Die Jagd, die kein Ende nimmt — Kael wird von der Wächterin gejagt, während er versucht, die Botschaft zu entschlüsseln.
Die Botschaft war kein Brief, kein Manuskript, kein etwas, das man halten konnte. Sie war in der Luft, in den Rissen der Mauern, in den Blicken der Wächterin, die plötzlich hinter ihm stand.
Kael spürte es, bevor er sie sah — dieses Knistern, dieses Flüstern, das nicht für Ohren bestimmt war, sondern für das, was in ihm seit diesem Buch in seinem Kopf schlief.
Er rannte. Nicht weil er es musste, sondern weil er es tat. Seine Füße wussten den Weg, bevor sein Verstand es tat. Die Straßen von Vaelith neigten sich und krümmten sich unter seinen Schritten, als würden sie ihn führen wollen. Die Wächterin war nah. Er spürte sie an seinem Nacken, an seinem Rücken, eine Kälte, die sich wie eine Hand anfühlte.
„Du verstehst sie nicht“, sagte eine Stimme, die nicht seine war, aber auch nicht fremd. „Weil sie in dir ist.“
Kael blieb stehen. Seine Hand zuckte zu seiner Tasche, wo die Feder lag — die Feder, die er nicht brauchte, weil sie bereits in ihm war. Die Wächterin trat näher, ihr Umhang wehte nicht, obwohl es keinen Wind gab. Ihr Gesicht war eine Maske, aber diese Maske war jetzt anders — nicht mehr Wut, nicht mehr Enttäuschung, sondern etwas, das wie Neugier aussah.
„Du hast sie schon gesprochen, bevor du wusstest, dass du sprichst“, sagte sie. „Aber du hast forgotten. Weil du es nicht sein wollten.“
Kael wollte schreien. Er wollte fliehen. Er wollte etwas tun, das Sinn ergab. Aber sein Mund war leer, und seine Füße gehorchten einer Logik, die er nicht verstand. Die Botschaft war nicht in seinen Händen, sie war in seinem Blut, in seinen Adern, in den Schichten von Tinte, die sich in seinem Gehirn angesammelt hatten, seit Orin sie ihm gegeben hatte.
„Sie ist ein Wort“, sagte die Wächterin. „Ein einziges. Und du bist es.“
Kael spürte, wie etwas in ihm aufbrach. Nicht wie ein Schrei, nicht wie ein Schmerz, sondern wie ein Lachen, das er nie gehört hatte, das aber immer in ihm war. Die Wächterin lächelte. Nicht freundlich. Nicht unfreundlich. Nur — als hätte sie auf genau diesen Moment gewartet.
„Du kannst nicht entkommen“, sagte sie. „Weil du sie schon bist.“
Und dann, in diesem Moment, als Kael dachte, er würde fallen, als er dachte, er würde verschwinden, als er dachte, er wäre schon zu spät — da passierte es. Die Botschaft. Nicht als Wort, nicht als Klang, sondern als etwas, das in ihm las, als etwas, das ihn verstand.
Und dann, zum ersten Mal, verstand er es zurück.
Kael stand vor dem Spiegel, aber es war kein Spiegel mehr. Es war eine Oberfläche, auf der sich etwas bewegte, das wie er aussah, aber nicht er war. Sein Mund formte Worte, die er nicht dachte, seine Finger zeichneten Muster, die er nicht kannte. Die Wächterin beobachtete ihn aus dem Schatten, ihr Atem ein leises Knistern.
„Du denkst zu viel“, sagte sie. „Das ist dein Fehler.“
Kael wollte antworten, aber seine Stimme gehörte nicht ihm. Sie gehörte der Stadt. Sie gehörte der Sprache, die in ihm schlief und jetzt erwachte.
Er versuchte, sich zu bewegen, aber seine Füße gehorchten nicht mehr. Sie blieben stehen, als wäre er festgenagelt, während etwas in ihm nach oben kroch, langsam, unaufhaltsam.
Die Wächterin trat näher. Ihr Umhang berührte seine Haut, kalt wie Eis, und er spürte, wie etwas in ihm reagierte. Nicht Schmerz. Nicht Angst. Etwas anderes.
„Du kannst nicht entkommen“, sagte sie. „Weil du schon hier bist.“
Und dann, in diesem Moment, als er dachte, er würde untergehen, als er dachte, er wäre schon verloren — da passierte es. Die Botschaft. Nicht als Wort, nicht als Klang, sondern als etwas, das in ihm las, als etwas, das ihn verstand.
Und dann, zum ersten Mal, verstand er es zurück.
Er schloss die Augen. Die Wächterin wartete. Die Stadt wartete.
Und Kael — der Chronist, der Schatten, der bereits hier war — öffnete den Mund und sprach.