Der Kurator — Einführung in den Kurator und seine Rolle.
Das Licht im Büro war gelb wie ein alter Zahn. Es fiel schräg über den Schreibtisch, wo Elara stand und die Hände in den Taschen ihres Mantels vergrub. Der Mann hinter dem Schreibtisch, der Kurator, hatte keine Augen wie ein Mensch – sie waren zwei dunkle Punkte, die sich nicht bewegten. „Sie sucht nach ihrer Schwester“, sagte er. Seine Stimme war wie Sand, der über Glas scharrte. „Das ist nicht Ihr Weg.“
Elara spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. „Ich will wissen, was mit Lea passiert ist.“
„Die Stadt hat ihr Gedächtnis“, erwiderte er. „Und das ist nicht Ihr Geschäft.“
Er hatte recht, aber Elara wusste es besser. Sie hatte das Flüstern gehört. Die Mauern hatten sie gerufen, und Kael hatte ihr gesagt, dass die Stadt ein Geheimnis hatte. Ein Geheimnis, das sie nicht ignorieren konnte. „Ich will wissen“, wiederholte sie. Ihre Stimme war fester, als sie sich fühlte. Der Kurator lächelte nicht. Er hatte keine Zähne, aber sein Mund war wie ein Riss im Boden. „Dann gehen Sie.“
Elara drehte sich um, ohne zu wissen, wohin sie ging. Die Gänge der Stadtverwaltung waren wie ein Labyrinth aus Glas und Metall, kalt und steril. Sie folgte einem Lichtschacht, der sie nach unten führte, bis sie in einem Raum landete, der wie ein Archiv aussah. Frau Händel saß hinter einem Stapel Akten, die wie ein Turm aus Papier wirkten. Sie sah Elara an, als wäre sie eine Störung im System. „Sie haben den Kurator gesehen“, sagte sie. Elara nickte. „Er sagt, ich soll nicht suchen.“
Frau Händel seufzte. Es war ein Geräusch wie trockene Blätter, die im Wind raschen. „Der Kurator ist nicht Ihr Freund.“
Elara setzte sich auf einen Stuhl, der wie ein Gerüst aus Metall aussah. „Was ist er?“
Frau Händel schob eine Akte zur Seite, als würde sie ein Geheimnis offenbaren. „Er ist der Hüter des Gedächtnisses.“
Elara zog die Augenbrauen hoch. „Und was ist das?“
Frau Händel sah sie an, und für einen Moment war ihr Blick wie ein Spiegel. „Die Stadt lebt.“
Elara erstarrte. Das Wort war wie ein Schlag in den Bauch. „Wie?“
Frau Händel deutete auf die Mauern, die durch das Fenster sichtbar waren. „Sie atmen.“
Elara sah aus dem Fenster. Die Mauern schienen sich zu bewegen, wie ein atmender Körper. Ein Geräusch wie ein tiefer Atemzug ging durch den Raum, und Elara spürte es in ihren Knochen. „Und was ist das Geheimnis?“ fragte sie, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern. Frau Händel sah sie an, und ihr Blick war wie eine Warnung. „Das Geheimnis ist dasselbe wie das Gedächtnis.“
Elara schloss die Augen. Sie sah Lea, wie sie im Licht der Stadt gelaufen war, bevor sie verschwunden war. Sie sah Kael, wie er ihr das Flüstern erklärt hatte. Und sie sah den Kurator, wie er gesagt hatte, dass sie nicht suchen sollte. „Was will die Stadt?“ fragte Elara. Frau Händel sah sie an, und ihr Blick war wie ein Spiegel. „Sie will nicht vergessen.“
Die Stadt war nicht nur ein Ort aus Steinen und Glas. Sie war etwas anderes, etwas Lebendiges, das nicht vergessen wollte. Und sie hatte ein Geheimnis, das Elara jetzt wissen musste. „Und was ist Lea?“ fragte sie. „Sie ist Teil des Gedächtnisses.“
Elara schloss die Augen, und sie sah Lea. Nicht wie ein Geist, nicht wie eine Erinnerung. Sondern wie etwas anderes – wie ein Teil der Stadt selbst. „Und was ist das Geheimnis?“ fragte sie wieder, und diesmal war ihre Stimme fester.