Der Schatten im Spiegel — Elena soll die Kluft zwischen ihrer äußeren Fassade und ihrem inneren Schmerz visuell darlegen, indem sie eine Szene gestaltet, in der ihr Spiegelbild die Realität komplett invertiert
Die Spiegelungen waren nicht mehr nur Schatten – sie wurden zu etwas, das sich bewegte. Nicht wie ein Spiegelbild sollte es sein, sondern wie eine andere Person, die nur so tat, als wäre sie ich. Ich saß auf der Bettkante und beobachtete mich selbst im Spiegel, während meine Hände zitterten. Das Licht war schwach, aber die Schatten waren so scharf wie Rasierklingen. Ich wollte wegsehen, doch ich konnte nicht. Es war so verdammt faszinierend und erschreckend zugleich. Das Spiegelbild lächelte mich an, aber nicht so wie ich – es war ein Lächeln aus Zähnen und Dunkelheit, das sich bis in die Augen zog. Es sagte nichts, aber ich verstand es trotzdem: Du kannst nicht fliehen.
Ich stand auf und ging zum Fenster. Draußen war die Stadt in Dunkelheit gehüllt, nur vereinzelt leuchteten Straßenlaternen. Ich dachte an Friedrich und seine Worte: Du bist nicht verrückt. Aber was war ich? War das hier nur eine Krankheit, die sich in Spiegelungen manifestierte? Oder war es etwas anderes – etwas, das ich nicht verstehen wollte?
Die Tür öffnete sich leise und Marta trat ein. Sie trug ihr übliches schlichtes Kleid, die Haare streng zurückgebunden. „Elena?“, sagte sie leise. Ich drehte mich um, und ihr Blick war so voller Mitleid, dass es mir wehtat. „Ich dachte, du könntest schlafen.“
„Ich kann nicht“, sagte ich und spürte die Lüge in meiner Stimme. „Die Schatten… sie werden schlimmer.“ Sie nickte langsam, als würde sie das verstehen. „Sie kommen aus dir“, sagte sie leise. Ich erstarrte. „Was?“
Marta trat näher und legte eine Hand auf meine Schulter. Ihre Berührung war kühl, aber nicht so kalt wie die Schatten im Spiegel. „Du verleugnest es“, sagte sie leise. „Die ganze Familie… ihr wollt nicht sehen, was passiert.“ Ich wollte widersprechen, doch die Worte blieben mir im Hals stecken. „Wie kannst du das wissen?“
„Weil ich es beobachte“, sagte sie leise. „Und weil die Spiegelungen nur so stark werden, wenn du dich weigerst, sie anzusehen.“ Ich schloss die Augen und spürte das Zittern in meinen Händen. „Und was, wenn ich nicht mehr so bin?“, fragte ich leise. Marta lächelte traurig. „Du wirst immer du sein, Elena. Aber vielleicht musst du lernen, die Schatten anzunehmen.“ Ich öffnete die Augen und sah sie an. „Und was ist das?“, fragte ich leise. Sie lächelte nur und ging zur Tür, ohne eine Antwort zu geben.
Ich blieb allein zurück in meinem Zimmer, während die Schatten im Spiegel immer stärker wurden. Sie bewegten sich jetzt nicht mehr nur – sie begannen, die Realität zu verzerren. Die Wände schienen sich in den Spiegel hineinzuverformen, und das Licht wurde schwächer. Ich spürte die Angst in mir aufsteigen, aber gleichzeitig war da eine Neugier, die mich nicht losließ. Ich trat näher an den Spiegel und streckte meine Hand aus. Die Schatten zuckten, als ich mich bewegte. „Wer seid ihr?“, flüsterte ich.
Das Spiegelbild lächelte mich an, und für einen Moment sah ich etwas in seinen Augen – eine Traurigkeit, die so tief war, dass sie mich erschütterte. „Wir sind das, was du verleugnest“, sagte die Stimme im Spiegel leise. Ich zuckte zurück, doch dann trat ich wieder näher. „Und was verleugne ich?“, fragte ich leise. Das Spiegelbild lächelte wieder, aber diesmal war es ein Lächeln aus Zähnen und Dunkelheit. „Du verleugnest deine Rolle“, sagte die Stimme leise. Ich öffnete die Augen und sah das Spiegelbild an. „Und warum?“, fragte ich leise.
„Weil du die einzige bist, die es kann“, sagte die Stimme leise. „Und was passiert, wenn ich es nicht tue?“, fragte ich leise.