Der Kurator sucht — Kapitel 12: Elara versucht, die flüsternden Wände als eine Art Barometer für die verdrängte Erinnerung zu nutzen, indem sie bewusst einen bestimmten Ton oder eine Struktur in den Flüstern sucht, um die Abwesenheit ihrer Schwester zu manifestieren
Die Schatten in der Gasse waren länger als die des Vorabends. Sie zogen sich wie Finger über den feuchten Asphalt, wenn Elara mit dem Rücken gegen eine Wand presste. Sie hörte ihn kommen – nicht die Schritte, sondern das Geräusch des Atems hinter ihr. Ein schweres, rhythmisches Pusten, als würde er mit jedem Atemzug etwas aus der Luft ziehen. Sie schloss die Augen und presste den Kopf fester gegen das Mauerwerk, bis ihr Schädel brummte.
"Du hörst es doch." Die Stimme war kein Flüstern mehr, sondern ein fester Ton. Sie kam von irgendwo zwischen den Schatten. "Die Stadt redet mit dir, Elara."
Sie öffnete die Augen. Der Kurator stand vor ihr – oder war es er? Sein Gesicht im Mondlicht sah aus wie eine Maske, die zu groß für sein Kinn war. Die Risse in seiner Haut wirkten wie Narben aus einem anderen Leben.
"Ich bin kein Freund", sagte er, und seine Stimme war wie Sand auf Glas. "Und ich lasse dich nicht gehen."
"Was willst du von mir?" Elaras Stimme war heiser. Sie spürte, wie ihr Herz gegen ihre Rippen schlug – zu schnell, zu laut. "Ich habe nichts mit deiner Stadt zu tun."
"Diebstahl ist kein Verbrechen, wenn man etwas zurückgibt", sagte er. Er trat näher, und Elara wich instinktiv einen Schritt zurück. "Die Stadt hat etwas von dir genommen, als du hierherkamst. Sie hat deine Schwester mitgenommen."
"Was meinst du damit?" Elara presste die Worte aus sich heraus. Sie wollte wissen, was er meinte – wirklich wissen. "Was hat die Stadt mit ihr zu tun?"
"Sie ist Teil des Gedächtnisses", sagte er. "Die Stadt speichert alles, was sie erlebt hat – jedes Lachen, jeden Schrei, jede Träne. Sie speichert auch die Menschen."
"Die Leute sind kein Gedächtnis!", rief Elara. Sie wollte schreien, dass er lügte, dass es absurd war – aber etwas in seiner Stimme ließ sie zögern. "Meine Schwester ist kein Gedächtnis."
"Sie war es nie", sagte er leise. "Die Stadt hat sie genommen, um zu überleben. Sie brauchte etwas Neueses – eine Erinnerung an etwas, das sie verloren hat."
"Und was ist mit mir?" Elara spürte eine Welle von Übelkeit aufsteigen. "Warum suchst du mich?"
"Weil du hörst", sagte er. "Und weil die Stadt dich braucht, um zu wissen, wer sie ist."
Er trat näher, und Elara spürte eine Kälte ausströmen. Sie wollte fliehen, aber ihre Beine bewegten sich nicht. Sie sah zu seinen Händen – sie waren lang und dünn, mit Fingern wie Krallen. Sie sah zu seinen Augen – zwei dunkle Löcher ohne Pupillen, in denen etwas rot glühte.
"Die Stadt ist hungrig", sagte er. "Sie braucht deine Erinnerungen, um zu überleben."
"Ich lasse dich nicht", flüsterte Elara. Sie spürte, wie die Wände um sie herum zu vibrieren begannen – nicht vor Schutt oder Beton, sondern mit etwas anderem. Mit einem Lied. Ein tiefes, heisungsartiges Brummen, das aus dem Boden aufstieg und in ihren Knochen vibrierte.
"Dann hör zu", sagte er. "Hör auf, was die Stadt dir erzählt." Er hob eine Hand, und plötzlich hörte Elara etwas – nicht nur das Flüstern. Sie hörte eine Stimme, die aus dem Beton kam. Eine weibliche Stimme, heiser und verzerrt.
"Elara... komm zu mir..."
"Lea?", flüsterte sie. Sie wollte schreien, aber die Worte blieben in ihrer Kehle stecken.
"Die Stadt hat dich nicht betrogen", sagte der Kurator. "Sie hat dir etwas gegeben, das du nie wieder verlieren wirst."
"Was meinst du damit?" Elara spürte, wie ihr Herz rasen begann. Sie sah zu den Rissen in seiner Haut – sie bewegten sich, als würden sie atmen. Sie sah zu seinen Augen – die roten Punkte glühten heller.
"Die Stadt ist lebendig", sagte er. "Sie speichert alles, was sie erlebt hat – jedes Lachen, jeden Schrei, jede Träne."
"Sie waren es nie", sagte er.
"Warum suchst du mich?"
"Weil du hörst", sagte er.