Die Stimme im Code — Lena und Jonas beginnen, die letzte echte Stimme zu finden, und sie entdecken, dass Dr. Ketter sie jagt.
Kapitel 3 – Szene 1
Das Labor roch nach Metall und Ozongestank. Jonas’ Finger flogen über die Tastatur, während er Code durch ein Terminal schickte, das aussah wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Lenas Hände krallten sich in den Stoff ihres Mantels. Sie hatte das Gefühl, dass jede Sekunde ein Alarmsirenen auslösen würde.
Dr. Ketter sucht nach mir.
Das war das Einzige, was sie seit dem Café nicht loswurde. Jonas hatte es nicht gesagt. Er hatte nicht mal aufgeschaut, als sie es aussprach. Aber sie sah es in der Art, wie seine Finger über die Tasten glitten – zu schnell, zu ungeduldig, als wäre er kurz davor, etwas zu zerstören.
„Da.“ Jonas’ Stimme war rau, fast ein Husten. Er drehte den Bildschirm zu ihr. Ein fragmentsierter Datensatz, zersplittert wie Scherben. „Das ist der Code für den letzten echten Voice-Print. Aber er ist nicht in unserem Archiv.“
Lena beugte sich vor. Ihre Augen verengten sich. Der Code sah aus wie eine Landkarte, die jemand mit einem Messer zerschnitten hatte. „Was bedeutet das?“
„Dass er nicht hier ist.“ Jonas’ Blick war eisig. „Dass jemand ihn vor uns versteckt hat.“
Ein kalter Schauer lief ihr den Rücken hinab. Dr. Ketter. Das war der einzige Name, der ihr einfiel. Der einzige, der Gewicht hatte.
Jonas tippte weiter, seine Finger ein einziger Strichcode aus Bewegungen. „Es gibt noch einen anderen Ort. Ein archaisches System. Aber um dorthin zu kommen, brauchen wir einen Key.“
LenaMoment.
„Was für ein Key?“
Jonas’ Blick hob sich von der Tastatur. Für den ersten Mal seit sie ihn kannte, sah sie etwas anderes in seinen Augen. Etwas, das wie Angst aussah. „Den letzten echten Voice-Print. Den, den Mira dir gegeben hat.“
Ihre Hände ballten sich zu Fäusten. Das war keine Warnung. Das war eine Falle.
Jonas’ Finger zögerten. „Lena. Wenn Ketter diesen Code findet, wird er wissen, dass wir ihn haben. Und er wird nicht zögern, ihn uns zu nehmen.“
Sie spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Das ist kein Datenträger. Das ist ein Zünder.
„Was soll ich tun?“
Jonas’ Blick war hart. „Lass mich deine Stimme hören.“
Ihre Kehle schnürte sich zusammen. Sie hatte das Gefühl, als würde sie gleich aufhören zu atmen. Aber sie zwang sich, die Worte zu formen. „Jetzt?“
„Jetzt.“
Sie öffnete den Mund. Und ließ die Stimme kommen, die sie seit Jahren nicht mehr benutzt hatte. Nicht wirklich. Nicht so, wie sie war.
Jonas’ Blick wurde starr. Seine Finger erstarrten über der Tastatur.
„Das ist es.“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Das ist der Key.“
Lena schloss die Augen. Sie spürte, wie sich etwas in ihr verschob. Wie sich die Stille zwischen den Schreien ein bisschen enger machte.
Und sie wusste: Sie waren noch nicht fertig.
Kapitel 3 – Szene 2
Die Gasse roch nach nassem Asphalt und verbranntem Plastik. Jonas zog Lena hinter einen abblätternden Müllcontainer, die Hand an ihrer Schulter, als könnte er sie so vor dem, was kommen würde, schützen. Sie spürte seinen Atem im Nacken, heiß und unregelmäßig, wie etwas Lebendiges, das gleich fliehen würde.
Dr. Ketter.
