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Chapter 8 Revised 1,465 Words

Die Knochen der Mondgöttin — Lira, Mira und Cassian planen den Diebstahl des Archives.

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Kapitel 8 – „Der Mund der Stadt“

Die Treppe war zerbrochen, aber sie führte trotzdem nach unten. Jeder Schritt knirschte unter der Last von etwas, das Lira nicht benennen konnte — Staub? Knochen? Die Luft roch nach Metall und altem Papier, als hätte jemand vor Jahrhunderten eine Bibliothek hier verbuddelt und sie nie wieder ausgegraben.

Lira blieb stehen, die Hand auf der kalten Steinwand. Die Kälte fraß sich durch ihre Haut, aber sie spürte sie kaum. Sie countete ihre Atmung: ein, zwei, drei, aus. Cassian hatte ihr das beigebracht. Atme, bevor du denkst. Aber heute Nacht half es nicht.

„Wir haben noch eine Stunde, bis die letzten Wachen die Patrouillenroute wechseln“, sagte Mira von irgendwo hinter ihr. Ihre Stimme war zu nah, zu leise, als würde sie direkt in Liras Ohr flüstern. „Dann ist der Gang für fünf Minuten frei.“

Lira drehte sich nicht um. „Und dann?“

„Dann nehmen wir, was wir können.“

Cassian stand ein paar Stufen tiefer, die Schatten verschluckten sein Gesicht. Er lehnte an der Wand, die Arme über der Brust verschränkt, als wäre er hier nur zufällig gelandet. „Plan für den Diebstahl des Archives“, murmelte er. „Klingt wie der Titel eines schlechten Abenteuerfilms.“

Lira ignorierte ihn. „Wie genau nehmen wir es mit? Mit Gewalt? Mit List? Mit —“

„Mit dem, was wir haben“, unterbrach Mira. Sie trat neben Lira, so nah, dass ihre Schulter ihre berührte. „Du hast die Schlüssel. Ich kenne die Gänge. Und Cassian…“ Ein kurzes Zögern. „Cassian weiß, was es wert ist.“

Cassian grinste. Es war kein fröhliches Grinsen. Es war das Grinsen von jemandem, der wusste, dass er gleich etwas tun würde, das ihn umbringen konnte — und es trotzdem tat.

Lira spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog, etwas, das sie nicht benennen konnte. „Was, wenn es nicht reicht?“

„Dann sterben wir“, sagte Cassian. „Das ist der Plan.“

Stille.

Lira blickte nach unten. Die Treppe führte weiter in die Dunkelheit, wo etwas wartete. Etwas, das sie nicht sehen konnte, aber das sie trotzdem spürte — wie ein Summen in ihren Ohren, wie ein Ziehen in ihren Knochen.

„Gibt es einen anderen Weg?“, fragte sie leise.

Mira schob sich näher, bis ihr Atem Liras Ohr streifte. „Nein.“

Lira schloss die Augen. Die Kälte der Wand fraß sich in ihre Hand. Irgendwo in der Ferne hörte sie das gleichmäßige Klack-Klack der Wachen, die ihre Runden drehten. Gleich würden sie hier sein. Gleich würde alles vorbei sein.

Aber noch nicht.

Sie atmete einmal tief ein.

„Dann gehen wir.“

Cassian lächelte. Mira nickte.

Und die Treppe führte weiter nach unten.


Die Treppe knirschte unter jedem Schritt, als würde der Boden selbst wachen. Lira spürte, wie die Kälte von den Wänden in ihre Knochen kroch, aber sie ging weiter. Die Schlüssel in ihrer Tasche brannten wie kleine Messer.

„Die erste Kammer ist direkt hier.“ Mira blieb stehen, ihre Hand an der Steinwand. „Aber die Türen sind nicht verschlossen. Sie warten.“

Lira runzelte die Stirn. „Auf uns?“

„Auf jemanden.“ Mira drehte sich um, ihr Blick war scharf wie ein Skalpell. „Das Archiv öffnet sich nur, wenn jemand es wirklich braucht.“

Cassian, der schweigend hinter ihnen geleiert hatte, trat nach vorne. „Oder wenn jemand es nehmen will.“ Seine Stimme war rau, als hätte er stundenlang nicht gesprochen. „Das macht keinen Unterschied.“

Das Archiv war eine Allegorie des Vergessens. Wände bedeckt mit Seiten, die sich wie Blätter im Wind bewegten, ohne dass etwas sie anrührte. Jede Seite trug ein Symbol, eine Sprache, die Lira nicht verstand — aber sie fühlte sie. Wie ein Herzschlag, tief und unregelmäßig.

