← Die Knochen der Mondgöttin
Chapter 11 Revised 1,190 Words

Die Tochter des Mondes — Elsa akzeptiert ihr Schicksal und verlässt die Stadt – aber sie weiß, dass sie eines Tages zurückkehren wird.

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Szene 1: Abschied von Königsberg

Die Kälte der Ostsee kroch in Elsas Knochen, doch sie spürte sie kaum noch. Die Narbe an ihrer Hand pulsierte im Rhythmus der Gezeiten, ein Treffen von Salz und Blut, das sich in die Haut fraß wie eine zweite, lebendige Schicht. Sie atmete tief ein – das Meeresaroma, vermischt mit dem Moder der verrottenden Stadt hinter ihr, die sich dort, wo sie gestanden hatte, in etwas anderes verwandelte.

Königsberg lag nicht mehr.

Es war noch da, in den Umrissen der Dächer, in den Türmen der Kathedrale, die sich wie ein gebrochener Zahn aus dem Horizont hob. Aber die Stadt atmete nicht mehr. Sie blutete. Die Straßen, einst gepflastert mit Stein, waren nun mit einer dunklen, glänzenden Masse überzogen, die sich langsam bewegte, als würde etwas unter ihr kriechen. Die Menschen – die noch vor wenigen Tagen menschenwaren – standen regungslos, ihre Blicke auf einen Punkt gerichtet, den Elsa nicht sehen konnte. Ihre Hände zuckten, als würden unsichtbare Fäden sie lenken. Einige öffneten den Mund, und es kam kein Ton heraus, nur ein trockenes Rascheln, als würden ihre Kehlen mit Erde gefüllt.

Elsa schloss die Augen. Sie hatte es kommen sehen. Hatte es gespürt, lange bevor die Stadt zu versteinern begann. Als Lena sich in den Ruinen auflöste. Als der Mond zu bluten schien. Als Tannhausers Stimme sich in das Kratzen von Wurzeln verwandelte.

Sie war nicht mehr die, die sie gewesen war.

Ihre Finger krümmten sich, und für einen Moment zuckte etwas in ihr – nicht Schmerz, nicht Angst, sondern ein Ziehen, als würde etwas in ihr erwachen, das Schlummer geträumt hatte. Sie presste die Lippen zusammen, bis sie fast bluteten, und konzentrierte sich auf das gleichmäßige Klopfen der Wellen gegen das Ufer. Atme. Du atmest.

Hinter ihr, im Wasser, bewegte sich etwas. Nicht das Meer. Nicht die Strömung. Etwas, das wollte, dass sie es sah. Ein Schatten, größer als ein Mensch, größer als ein Schiff, der sich durch die Tiefe fraß und sich dann, langsam, in Richtung des Ufers erhob. Es hatte keine Gestalt, keine Knochen, keine Augen. Es war nur … Präsenz. Eine Erinnerung, die sich in der Dämmerung festfraß.

Elsa kannte es.

Sie hatte es in der Höhle gesehen. In den Träumen. In dem Moment, als sie die Narbe berührt hatte und etwas in ihr aufgewacht war, als wäre es nie ganz fort gewesen.

Die Mondgöttin.

Oder das, was von ihr übrig war.

Sie hatte es bekämpft. Hatte versucht, sich zu wehren, als es in ihr wuchs, als es ihre Adern füllte, als es ihre Gedanken in etwas verwandelte, das hungerte. Aber jetzt, hier, am Rande des Wassers, wusste sie: Es gab kein Zurück. Nicht mehr.

Die Narbe an ihrer Hand zuckte, und sie spürte, wie etwas in ihr lächelte.

Elsa lächelte zurück.

Dann drehte sie sich um und ging.

Die Stadt hinter ihr begann zu stöhnen. Die Menschen, erstarrt in ihren Positionen, hoben die Köpfe, als würden sie zum ersten Mal seit Jahrhunderten den Himmel sehen. Die Kathedrale, einst stumm, begann zu singen – ein Klang, der nicht von Menschenstimmen kam, sondern von etwas, das in den Steinen schlummerte.

Elsa ging weiter.

Das Wasser umspülte ihre Füße, und sie spürte, wie es sie berührte, als wäre es eine Hand. Eine Hand, die sie kannte. Eine Hand, die sie willkommen hieß.

Sie blieb nicht stehen. Sie sah nicht zurück.

Aber sie wusste, dass sie eines Tages wiederkommen würde.

Und wenn sie es tat, würde die Stadt nicht mehr Königsberg sein.

Es würde ihre Stadt sein.