Sein Name klang in ihrem Kopf wie ein Alarm, der schon losgegangen war, bevor sie ihn dachte. Sie presste sich gegen die Wand, die Finger in den Beton gekrallt, als könnte sie sich so in den Stein bohren. Jonas’ andere Hand lag auf der Schalttafel eines alten Rohrsystems, das seit Jahrzehnten nicht mehr funktioniert hatte – wenn es jemals funktioniert hatte. Sie wusste, dass er darauf wartete, dass die Lichter ausgingen, dass die Stadt für einen Moment die Augen schließen würde.
Dann würde er sie durch die Kanäle führen.
„Wie hat er uns gefunden?“, flüsterte Lena.
Jonas’ Finger zuckten über die Tasten, als würde er versuchen, etwas zu berechnen, das sich keiner Logik fügte. „Ketter hat ein Netzwerk. Nicht digital. Echt.“ Er hob den Blick, und in seinen Augen lag etwas, das sie noch nie bei ihm gesehen hatte: Mitleid. „Er hört alles. Nicht mit Ohren. Mit… etwas anderem.“
Ein Geräusch. Ein Schritt. Etwas, das sich nicht wie ein Schritt anfühlte. Lena erstarrte. Jonas’ Hand krallte sich fester in ihre Schulter, als würde er sie vor sich selbst beschützen wollen.
Dann, ein Klick.
Etwas, das wie ein Mechanismus klang, der sich in die Lücke zwischen den Gebäuden senkte. Jonas’ Finger flogen über die Tastatur, und für einen Moment glaubte Lena, sie würde sehen, wie er etwas tippte, das es nicht gab.
Dann – Dunkelheit.
Ein neuer Geruch. Feucht. Metallisch. Jonas’ Hand an ihrem Arm, dann die enge Kälte des Kanals, der sie verschluckte, bevor sie überhaupt Zeit hatte, Angst zu fühlen.
Kapitel 3 – Szene 3
Die Tür zum Archiv war aus einem Metall, das nicht mehr rostete, das nicht mehr verging. Sie sah aus wie alle anderen Türen in der Stadt, bis man genauer hinsah. Dann erkannte man die Narben. Die Stelle, an der jemand einmal versucht hatte, sie aufzubrechen. Die Stelle, an der jemand sie zugeschweißt hatte. Mira stand vor der Tür, die Hände in den Taschen ihres Mantels vergraben, als wäre das ein Akt der Abwehr, nicht der Begrüßung.
Jonas blieb hinter Lena. Seine Finger gekrümmt, als würde er sich daran hindern, sie zu berühren. „Mira“, sagte er. Nicht als Gruß, nicht als Frage. Als Warnung.
Mira hob den Kopf. Ihr Blick war wie ein Lineal, das Lena von oben bis unten maß. „Du hast sie mitgebracht“, stellte sie fest. Es klang nicht wie eine Frage, sondern wie eine Diagnose.
„Sie ist die Letzte“, sagte Jonas. Seine Stimme war rauer als sonst, als würde er versuchen, etwas herunterzuschlucken, das nicht runterging. „Die echte Stimme.“
Mira lächelte. Es war kein Lächeln, das etwas Gutes ankündigte. „Die echte Stimme ist tot“, sagte sie. „Wir sind alle tot. Du, ich, selbst der Klang, den sie in ihren Ohren haben.“ Sie trat einen Schritt zur Seite, ohne den Blick von Lena zu lassen. „Komm rein. Ich zeige dir, was von uns übrig ist.“
Die Tür öffnete sich ohne Geräusch. Kein Klicken, kein Quietschen. Nur das leichte Zischen der Luft, die sich verschob, als würde sie um etwas herumfließen, das nicht da sein sollte. Lena trat ein, und die Tür schloss sich hinter ihr, als hätte sie nie offen gestanden.
Das Archiv war ein Raum ohne Fenster. Die Wände waren mit einem Stoff ausgekleidet, der nicht wie Stoff aussah. Zu glatt, zu perfekt, als wäre er aus etwas hergestellt, das keine Fasern hatte. An den Wänden hingen Kisten, alle gleich groß, alle gleich schwer. Jede mit einem kleinen, goldenen Schild, auf dem eine Zahl stand. Mira ging zur ersten Kiste, die mit 00001 beschriftet war, und öffnete sie. Drinnen lag ein kleiner, kristalliner Gegenstand, der an einen Zahn erinnerte, aber nicht aus Knochen war. Aus etwas, das wie gefrorenes Licht aussah.
