Die Stimme, die fehlt — Kael erfährt mehr über die Sprache der Schatten und seine eigene Verbindung dazu.
Szene 1 – Die Schrift an der Wand
Der Turm war kalt, als hätte er den ganzen Tag kein Licht gesehen. Lyria stand vor einer Wand, die nicht aus Stein, sondern aus Papyrus bestand — Schichten alter Manuskripte, aufeinandergepresst, bis die Tinte sich mit dem Material vermischt hatte. Kael spürte, wie die Luft hier anders roch: nach altem Parfüm und etwas Metallischem, als würde die Wand atmen.
„Berühre.“
Ihre Stimme war nicht laut, aber sie füllte den Raum. Kael zögerte. Die Wand war uneben, als er aussah, und als er die Hand ausstreckte, zersplitterte der Papyrus unter seinen Fingerspitzen wie trockenes Brot. Kein Schrei, kein Staub — nur ein leises Rascheln, als würde etwas in den Schichten um ihn herum atmen.
„So beginnt es.“ Lyria deutete auf die Stelle, wo er die Wand berührt hatte. Eine Schrift war entstanden, nicht mit Tinte, sondern mit Schatten. Sie sah aus, als hätte jemand mit einem Finger durch die Schichten gekratzt, doch die Zeichen waren flüssig, als würden sie sich selbst bewegen. Kael beugte sich näher. Die Schrift war nicht in seiner Sprache — sie war nicht einmal in einer Sprache, die er kannte. Sie bestand aus Kurven, die sich wie Flüsse verschlangen, und Lücken, die wie offene Münder aussahen.
„Das ist die Sprache der Schatten.“ Lyria legte ihre Hand über seine. Ihre Finger waren eiskalt. „Sie spricht nicht. Sie frisst.“
Kael spürte ein Kribbeln an den Fingerspitzen, als würde etwas in der Wand versuchen, in ihn hineinzugreifen. Er riss die Hand zurück. „Was soll das heißen?“
Lyria lächelte, aber es war kein freundliches Lächeln. „Es bedeutet, dass du sie berührst, ohne zu wissen, was sie von dir will.“ Sie trat näher, bis ihr Gesicht nur noch aus Schatten und Licht bestand. „Und dass sie dich schon berührt hat.“
Szene 2 – Das Manuskript, das Kael liest
Die Wand flackerte noch, als hätte die Schrift sie zurückgelassen. Kael setzte sich auf den Boden, die Knie angewinkelt, die Hände zwischen den Zehen verschränkt. Er kämpfte nicht, die Schatten zu verstehen. Er kämpfte nur gegen das Gefühl, dass sie ihn schon verstanden hatten.
Lyria verschwand, ohne dass er es sah. Kein Schritt, kein Flüstern — nur das plötzliche Fehlen von etwas, das er nicht benennen konnte. Die Bibliothek um ihn wurde stiller, als wäre sie in Erwartung gegangen.
Dann bemerkte er das Buch.
Es lag auf dem Boden, direkt vor ihm, als hätte es auf seinen Blick gewartet. Kein Einband, kein Titel — nur eine Buchdecke aus pergamentartigem Papier, das so dünn war, dass es durchscheinend wirkte. Kael hob es vorsichtig auf. Die Seiten waren nicht nummeriert, aber jede Seite begann mit einer neuen Zeile, als hätte jemand die Geschichte unterbrochen und das Buch einfach fallen lassen.
Er blätterte. Die Schrift war dieselbe wie an der Wand — diese fließenden Kurven, diese Lücken, die wie offene Münder aussahen. Und doch, als er genauer hinsah, erkannte er, dass es keine Schrift war, die er nicht kannte. Es war seine eigene Handschrift.
Kael erstarrte. Nicht nur die Form der Buchstaben — es waren seine Worte. Sätze, die er in den letzten Tagen geschrieben hatte, als er über die Straßenverschiebungen berichtet hatte. Aber die Sätze waren anders. Sie waren nicht seine Gedanken. Sie waren seine Gedanken, nachdem sie durch etwas anderes gegangen waren.
„Die Stadt verschiebt sich nicht zufällig.“
Das war etwas, das er gestern geschrieben hatte, als er versucht hatte, die Verschiebung logisch zu erklären. Aber in diesem Buch stand es, als hätte es schon immer dort gestanden.
„Die Stadt verschiebt sich, weil sie hungrig ist.“
Kael spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. Er legte das Buch auf seinen Schoß und strich über die Seite, als könnte er so die Bedeutung herausreiben. Aber die Tinte — oder was auch immer es war — blieb. Sie war nicht in Tinte geschrieben. Sie war in etwas, das sich anfühlte wie Schatten, die sich in seine Hand schmiegten.
Plötzlich bewegte sich das Buch.
Nicht das ganze Buch. Nur eine Seite. Die Seite, auf der stand: „Und die Stadt flüstert zurück.“ Sie begann sich langsam zu drehen, als würde sie sich selbst umblättern. Kael riss das Buch auf. Die nächste Seite war leer. Nicht weiß. Nicht leer. Sie war einfach da — eine Seite, auf der nichts war, aber die trotzdem existierte.
„Du hast schon zugehört“, flüsterte eine Stimme.
Kael schnappte hoch. Die Stimme kam nicht aus dem Buch. Sie kam von überall und nirgendwo. Er sah sich um, aber die Bibliothek war leer. Keine Wände, die flüsterten. Keine Bücher, die sich bewegten. Nur er und das Buch und die Stimme, die in seinem Kopf war.
„Aber du hast noch nicht verstanden.“
Kael stand auf. Das Buch schloss sich von selbst, als hätte es sich gegen seinen Willen bewegt. Er hob es an die Brust, als könnte er es so beschützen. „Wer bist du?“, fragte er, obwohl er wusste, dass die Frage keine Antwort erhalten würde.
Das Buch schwieg. Aber die Schatten, die es umgaben, begannen sich zu regen.