Die Stimme, die verschwindet — Lyria verliert langsam ihre Stimme, weil sie zu oft die verbotene Sprache der Schatten nutzt.
Kapitel 5, Szene 1
Lyria steht vor einem Spiegel, der keine Reflexion mehr zeigt. Nur noch ein Hauch von Grau, als würde er etwas verschlucken, das einmal ihr Gesicht war. Kael tritt hinter sie, zögert. Er weiß, dass er nicht dürfen sollte. Aber er muss.
„Du siehst aus, als würdest du dich selbst beobachten“, sagt er leise.
Sie dreht sich nicht um. Ihre Stimme ist ein Flüstern, das sich anfühlt wie der letzte Atemzug vor dem Sturz.
„Habe ich das je?“
Kael versteht nicht. Er holt Luft. Will fragen, was sie meint. Aber die Frage stirbt in ihm, bevor sie die Lippen verlässt. Etwas in ihrem Blick — nicht Wut mehr, nicht Enttäuschung. Etwas Kälteres. Als würde sie ihn schon durchschauen, bevor er spricht.
„Die Sprache der Schatten“, sagt sie. „Sie nimmt. Erst die Stimme. Dann den Namen. Dann alles.“
Sie hebt eine Hand. Die Haut schimmert, als würde Licht durch sie hindurchfließen. Keine Narben mehr. Keine Maske. Nur noch diese leere Transparenz, die Kael aus dem Haus der Schatten kennt.
„Ich habe dir gesagt, du sollst zuhören. Nicht sprechen. Nicht antworten. Aber du hast es trotzdem getan.“
Ihre Finger krümmen sich. Ein Wort bildet sich auf der Luft zwischen ihnen — unsichtbar, aber Kael spürt es wie einen Schlag. E-n. Ein einziger Laut, der sich anfühlt, als würde er etwas aufreißen.
„Dain hat recht gehabt“, sagt sie. „Die Stadt hört zu. Sie wartet. Auf etwas, das ich nicht mehr geben kann. Du schon.“
Kael will zurückweichen. Seine Hand zuckt. Die Feder in seiner Tasche — die, die in der Gasse zu ihm gesprochen hat — zuckt mit.
„Lyria“, sagt er. Zu leise. Zu spät.
Ihre Augen werden dunkel. Nicht schwarz. Nicht ganz. Sondern wie die Schatten, die sich in den Ritzen der Wände regen, wenn man zu lange hinschaut.
„Kael.“
Das ist alles. Nur sein Name. Und es klingt, als würde etwas ihn aussprechen, das ihn schon kennt.
Ihre Hand streckt sich aus. Nicht zum Griff. Nicht zur Berührung. Sondern um — was? Eine Wand? Eine Grenze? Etwas, das zwischen ihnen steht und das sie nicht mehr erreichen kann?
„Du musst lernen, was sie will“, flüstert sie. „Bevor sie lernt, was du bist.“
Dann lässt sie die Hand sinken. Und die Transparenz verschwindet. Für einen Moment. Sie atmet aus. Und in diesem Atemzug — ganz kurz, ganz leise — ist ihr Lachen noch da. Das, das Kael aus der Bibliothek kennt. Das, das ihn einst gelockt hat.
„Oder“, sagt sie. „Du lässt mich weiter für dich sprechen.“
Die Spiegeloberfläche beginnt zu vibrieren. Langsam. Wie ein Herzschlag, der sich nicht mehr synchronisiert.
„Das wäre einfacher.“
Kael öffnet den Mund. Will fragen. Will widersprechen. Will —
Aber die Spiegeloberfläche reißt. Nicht wie Glas. Sondern wie Seide. Und aus dem Riss steigt ein Laut. Nicht ihr Lachen. Nicht seine Stimme. Etwas dazwischen. Etwas, das zu ihnen gehört, ohne dass sie es kennen.
„Du hast die Wahl“, sagt Lyria. „Die du nicht siehst.“
Dann ist der Spiegel leer. Und Kael steht allein in einem Raum, in dem die Wände flüstern, und seine Feder zuckt in seiner Tasche, als würde sie auf etwas warten, das sie schon angefangen hat zu schreiben.