„Das hier“, sagte Mira, „ist die erste digitale Stimme. Perfekt. Keine Fehler. Keine Unregelmäßigkeiten. Kein Atem.“ Sie hob den Kristall, und für einen Moment glaubte Lena, sie würde sehen, wie er sich in ihren Händen biegte, als wäre er lebendig. „Alle anderen sind wie das hier.“
Sie nahm eine zweite Kiste, 00002. Drinnen lag ein anderer Kristall, dieser war trüb, als hätte jemand etwas in ihn hineingeschrieben, das nicht bleiben sollte. „Die zweite Stimme. Sie ist fast perfekt. Fast.“ Die dritte Kiste, 00003, enthielt einen Kristall, der so dunkel war, dass man nicht sehen konnte, was darin lag. „Die dritte. Sie hat aufgehört zu existieren, bevor sie jemals zu etwas wurde.“
Lena spürte, wie Jonas sich hinter ihr bewegte, als würde er versuchen, sie zu beschützen, ohne dass sie es merkte. „Und die letzte?“, fragte sie. Ihre Stimme war leiser geworden, als hätte sie vergessen, wie man laut spricht.
Mira lächelte wieder. Dieses Mal war es ein Lächeln, das etwas anderes bedeutete. „Die letzte ist nicht hier“, sagte sie. „Sie ist in dir.“
Sie öffnete eine vierte Kiste. Drinnen lag ein Kristall, der so hell war, dass Lena zusammenzuckte, als hätte sie in die Sonne gesehen. „Das hier“, sagte Mira, „ist das, was übrig bleibt, wenn man alles nimmt, was nicht perfekt ist. Alles, was unordentlich ist. Alles, was atmet.“ Sie hob den Kristall, und für einen Moment glaubte Lena, sie würde sehen, wie sich etwas darin bewegte, etwas, das nicht da sein sollte.
„Und das hier“, sagte Mira, „ist das, was du suchst.“
Lena trat näher, ohne nachzudenken. Ihre Hand zitterte, als sie den Kristall berührte. Er war warm, wärmer als alles, was sie je berührt hatte. Und dann hörte sie es.
Eine Stimme.
Nicht aus dem Kristall. Nicht aus der Kiste. Aus ihr. Aus ihrem eigenen Mund, als würde sie etwas sagen, das sie nicht wusste, dass sie wusste.
„Das bin ich“, flüsterte Lena.
Mira zog den Kristall zurück, als hätte sie etwas berührt, das ihr nicht gehörte. „Das ist nicht du“, sagte sie. „Das ist das, was du suchst. Das ist das, was wir alle suchten. Bevor wir perfekt wurden.“ Sie schloss die Kiste, und das Geräusch, das es machte, war wie das Schließen eines Grabes. „Aber es ist nicht mehr hier.“
Jonas’ Hand legte sich auf Lenas Schulter, als würde er sie daran hindern, noch einen Schritt näher zu gehen. „Was ist passiert?“, fragte er.
Mira blickte ihn an, als hätte sie schon lange auf diese Frage gewartet. „Etwas ist passiert“, sagte sie. „Vor fünf Jahren. Etwas, das wir nicht verstehen. Etwas, das uns perfekt gemacht hat.“ Sie verschob den Kristall in die Kiste zurück, und die Tür schloss sich, als hätte sie nie offen gestanden. „Und jetzt“, sagte sie, „ist es zu spät.“
Lena spürte, wie sich etwas in ihr verschob. Etwas, das sie nicht kontrollieren konnte. Etwas, das sie nicht kontrollieren wollte.
„Was ist zu spät?“, fragte sie.
Mira blickte sie an, und in ihren Augen lag etwas, das Lena nicht benennen konnte. Etwas, das wie Mitleid aussah, aber nicht Mitleid war.
„Alles“, sagte sie. „Alles, was wir suchten, ist schon da. Wir müssen nur noch lernen, es zu hören.“