Der erste Riss — Begegnung mit Lyra und ihre erste Rebellion.
Die Nacht in Aethelgard war nie wirklich dunkel, aber im Club The Void fühlte es sich so an. Die Luft war dick von dem Geruch nach altem Bier und warmem Staub, ein krasser Kontrast zur sterilen Reinheit der Außenwelt. Elias stand am Rand des Dancefloors und beobachtete die Menschen, die sich in der Dunkelheit bewegten. Hier gab es keine Algorithmen, kein The Core, nur Musik und das Gefühl von etwas Unkontrolliertem. Dann sah er sie: Lyra stand auf der Bühne und spielte ihre Gitarre, die Saiten schienen fast zu glühen unter den Scheinwerfern. Sie trug ein Kleid aus dunklem Stoff, das sich mit jeder Bewegung wie eine zweite Haut anfühlte. Ihre Haare waren wild und ungeordnet, als hätte sie gerade erst aus dem Bett gestiegen — oder vielleicht war das Absicht. Elias trat näher, seine Augen auf ihre Hände gerichtet. Sie spielten nicht wie die anderen Musiker in Aethelgard, deren Musik oft zu perfekt und berechenbar war. Lyras Musik hatte etwas Unvorhersehbares, ein Chaos das sich wie eine Umarmung anfühlte. Er konnte nicht abwenden, als würde er in einen Sog gezogen werden. Plötzlich hörte die Musik auf und Lyra sah ihn an, als hätte sie ihn nicht gesehen. Sie lächelte kurz und dann war es weg. Elias blieb stehen, seine Augen auf ihre Hände gerichtet, die immer noch zitterten wie nach einem langen Konzert. Er ging langsam zu ihr hin und setzte sich auf den Rand der Bühne, direkt neben sie. Sie sah ihn nicht an, aber er spürte ihren Blick auf sich. „Du bist Lyra“, sagte Elias leise, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. Sie drehte sich langsam zu ihm um und lächelte, dieses Mal echter. „Ja. Und du bist Elias Vyrus. Ich habe dich schon gesehen.“
Elias zog eine Augenbraue hoch, seine Hände auf seinen Knien verschränkt. „Du hast mich gesehen? Ich dachte, ich wäre unsichtbar.“
Lyra lachte kurz auf und schüttelte den Kopf. „Du bist nicht unsichtbar, Elias. Du hast nur die Angewohnheit entwickelt, dich so zu verhalten, als wärst du es. Aber hier im Void bist du jemand.“
Sie stand auf und trat einen Schritt näher zu ihm hin, ihre Augen glühend vor Leidenschaft. „Ich hasse die Perfektion dieses Systems. Ich will etwas Schönes erschaffen, das nicht von einem Algorithmus vorhergesagt wird.“
Elias nickte langsam. „Ich verstehe das. Ich selbst habe oft das Gefühl, dass alles in Aethelgard zu perfekt ist.“
„Perfekt? In Aethelgard gibt es nichts, das perfekt ist. Es ist nur so getan als wäre alles in Ordnung.“
Sie setzte sich wieder hin und fing an, mit ihren Fingern auf dem Boden zu trommeln. „Ich bin Künstlerin, Elias. Ich erschaffe etwas aus dem Nichts — und das ist rebellisch gegen alles was The Core uns vorgibt.“
Elias sah sie an, seine Augen weit aufgerissen. „Du bist eine Rebellin? Aber du spielst hier in einem Club, der von The Core kontrolliert wird.“
„Das ist der Punkt, Elias! Ich nutze das System gegen sich selbst. Ich erschaffe etwas Schönes in einem Ort der Kontrolle ist.“
Elias nickte langsam, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. „Ich verstehe das.“