Die Stille nach dem Schrei — Lena und Mira dringen in die Klinik ein — und stellen Dr. Weber.
Klinik. Nacht. Lena steht in einem Gang, der sich nach beiden Seiten in Nichts verliert. Neonlicht flackert, wirft lange Schatten. Die Luft riecht nach Desinfektionsmittel und etwas, das wie verbranntes Fleisch schmeckt. Sie atmet nicht. Mira geht voran. Ihre Schritte sind präzise, als würde sie den Weg schon kennen. „Dritter Gang links“, sagt sie. „Dort drinnen. Da warte ich.“
Lena berührt ihren Hals. Die Membran ist wieder da, ein Druck, der sich wie ein Faden um ihre Kehle legt. Sie spannt. Sie will nicht atmen. Dritter Gang. Eine Tür. Mira drückt sie auf. Drinnen: ein Labor. Lichter, Reagenzgläser, ein Mann in weißem Kittel, der sich nicht umdreht. Dr. Weber. Er steht vor einem Tresen, die Hände auf dem Metall, als würde er etwas Erwartetes betrachten. Dann dreht er sich. Sein Lächeln ist das eines Mannes, der etwas gefunden hat, das er nicht expected. „Dr. L.“, sagt er. Lena bleibt stehen. Ihre Hände zittern. Sie kennt dieses Gesicht. Sie hat es schon mal gesehen. Irgendwo. Irgendwann. Mira tritt vor. Ihre Stimme ist scharf. „Sie weiß es schon.“
Weber hebt eine Augenbraue. „Aha.“
Stille. Weber greift in seine Tasche. Er zieht eine Spritze hervor. „Ich habe noch eine Dosis“, sagt er. „Das letzte Mal hat es nicht ganz funktioniert. Ich denke, Sie sind bereit.“
Lena schaut auf die Spritze. Ihre Gedanken rasen. Sie kennt das. Sie hat das schon erlebt. Irgendwann. Irgendwo. Mira tritt näher. „Er lügt“, sagt sie. „Er will nicht löschen. Er will, dass du behälst.“
Weber lächelt. „Genau das.“
Lena atmet ein. Die Membran spannt sich an. Sie spürt, wie sie sich um ihre Kehle legt, wie sie sich enger zieht. Sie will nicht fliehen. Sie will wissen. „Warum ich?“, fragt sie. Weber zuckt mit den Schultern. „Weil Sie die Einzige sind, die es kann. Die letzte, die sich erinnert. Die letzte, die kann.“
Lena schließt die Augen. Sie spürt die Membran. Sie spürt, wie sie sich um ihre Kehle legt, wie sie sich enger zieht. Sie spürt, wie sie sich in Erinnerungen zieht, wie sie sie in etwas zieht, das sie nicht kennt. Sie öffnet die Augen. Sie schaut auf die Spritze. Sie schaut auf Weber. Sie schaut auf Mira. „Dann fangen Sie an“, sagt sie. Weber lächelt. Er tritt näher. Die Spritze zittert nicht. Mira tritt zurück. Ihre Stimme ist leise. „Lena…“
Lena schaut sie nicht an. Sie schaut auf die Spritze. Sie schaut auf Weber. Sie spürt die Membran.
Kapitel 11 – Szene 2: Das letzte Labor Lena steht vor dem Tresen. Die Spritze ist noch nicht eingestochen. Weber beugt sich vor, die Nadel zittert nicht. Seine Augen sind dunkel, als würde er in sie hineinsehen, nicht in ihr Gesicht. „Erinnern Sie sich?“ fragt er. Lena spürt, wie die Membran sich enger zieht. Nicht um ihre Kehle – diesmal um ihre Gedanken. Sie sieht das Labor. Sie sieht sich selbst. Nicht die Lena von heute. Die andere. Die mit den blassen Wangen, dem dunklen Blick, die in diesem Raum stand, als Weber sie zum ersten Mal anrief. Dr. L. Sie hatte einen Namen. Sie hatte eine Stimme. Sie hatte eine Identität. Und sie hatte diese Frau vor sich gestanden und gelacht. „Ja“, sagt sie. Weber erstarrt. Dann lacht er. Ein kurzes, freudloses Geräusch. „Endlich.“ Er drückt die Nadel gegen ihre Haut. Lena spürt den kalten Metallrand, dann den Einstich. Eine Flüssigkeit fließt in sie. Nicht wie Gift. Wie ein Schlüssel, der sich in ein Schloss dreht. Die Erinnerungen brechen durch. Sie sieht sich selbst, wie sie in diesem Raum steht. Sie sieht Weber, wie er ihr gegenübersitzt, die Hände gefaltet, das Lächeln schon auf den Lippen. Sie sieht die Liste. Zehn Namen. Dr. Weber. Dr. L. Dr. M. Dr. K. Dr. B. Dr. S. Dr. R. Dr. E. Dr. W. Dr. F. Zehn Namen. Zehn Menschen. Zehn Experimentierobjekte. Und sie sieht sich selbst, wie sie die Spritze in die Armbeuge der anderen Frau drückt. Die Frau, die heute hier steht. Die Frau, die sie ist. „Warum haben Sie mich nicht gelöscht?“, fragt sie. Weber zieht sich zurück. Sein Lächeln ist noch da, aber es ist nicht mehr für sie. „Weil Sie es wollten.“
Die Erinnerungen zerreißen sie. Sie sieht sich selbst, wie sie in einem anderen Labor steht, in einem anderen Jahr, in einem anderen Leben. Sie sieht sich selbst, wie sie eine Liste schreibt. Sie sieht sich selbst, wie sie eine Tür öffnet und eine Frau hereinbittet, die sie nicht kennt. Und sie sieht sich selbst, wie sie diese Frau anlächelt und sagt: „Willkommen zurück. Oder besser: Willkommen zurück.“ Die Spritze ist leer. Lena atmet. Die Membran lockert sich. Sie sieht Mira. Mira steht da, die Hände zu Fäusten geballt, das Gesicht versteinert. „Du hast es gewusst“, sagt Lena. Mira nickt. „Ich habe es immer gewusst.“
Weber tritt zurück. Er greift in seine Tasche. Er zieht eine zweite Spritze hervor. „Das war nur der Anfang“, sagt er. „Jetzt können wir behalten.“
Lena sieht die Liste.