Kael steht im Zentrum der Bibliothek, wo die Regale in spiralförmigen Mustern aufsteigen. Die Luft ist schwer von Tinte, als hätte jemand eine ganze Nacht geschrieben, ohne aufzuhalten. Zwischen den Büchern, deren Einbände mit winzigen Rissen überzogen sind, liegt ein Band, dessen Cover aus Kriegspapier besteht. Der Titel ist handgeschrieben, die Tinte verblasst, aber die Worte sind noch lesbar: „Die Chronik des Verschollenen“. Kael zögert, die Hand über dem Einband. Er weiß, dass er es nicht öffnen sollte. Aber er muss. Seine Finger zucken, als würde etwas anderes sie lenken.
„Lyria“, flüstert er. Die Stimme bricht. Er sucht sie in den Schatten der Regale, aber sie ist nicht da. Nur das Flüstern der Seiten, das sich wie ein Hintergrundrauschen anfühlt, als würde die Bibliothek atmen.
Er greift nach dem Buch. Die Seiten sind nicht aus Papier. Sie fühlen sich an wie Haut. Die Tinte ist warm, als hätte jemand erst gestern darin geschrieben. Die erste Seite zeigt eine leere Zeile, daneben ein Name: „Kael“. Kein Nachname. Kein Titel. Nur der Name, der sich anfühlt, als würde er ihn schon kennen.
Er blättert weiter. Die Seiten beschreiben ihn. Nicht so, wie er sich sieht. Sondern so, wie die Stadt ihn sieht. Als wäre er schon immer hier gewesen, schon immer in Bewegung, schon immer auf dem Weg, zu etwas zu werden, das er noch nicht versteht.
„Das ist nicht wahr“, murmelt er. Seine Finger krallen sich in den Rand der Seite. Die Tinte zuckt, als würde sie auf seine Worte reagieren. Die nächste Seite zeigt ein Bild von ihm, das er nicht erkennt. Er ist jünger. Oder älter. Oder beides. Seine Augen sind groß, aber nicht seine eigenen. Sie sind leer. Wie ein Spiegel, der nichts reflektiert.
Er schließt das Buch. Die Seiten vibrieren. Ein Wort drückt sich durch die geschlossene Einbandhülle: „Wartest“. Dann ein weiteres: „Noch“. Und ein drittes, das sich anfühlt wie ein Schlag: „Du“.
Kael lässt das Buch fallen. Es schlägt auf den Boden, und die Seiten blättern sich von selbst auf, als würde etwas sie umdrehen. Die Tinte beginnt zu fließen, wie Blut, das aus einer Wunde sickert. Die Worte formen sich: „Sie weiß, was du bist. Sie wartet, bis du es auch weißt.“
„Nein“, sagt er. Seine Stimme ist zu laut in dem stillen Raum. Die Wände zucken. Die Regale beben. Irgendwo in der Bibliothek beginnt etwas zu lachen. Nicht Lyria. Nicht die Stadt. Etwas, das sie beide sind, bevor sie wussten, dass sie es sind.
Kael greift nach dem Buch. Die Seiten klammern sich an seine Finger, als würden sie ihn nicht loslassen wollen. Er reißt es auf. Die letzte Seite ist leer. Aber die Tinte auf dem Einband hat sich verändert. Sie zeigt jetzt ein Gesicht. Sein Gesicht. Aber die Augen sind nicht seine. Sie sind leer. Wie die Augen auf der Seite, die er gerade gesehen hat.
„Du hast die Wahl“, flüstert eine Stimme in seinem Kopf. Nicht Lyria. Nicht die Stadt. Seine eigene Stimme, aber sie klingt nicht wie er. Sie klingt wie etwas, das ihn wartet.
Kael lässt das Buch fallen. Es schlägt auf den Boden, und die Seiten blättern sich von selbst um. Die Tinte fließt, und die Worte formen sich: „Sie weiß, was du bist. Sie wartet, bis du es auch weißt.“
„Das ist nicht wahr“, sagt er. Seine Stimme bricht. Er weiß, dass er etwas tun muss. Etwas, das er noch nicht versteht. Aber er kann nicht. Nicht jetzt. Nicht so.
Er greift nach dem Buch. Die Seiten klammern sich an seine Finger. Er reißt es auf. Die letzte Seite ist leer. Aber die Tinte auf dem Einband hat sich verändert. Sie zeigt jetzt ein Gesicht. Sein Gesicht. Aber die Augen sind nicht seine.
Die Tür schließt sich hinter Kael mit einem Klick, der sich anfühlt, als würde etwas die Luft verschlucken. Er steht in einem Gang, der nicht auf den Plänen der Bibliothek verzeichnet sein kann. Die Wände sind nicht aus Stein, sondern aus Seiten — unzähligen, überlappenden Seiten, die sich wie Blätter im Wind bewegen. Einige sind leer. Andere haben Worte, die sich nicht festhalten lassen, sobald man hinschaut.
