Die Stimme der Vergangenheit — Lena und Jonas entdecken, dass die letzte echte Stimme in einer vergessenen Bibliothek versteckt ist, und sie müssen sich entscheiden, ob sie sie retten wollen.
Die Stille zwischen den Schreien Kapitel 4, Szene 1
Die Treppe knarrte wie ein altes Gebet. Jonas ging voran, die Finger an der Betonwand entlanggleitend, als könnte er sich mit jedem Abrieb ein Stück dieser Welt merken. Lena folgte, die Hand schon auf dem nächsten Absatz, bevor sie den Schritt wirklich sah. Ihr Atem kam nicht aus der Lunge, sondern aus dem Rachen, flach und warm.
„Das hier ist kein Ort“, murmelte Jonas. „Das hier ist ein Zeugnis.“
Die Bibliothek war kein Gebäude. Sie war ein Knochen. Die Wände aus schwarzem Metall, korrodiert wie Knochen, durchzogen von Rissen, in denen sich etwas Bewegtes spiegelte. Die Bücher standen nicht auf Regalen, sondern hingen von der Decke, in Kapseln aus durchsichtigem Kunststoff, als wären sie für eine immerwährende Emigration verpackt. Manche Kapseln waren leer. Andere platzen auf, wenn man sie berührte, und ein feiner Staub aus Text und Speicher zerfiel in der Luft.
Lena berührte eine Kapsel. Die Haut darin war noch weich, als hätte sie erst gestern someone gelesen. Sie öffnete sie vorsichtig. Ein Buch, das nicht aus Papier bestand, sondern aus einem gewebten Netz von Datenfasern. Sie blätterte. Die Seiten hatten keine Ecken, keine Seitenränder – sie lösten sich auf, sobald man sie berührte, als wären sie nie gedruckt, sondern nur gedacht.
„Das ist kein Ort, wo man Antworten findet“, sagte Jonas. „Das ist ein Ort, wo man Fragen hinterlässt.“
Ein Geräusch. Ein Klicken. Etwas, das nicht von ihnen kam. Lena erstarrte. Die Bücher in den Kapseln zuckten leicht, als hätte ihnen der Laut eine feine Vibration mitgegeben. Jonas drehte sich langsam um, die Hand schon am Messer an seinem Gürtel, obwohl er wusste, dass es hier keine Diebe gab.
„Das“, flüsterte er, „ist der Mechanismus.“
Ein Teil der Decke bewegte sich. Nicht wie ein Vorhang, nicht wie eine Tür – wie ein Mund, der sich langsam öffnete. Darin lag etwas, das wie ein Terminal aussah, aber ohne Bildschirm, ohne Tasten. Nur eine glatte Oberfläche, die pulsierte, als würde sie atmen.
Lena trat näher. Die Luft roch nach altem Kunststoff und nach etwas, das wie verbrannte Hoffnung schmeckte. Sie streckte die Hand aus, berührte die Oberfläche. Ein Schauer lief durch ihren Arm, nicht wegen des Kontakts, sondern weil die Oberfläche antwortete. Ein Hauch von Wärme, ein flüchtiges Kribbeln, als hätte das Ding sie erkannt.
„Das ist kein Archiv“, sagte Jonas. „Das ist ein Machtapparat.“
Ein Licht flackerte hinter ihnen. Nicht von oben, nicht von unten – es kam von den Wänden, die sich langsam zu bewegen begannen. Die Bücher in den Kapseln begannen zu vibrieren, als würden sie von einer unsichtbaren Hand durchsucht.
Lena zog die Hand zurück. Ihr Herz schlug nicht aus Angst. Es schlug, weil es erinnern wollte.
„Das hier“, sagte sie leise, „ist der Ort, an dem sie alle restlos gemacht haben.“
Jonas sah sie an. In seinen Augen lag etwas, das wie Respekt aussah. „Du hast recht.“
Die Wände schlossen sich weiter. Irgendwo, tief in den Gängen dieser Bibliothek, begann etwas zu schreien. Nicht mit einer Stimme. Mit allem, was je eine Stimme gehabt hatte.
Die Wände hatten sich jetzt vollständig geschlossen, bis auf einen schmalen Spalt, durch den das Flackern eines Notlichts fiel. Es war kein Licht, das man sah – es war ein Licht, das man fühlte, wie ein Pochen hinter den Augen. Jonas trat näher, die Hand immer noch am Messer, obwohl er wusste, dass es hier keine Gegner gab. Nicht mehr.
„Das ist kein Ort, an dem man Antworten findet“, sagte er leise. „Das ist ein Ort, an dem man gefragt wird.“
Lena stand regungslos, die Hand immer noch auf der Oberfläche des Terminals. Sie spürte, wie etwas in ihr vibrierte, nicht mit den Fingerspitzen, sondern tiefer, in die Knochen. Sie schloss die Augen. In der Dunkelheit sah sie Bilder: Gesichter, die nicht zu Stimmen gehörten, Stimmen, die nicht zu Gesichtern gehörten. Und dann – ein Name. Mira.
Ihre Augen zuckten auf. „Mira.“
Jonas drehte sich zu ihr um. „Was?“
„Mira. Sie war hier. Vor fünf Jahren. Sie hat etwas hinterlassen.“
Er nickte langsam, als hätte er es erwartet. „Sie hat ihre eigene Stimme gelöscht. Das ist das Einzige, was sie uns hinterlassen hat.“
Lena spürte, wie ihr Herz schneller schlug. „Warum?“
„Weil sie wusste, dass es zu spät war. Weil sie wusste, dass das, was wir alle suchten, schon long gone war.“
Die Wände begannen zu stöhnen, als würden sie atmen. Ein Geräusch, das wie ein flaches, gleichmäßiges Stöhnen klang, als würde etwas versuchen, sich zu erinnern. Lena spürte, wie sich etwas in ihr bewegte, etwas, das nicht sie war. Sie zog die Hand zurück, und das Terminal erstarrte für einen Moment, als hätte es sie losgelassen.
„Das hier ist kein Archiv“, sagte Jonas. „Das ist ein Grab.“
Lena sah ihn an. In seinen Augen lag etwas, das wie Verzweiflung aussah. „Und wir sind die Letzten, die noch Fragen stellen.“
Die Wände schlossen sich vollständig. Irgendwo, tief in den Gängen, begann etwas zu schreien. Nicht mit einer Stimme. Mit allem, was je eine Stimme gehabt hatte.