Szene 2: Das Schiff

Das Schiff schaukelte, und das Salz in der Luft brannte in Elsas Nase. Sie stand am Bug, die Hände auf das feuchte Holz gepresst, die Fingerknöchel weiß. Vor ihr dehnte sich die Ostsee, ein Spiegel aus Grau und Blau, der das Licht der untergehenden Sonne in flüssigem Silber fing. Die Stadt lag hinter ihr, ein Albtraum aus versteinerten Gesichtern und blutenden Straßen, die sich in den Horizont fraß. Königsberg. Nicht mehr. Elsa spürte es in den Knochen, in dem Pochen hinter ihren Schläfen, in dem Ziehen ihrer Narbe. Sie hatte die Wahl gehabt – fliehen oder bleiben. Und sie hatte gewählt. Lügen war leichter als sterben. Doch jetzt, wo das Wasser ihre Zehen kitzelte und der Wind ihr die Haare aus dem Gesicht riss, fragte sie sich, ob es eine Wahl gewesen war. Vielleicht war es nur ein anderer Name für das, was sie immer gewesen war. Ein Werkzeug. Ein Gefäß.

Die Narbe zuckte, ein schneller, ungeduldiger Puls, als würde sie sie rufen. Elsa ballte die Faust, bis die Haut sich spannte, doch das Brennen blieb. Es war nicht mehr nur eine Narbe. Es war ein Mund. Ein Auge, das im Dunkeln lauschte.

Du hast mich verlassen.

Die Stimme war nicht in ihren Ohren. Sie lag in ihrem Blut, in den Adern, die sich wie Wurzeln durch ihren Körper schlängelten. Sie kannte sie. Hatte sie in den Ruinen gehört, in dem Moment, als der Boden sich öffnete und etwas Altes, Feuchtes emporgestiegen war.

Ich bin noch da.

Elsa schloss die Augen. Das Schiff neigte sich, als würde es sie warnen. Sie spürte, wie die Mondgöttin – oder das, was von ihr übrig war – sich in ihr regte, ein schlafendes Tier, das nach etwas hungerte, das es nie bekommen würde.

Was willst du?

Keine Antwort. Nur das Kitzeln der Narbe, das Pochen in ihren Schläfen, das Gefühl, als würde etwas in ihr atmen.

Du hast mich nicht gerettet.

Die Stimme war wütend. Oder traurig. Elsa wusste es nicht. Es spielte keine Rolle.

Ich habe dich nicht verlassen.

Eine Lüge. Sie hatte die Stadt verlassen. Lena. Rudolf. Tannhauser. All die Gesichter, die sie hatte fallen lassen wie leere Hüllen.

Du hast Angst.

Elsa öffnete die Augen. Das Wasser glitzerte, aber sie sah nichts. Keine Schatten. Keine Gestalten. Nur das leere Blau, das sich bis zum Himmel erstreckte.

Angst ist ein guter Grund, um zu gehen.

Angst ist ein guter Grund, um zu bleiben.

Die Narbe zuckte wieder, schneller diesmal, als würde sie sie packen. Elsa presste die Lippen zusammen, bis sie sich anfehlten. Sie wusste, was passieren würde, wenn sie zurückblickte. Sie würde die Stadt sehen – nicht mehr Königsberg, nicht mehr die Stadt, die sie kannte. Sondern etwas, das sich unter ihrer Haut ausbreitete, das in den Steinen wach wurde, das in den Menschen kroch.

Du kannst nicht entkommen.

Ich bin schon entkommen.

Elsa drehte sich um. Das Deck unter ihren Füßen war glatt, feucht, aber fest. Kein Wackeln. Kein Stöhnen. Kein Blut, das unter den Planken hervorquoll.

Du lügst.

Vielleicht.

Die Narbe pulsierte, ein schneller, unregelmäßiger Rhythmus, als würde sie ihr etwas mitteilen. Etwas Wichtiges. Etwas, das Elsa nicht verstehen wollte.

Du wirst zurückkommen.

Vielleicht.

Oder du wirst hier sterben.

Elsa lächelte. Es war kein fröhliches Lächeln. Es war das Lächeln einer Frau, die wusste, dass sie nicht sterben würde. Nicht auf diese Weise.

Ich sterbe nicht. Ich vergesse nur.

Die Narbe zuckte, und für einen Moment spürte Elsa, wie etwas in ihr erwachte – nicht die Mondgöttin, nicht das Hungergefühl, das sie in den letzten Wochen gequält hatte. Sondern etwas Neues. Etwas, das sie selbst war.

Du wirst mich vermissen.

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