Kael atmet. Seine Hand liegt auf der Feder in seiner Tasche. Sie zuckt nicht mehr. Sie ist still. Zu still.
„Du hast die Wahl“, sagt Lyria. „Die du nicht siehst.“
Die Worte hallen noch in ihm nach, als er den Gang entlanggeht. Jeder Schritt lässt die Seiten flüstern. Nicht zusammenhängende Laute. Nur Fragmente. Ein e. Ein n. Ein l. Als würde etwas versuchen, ein Wort zu bilden, aber nicht weiß, wie.
„Lyria hat gesagt, ich soll zuhören“, murmelt er. „Nicht sprechen.“
Er bleibt stehen. Eine Seite schwebt vor ihm, fast durchsichtig. Darauf steht ein einziger Satz, geschrieben in einer Handschrift, die er kennt. Seine eigene.
„Kael, du musst entscheiden, ob du dich verlierst oder sie findest.“
Er starrt. Die Feder in seiner Tasche — die, die in der Gasse zu ihm gesprochen hat — regt sich. Nicht zuckt. Sie schreibt. Langsam. Ein Buchstab nach dem anderen.
„Die Sprache der Schatten“, flüstert er. „Sie nimmt.“
Die Seite vor ihm beginnt zu vibrieren. Das Wort verlierst wird unscharf. Es deutet sich etwas Neues an. Etwas, das nicht dort stehen sollte.
„Sie nimmt, bis nichts mehr übrig ist.“
Kael will zurückweichen. Seine Hand schließt sich um die Feder. Sie ist warm. Zu warm. Als würde sie von innen brennen.
„Aber was, wenn ich nicht verlieren will?“
Die Frage ist laut. Zu laut. Die Seiten zucken. Einige reißt. Nicht zerreißen. Sondern sich öffnen. Wie Blumen, die sich dem Licht zuwenden.
„Dann musst du lernen, was sie will“, sagt eine Stimme. Nicht Lyria. Nicht Kael. Etwas, das zwischen ihnen steht.
Er dreht sich um. Nichts. Nur die Wände aus Seiten, die sich bewegen. Und dann — ganz kurz — ein Wort. Nicht auf einer Seite. In der Luft.
„En.“
Kael erstarrt. Die Feder in seiner Hand beginnt zu schreiben. Nicht auf Papier. Auf seine Haut. Ein einziger Buchstabe. E.
„Das Buch“, sagt er. „Das Buch mit En.“
Die Seiten flüstern zurück. Nicht Fragmente mehr. Ein Satz. Langsam. Als würde er sich durch ihn hindurcharbeiten.
„Du bist schon.“
Kael schließt die Augen. Die Feder brennt. Etwas in ihm will schreien. Etwas anderes will antworten.
„Du bist schon was?“
Die Frage stirbt in ihm. Weil er die Antwort schon kennt. Weil sie auf der Seite vor ihm steht. Weil sie in der Feder ist. Weil sie in der Luft ist.
„Ein Schatten.“
Er öffnet die Augen. Die Seite ist leer. Die Feder ist leer. Die Wände sind still.
„Das ist nicht wahr.“
Aber seine Stimme klingt nicht überzeugt. Sie klingt wie etwas, das versucht, sich selbst zu überreden.
„Noch nicht.“
Die letzte Seite vor ihm — die, auf der seine eigene Handschrift stand — beginnt sich umzublättern. Langsam. Als würde etwas sie öffnen, das nicht dort stehen sollte.
„Noch nicht“, flüstert Kael. „Aber ich muss wissen, was kommt.“
Er streckt die Hand aus. Nicht, um die Seite zu berühren. Nicht, um zu lesen. Sondern um —
Etwas packt sein Handgelenk. Nicht fest. Sondern wie eine Hand, die ihn nicht mehr loslässt. Er dreht sich um.
Nichts.
„Das Buch“, sagt er. „Ich muss das Buch lesen.“
Die Feder in seiner Hand zuckt. Nicht mehr warm. Sondern eiskalt.
„Du hast schon gelesen.“
Die letzte Seite vor ihm ist leer. Die Feder ist leer. Die Wände sind still.
„Noch nicht.“
Kael atmet aus. Seine Hand liegt auf der Feder. Sie ist still. Zu still.