Szene 11/1 – Die letzte Frage Die Liste liegt auf dem Metalltisch. Zehn Namen, handschriftlich, tinteblass. Weber drückt die zweite Spritze in Lenas Hand. „Behalten statt löschen“, sagt er. „Das ist der nächste Schritt.“ Seine Stimme ist ruhig, aber Lena hört das Zittern nicht. Sie sieht Mira. Mira steht regungslos, die Hände an den Seiten, das Gesicht eine Maske. „Du hast es immer gewusst“, sagt Lena. Mira atmet einmal. „Ja.“ Die Membran ist fort. Aber etwas Neues drückt gegen ihre Schläfen. Eine Frage, die nicht mehr fragt. Die weiß. Warum du? Sie sieht sich selbst in der Erinnerung. Nicht die gelöschte Version. Die andere. Die mit dem Armband. Die Frau, die sie war, bevor sie sich selbst vergaß. „Du warst die erste“, sagt Weber. „Die letzte bleibt dir.“ Lena schließt die Augen. Die Liste. Zehn Namen. Zehn Menschen. Zehn Experimente. Und sie. Immer wieder sie. „Warum ich?“, flüstert sie. Weber lacht. Kurz. „Weil du die Einzige bist, die es kann.“ Die Spritze ist kalt in ihrer Hand. Lena öffnet die Augen. Sie sieht Mira. Mira sieht sie nicht an. „Du hast es gewusst“, sagt Lena. „Du hast mich hierhergeführt.“ Mira hebt den Kopf. Ihr Lächeln ist scharf. „Ich habe dir nichts gegeben, was du nicht schon wusstest.“ Die Membran ist fort. Aber die Frage bleibt. Warum du? Lena drückt die Nadel gegen ihren Arm. Sie atmet. Die Flüssigkeit fließt. Nicht wie Gift. Wie ein Schlüssel, der sich dreht. Die Erinnerungen brechen durch. Sie sieht sich selbst. Im Spiegel. Eine andere Frau. Blass. Dunkle Augen. Das Armband. Dr. L. Sie sieht die Liste. Zehn Namen. Zehn Menschen. Zehn Experimente. Und sie sieht sich selbst, wie sie die Spritze in die Armbeuge der anderen Frau drückt. Die Frau, die heute hier steht. Die Frau, die sie ist. „Warum haben Sie mich nicht gelöscht?“, fragt sie. Weber tritt zurück. „Weil du es wolltest.“ Die Erinnerungen zerreißen sie. Sie sieht sich selbst in einem anderen Labor. In einem anderen Jahr. In einem anderen Leben. Sie sieht sich selbst, wie sie eine Liste schreibt. Sie sieht sich selbst, wie sie eine Tür öffnet und eine Frau hereinbittet, die sie nicht kennt. Und sie sieht sich selbst, wie sie diese Frau anlächelt und sagt: „Willkommen zurück. Oder besser: Willkommen zurück.“ Die Spritze ist leer. Lena atmet. Die Frage ist noch da. Warum du? Sie sieht Mira. Mira steht regungslos. „Du hast es gewusst“, sagt Lena. Mira nickt. „Ich habe es immer gewusst.“ Weber tritt zurück. Er zieht eine dritte Spritze hervor. „Das war nur der Anfang“, sagt er. „Jetzt können wir behalten.“ Lena sieht die Liste. Zehn Namen. Zehn Menschen. Zehn Experimente. Und sie. Immer wieder sie. Sie schließt die Augen. Sie atmet. Die Frage ist noch da. Warum du? Sie öffnet die Augen.