälte kroch ihr bis in die Knochen. Nicht die Kälte des Abends. Sondern etwas anderes. Etwas, das sie nicht benennen konnte – nur spüren.

Sie hatte nach einer Assistentin gesucht.

Jetzt fragte sie sich, ob sie nicht viel mehr gesucht hatte.


Szene 2

Die Kerzen flackerten, als Lena die letzte Schublade aufstieß. Staub wirbelte auf, hing schwebend in der Luft, bevor Elsa ihn mit einem Husten erstickte. Sie hatte sich in den letzten Stunden nicht mehr bewegt, als fürchte sie, jede Regung könnte das Gleichgewicht der Bücher, Manuskripte und Fragmente stören, die Lena nun mit einer Präzision sortierte, die Elsa nicht verstand.

Lena arbeitete schweigend. Ihre Finger glitten über Elsas Notizen, als kennten sie die Seiten bereits. Sie blätterte nicht, sie las. Als könnte sie die Tinte unter den Fingerspitzen lesen, als wäre die Schrift nicht auf dem Papier, sondern in ihr.

Elsa rieb sich die Schläfen. Das ist absurd. Eine Stumme, die ihre Notizen versteht. Eine Stumme, die ihre Absichten durchschaut. Sie hatte sich eine Assistentin gesucht, eine Schreiberin, eine Hand, die ihr half, ihre Funde zu ordnen. Nicht eine Frau, die ihre Gedanken ahnte, bevor sie sie formuliert hatte.

Doch Lena hatte die Notizen noch nicht einmal angefasst, als Elsa sie auf die Frage nach ihrer Vergangenheit angesprochen hatte – und Lena war gezuckt. Ein kurzes, fast unmerkliches Zittern, das nur Elsa zu bemerken schien. Als hätte sie eine Tür zu etwas geöffnet, das sie lieber verschlossen hätte.

Jetzt, in der Stille, die zwischen ihnen lag, spürte Elsa, wie sich etwas in ihr wand. Nicht Unbehagen. Noch nicht. Etwas Kälteres. Etwas, das sich wie ein Schatten an ihre Rippen schmiegte, als würde es sie von innen beobachten.

Sie beugte sich vor, als könnte sie Lena so besser verstehen. „Die Symbole auf Seite vierundfünfzig“, sagte sie. „Das ist kein althochdeutsches Runenmuster. Es stammt aus einer Handschrift, die wir in der Bibliothek von Quedlinburg gefunden haben. Die Legende sagt, es sei das Zeichen der Mondgöttin.“

Lena hob den Blick nicht. Sie nahm ein dünnes, vergilbtes Blatt, das wie ein Fetzen aus einer größeren Schrift wirkte, und legte es neben die Notiz. Dann ein weiteres. Und noch eines. Jedes Mal, wenn ihre Finger das Papier berührten, zuckte sie leicht zusammen, als wäre die Tinte nicht trocken, als würde sie brennen.

Elsa spürte, wie sich ihre Haut unter dem Blick von Lenas Fingerspitzen sträubte. Das ist nicht normal.

„Sie erkennen es“, murmelte sie.

Lena erstarrte. Nicht die Hände. Nicht den Atem. Sondern etwas in ihrem Blick, als hätte Elsa etwas berührt, das nicht da sein sollte.

Oder als hätte sie es berührt, bevor es existierte.

„Sie träumen davon“, fuhr Elsa fort. Es war keine Frage, sondern eine Feststellung, die sich wie ein Messer in ihre eigene Brust bohrte. „Sie wissen etwas.“

Lena ließ die Blätter los, als wären sie plötzlich zu heiß. Sie stand auf, ohne Elsa anzusehen, und ging zum Fenster. Die Vorhänge waren halb geöffnet, und der Mond warf ein bleiches, fast blutiges Licht auf ihr Gesicht. Für einen Moment sah sie aus, als wäre sie nicht hier, in diesem Raum, in diesem Jahrhundert. Als stünde sie an einem anderen Ort. An einem Ort, der tiefer war.

Elsa spürte, wie sich ihre Kehle zusammenzog. Das ist nicht möglich.

Doch dann drehte Lena sich um, und in ihren Augen lag etwas, das Elsa nicht benennen konnte – etwas, das sich wie Erinnerung anfühlte, wenn man es mit den falschen Worten nannte.

„Sie spüren es“, sagte Elsa, und ihre Stimme klang plötzlich so rau, als hätte sie zu lange in einem Raum gestanden, in dem die Luft nach Moder und Geheimnissen roch.

Lena lächelte. Nicht freundlich. Sondern wie jemand, der ein Geheimnis hütete, das er nicht preisgeben wollte – und auch nicht musste.

Dann, ohne ein weiteres Wort, ging sie zurück zu dem Stapel und nahm das dünnste Blatt. Das, das Elsa noch nicht gelesen hatte. Das, das sie noch nicht gesehen hatte.

Ihre Finger zitterten, als sie es auseinanderfaltete. Das Papier knisterte, als würde es atmen.

Und dann, ganz langsam, hob Lena die Hand.

Elsa spürte, wie sich ihr Herzschlag beschleunigte. Nicht aus Angst. Aus Erwartung.

Die Spitze von Lenas Zeigefinger berührte das Symbol.

Ein leises, ersticktes Stöhnen entfuhr ihr.

Nicht aus Schmerz. Nicht aus Wut.

Sondern aus Erinnerung.

Und in diesem Moment wusste Elsa, dass sie sich geirrt hatte.

Sie hatte nicht nach einer Assistentin gesucht.

Sie hatte nach einer Wache gesucht.

Und jetzt, da Lena hier war, wusste sie, dass die Wahrheit länger war als alles, was sie je geglaubt hatte. Tiefer. Dunkler.

Und dass sie vielleicht, vielleicht, zu spät begriffen hatte, was sie da wirklich gesucht hatte.

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