Kapitel 9 — Vertiefung und Weiterentwicklung
Die Stadt war laut, aber nicht so wie Blackwood Hall — dort gab es kein Schweigen, nur die Art von Stille, die sich in den Wänden festsetzte wie Schimmel. In der kleinen Buchhandlung an der Ecke, wo Elias Finch oft auftauchte und ihm Dinge aus dem Archiv mitbrachte die nicht auf den Regalen standen, saß Elowen jetzt. Sie hatte das Tagebuch von Silas Thorne in ihrer Hand und die Ränder waren schon vergilbt. Elias saß gegenüber, seine Hände auf dem Tisch verschränkt, das Licht der Lampe fiel schräg über sein Gesicht.
„Du hast es geschafft, Elowen“, sagte er leise und legte seine Hand auf ihre. „Du hast den Bann gebrochen.“
Elowen atmete tief durch und spürte, wie die Luft in ihren Lungen brennend war. Sie hatte Alastairs Lüge durchschaut, sie wusste jetzt wer Silas wirklich gewesen war und was er mit seinem Erbe gemacht hatte. Sie sah in Elias’ Augen, die sie immer beobachtet hatten und nun mit einer Mischung aus Stolz und Melancholie leuchteten.
„Ich weiß nicht, ob ich das richtig gemacht habe“, gestand sie und strich über die vergilbten Seiten. „Aber ich weiß, dass es das Einzige war was Alastair nicht wollte — dass wir die Wahrheit kennen.“
Elias nickte und zog eine kleine Metallkiste aus seiner Tasche, die er ihr mitgebracht hatte. „Das ist der letzte Teil von Silas' Erbe — ein Brief an dich, den er vor seinem Tod geschrieben hat. Ich habe ihn jahrelang bewahrt und gewartet bis du bereit bist, es zu lesen.“
Elowen nahm den Brief entgegen. Er war in einem Umschlag aus Pergament, der mit dem Siegel von Silas Thorne verschlossen war. Sie brach das Siegel und begann zu lesen. Der Brief war kurz, aber jeder Satz fühlte sich an wie ein Schlag in die Magengrube.
„Elowen, mein Kind — wenn du das liest dann weißt du dass ich nicht der Architekt des Schweigens war sondern nur sein Werkzeug. Ich habe versucht die Wahrheit zu schützen aber ich habe es nicht geschafft und das ist mein größter Fehler. Alastair wird versuchen dich zu kontrollieren aber du hast die Stärke in dir die er niemals hatte. Du bist nicht seine Erbin sondern deine eigene Geschichte schreibst du ab jetzt selbst.“
Elowen legte den Brief zurück auf den Tisch und spürte, wie Tränen in ihre Augen traten. Sie hatte es immer gewusst aber jetzt war es real — sie war nicht Alastairs Eigentum und auch nicht Silas' Erbin. Sie war jemand, der seine eigene Geschichte schreiben wollte.
„Was denkst du?“, fragte Elias und sah sie an, seine Stimme war warm und verständnisvoll.
Elowen nahm den Brief in die Hand und spürte, wie er sich in ihren Fingern anfühlte. „Ich denke dass ich jetzt entscheiden muss was als Nächstes kommt — ob ich in der Stadt bleibe oder mir einen neuen Anfang suche.“
Elias lächelte und sagte: „Du hast es geschafft Elowen — du bist frei.“
Elowen stand auf und sah aus dem Fenster. Die Stadt war hell erleuchtet und sie spürte, wie die Last der Vergangenheit von ihren Schultern fiel. Sie hatte Silas' Tagebuch durchschaut und Alastairs Lüge erkannt aber jetzt war sie frei — von den Fäden die Silas gezogen hatte und Alastairs Kontrolle.
Sie sah auf ihre Hände und spürte, wie sie zitterten aber nicht vor Angst sondern vor Aufregung. Sie hatte sich selbst befreit und nun war sie bereit für alles was kommen mochte — egal ob es ein neuer Anfang in der Stadt oder eine Reise ins Unbekannte war.
Sie sah Elias an und lächelte zurück — es war das erste Mal seit Monaten dass sie sich wirklich frei fühlte. Sie hatte den Bann gebrochen und Silas' Erbe war jetzt ihr eigenes — nicht mehr Alastairs oder das der Familie Vane. Sie hatte ihre eigene Geschichte geschrieben und sie war bereit für alles was kommen mochte — egal ob es ein neuer Anfang in der Stadt oder eine Reise ins Unbekannte war.