← Die Stadt der verlorenen Klingen
Chapter 6 767 Words

Die Klingenjagd nimmt Fahrt auf — Kapitel 6: Die Schöpfung der Stille. Elena baut die Klinge nicht wieder zusammen, sondern formt sie neu – nicht als Wiederherstellung der Vergangenheit, sondern als Zeugnis ihrer Überlebensleistung und ihrer Transformation durch den Schmerz

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Die Klinge vibrierte, aber sie war nicht die Lösung. Sie war nur der Anfang eines Weges, den Elena erst noch finden musste – oder vielleicht auch erst beginnen konnte.

Sie stand im zerbrochenen Torbogen, die Klinge in der Hand, und spürte, wie sie sich gegen ihre Haut presste. Nicht hart, sondern lebendig, als würde sie atmen oder pulsieren, wenn Elena sie berührte. Lina stand hinter ihr, die Taschenlampe in der Hand, aber das Licht war nicht nötig – die Klinge leuchtete von sich aus, ein blasses, aber stetes Licht, das den Staub im Raum zum Tanzen brachte.

"Sie führt uns irgendwohin", sagte Lina, aber ihre Stimme war leise, fast ehrfürchtig. "Aber wohin?"

Elena schloss die Augen und lauschte dem Summen, das von der Klinge ausging. Es war kein Geräusch, sondern ein Gefühl – wie wenn man im Dunkeln hört, dass etwas kommt. Etwas, das sie kannte, aber nicht benennen konnte. Es war die Klinge, aber es war auch mehr als das: sie fühlte sich an wie ein Teil von ihr selbst, der plötzlich wieder da war.

Sie trat weiter in den Raum, und die Klingen auf den Tischen begannen zu flüstern. Nicht mit Worten, sondern mit einem leisen, rhythmischen Klingen, das sie in den Knochen spürte. Jede Klinge hatte einen Namen eingraviert, aber sie verblasste, wenn Elena sich zu nahe kam. Es war, als würden die Klingen ihre Namen verstecken, um sie vor ihr zu schützen – oder vielleicht, weil sie wussten, dass Elena die richtige Klinge suchte.

"Hier ist nichts", sagte Lina plötzlich und trat näher an Elena heran. "Keine dieser Klingen passt zu dem, was wir suchen."

Elena nickte langsam. Sie hatte es auch gespürt – jede Klinge, die sie berührte, fühlte sich falsch an. Nicht weil sie schlecht war, sondern weil sie nicht ihre Klinge war. Es war, als würde sie eine Sammlung von fremden Werkzeugen betrachten, die alle perfekt waren, aber keine davon zu ihr passte.

Sie drehte sich um und sah Dr. Weber im Eingangsbereich stehen, sein Gesicht schattiert von der Dunkelheit des Flurs. Er hatte sie erwartet, aber er sah aus, als hätte er gerade erst bemerkt, dass sie da waren. Sein Lächeln war traurig, aber nicht unfreundlich – es war das Lächeln eines Mannes, der zu viel gesehen hatte und nun wusste, dass die Antworten manchmal schmerzhafter waren als die Fragen.

"Sie haben sie gefunden", sagte er, und seine Stimme war brüchig, aber fest. "Aber die Klinge, die sie suchen, ist nicht hier."

Elena spürte ein Ziehen in der Brust. "Wo dann?"

Dr. Weber trat näher, seine Hände hinter dem Rücken verschränkt. "Sie ist in der Bibliothek, aber sie liegt dort nicht einfach so rum. Sie versteckt sich."

"Wie versteckt sie sich?" fragte Lina, aber Dr. Weber ignorierte die Frage und sah Elena direkt an.

"Sie versteckt sich in der Stille", sagte er, und seine Stimme wurde leiser. "Und sie versteckt sich in den Namen."

Elena verstand, aber sie wusste nicht, was das bedeutete. Sie drehte sich zu Lina um und fragte: "Was meint er?"

Lina schüttelte den Kopf. "Keine Ahnung."

Dr. Weber trat weiter vor, sein Gesicht nun im Licht der Klinge, die Elena in der Hand hielt. "Sie müssen sie finden, aber Sie dürfen nicht suchen."

Elena blinzelte. "Was meinst du?"

"Sie müssen sie fühlen", sagte er, und seine Stimme war fast ein Flüstern. "Und wenn Sie sie finden, müssen Sie sie nicht reparieren oder vervollständigen – sie muss sich von selbst vervollständigen."

Elena spürte, wie ihr Herz schneller schlug. "Und wenn sie sich vervollständigt?"

Dr. Weber lächelte, aber sein Lächeln war trauriger als zuvor. "Dann wird sie zu dem, was sie immer sein sollte."

Er drehte sich um und ging zurück in den Flur, ohne sich noch einmal umzudrehen. Elena stand da, die Klinge in der Hand, und spürte, wie sie vibrierte – schneller jetzt, als würde sie auf etwas warten.

"Er meint, wir müssen sie finden, aber nicht suchen", sagte Lina leise. "Das klingt... seltsam."

Elena nickte, aber sie wusste nicht, was sie tun sollte. Sie drehte sich um und sah die Klingen auf den Tischen an, deren Namen sie nicht lesen konnte. Vielleicht war eine davon die richtige – aber keine fühlte sich an, als würde sie zu ihr gehören.

Sie drehte die Klinge in der Hand und spürte, wie sie sich gegen ihre Haut presste. Es war ein Teil von ihr – aber es war auch etwas, das sie noch nicht verstanden hatte. Etwas, das erst in der Stille vervollständigt werden würde.

Weber, der im Flur verschwunden war. Sie wusste, dass sie weitergehen musste – aber sie hatte keine Ahnung, wohin der Weg führte.

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