„Das hier ist nicht das Archiv“, sagte Lira. „Das ist nur… ein Spiegel.“

Mira seufzte. „Genau.“ Sie trat ein, ihre Stiefel hinterließen keine Spuren auf dem Staub. „Der Spiegel zeigt dir, was du suchst.“

Cassian folgte, sein Blick wanderte über die Wände. „Und was suchst du, Lira?“

Sie wollte nicht antworten. Aber die Worte kamen von allein. „Die Wahrheit über mich.“

Mira blieb stehen. „Die gibt es nicht.“

„Doch.“ Lira ging weiter, ihre Finger zitterten. „Ich war hier. Irgendwann. Ich habe mich erinnert.“

Die Wände schienen sich zu verdichten, als würde die Dunkelheit selbst sie beobachten. Plötzlich zuckte etwas im Schatten — eine Bewegung, schnell, wie ein Herzschlag.

„Da.“ Mira zeigte auf eine Lücke in der Wand, zu schmal für einen Menschen, aber breit genug für ein Buch. „Da ist es.“

Lira trat näher, aber ihre Hand blieb in der Luft hängen. „Das… das ist kein Eingang. Das ist ein Mund.“

Cassian trat hinter sie. „Der Mund der Stadt.“

Lira spürte, wie sich etwas in ihr bewegte — nicht nur ihre Hände, sondern etwas Tieferes. Etwas, das sie nicht kontrollieren konnte. Etwas, das sie schon kannte, bevor sie es je gesehen hatte.

Dann hörte sie es.

Ein Geräusch. Metall auf Stein. Schritte.

„Sie kommen.“ Cassian zog Lira zurück, aber es war zu spät. Die Wachen hatten sie gehört.

Lichter blitzten in der Ferne, kalt und grell. Die Treppe war nicht mehr der einzige Weg. Jetzt gab es nur noch einen.

Und der führte nach oben.

Die Lichter kamen näher, scharf und kalt wie Messer. Lira spürte Cassians Hand an ihrem Rücken, drängend, aber nicht brutal. Mira blieb regungslos, als hätte sie diese Sekunde seit Jahren erwartet. Die Wachen würden in dreißig Sekunden da sein. Vielleicht weniger.

„Da lang.“ Mira deutete auf eine Ritze im Mauerwerk, so schmal, dass sie wie ein Narbenstrich aussah. „Die letzte Kammer. Die, die sie nicht finden wollen.“

Lira zögerte. Ihr Puls hämmerte in ihren Schläfen, ein dumpfer Rhythmus, der nach Blut schrie. „Und wenn da nichts ist?“

„Dann stirbst du.“ Mira klang nicht traurig. Nur müde. „Aber dann stirbst du wissend.“

Cassian packte Liras Arm. „Beweg dich.“ Seine Stimme war ein Flüstern, aber seine Finger gruben sich in ihr Fleisch, als wollte er sie mit Gewalt vorwärtsziehen.

Die Ritze war zu eng für ihre Schultern. Lira musste sich seitlich durchwinden, Millimeter für Millimeter, während die Kälte der Steine sich in ihre Haut fraß. Irgendwo hinter ihr hörte sie das Klirren von Waffen, gedämpft, aber unüberhörbar. Die Wachen waren da.

Dann — Stille.

Lira erreichte eine Kammer, die kein Licht hatte, nur einen Hauch von Feuchtigkeit in der Luft. Die Wände waren nicht glatt, sondern voller Vertiefungen, als hätte jemand versucht, sie zu lesen, ohne die Antwort zu finden. In der Mitte, auf einem Podest aus demselben grauen Stein, lag ein Objekt: ein Kasten, nicht größer als eine Schuhschachtel, bedeckt mit einer Schicht aus Staub, der sich wie Puderzucker über die Kanten legte.

„Das ist es.“ Mira trat ein, als gehöre ihr das Recht, hier zu sein. Als gehöre sie hierher.

Lira wollte nach dem Kasten greifen, doch ihre Hand blieb in der Luft hängen. Etwas hielt sie zurück — nicht nur die Kälte, nicht nur die Angst. Es war, als hätte die Kammer selbst Atem geholt, und jetzt würde sie ihn wieder ausstoßen.

„Lira.“ Cassians Warnung war kaum mehr als ein Hauch. „Berühre es nicht.“

„Warum nicht?“

„Weil es dich benutzt.“

Der Kasten vibrierte. Nicht wie ein lebendiges Ding, nicht wie ein Motor — wie etwas, das sich an etwas anderes klammerte. An sie.

Lira spürte es in ihren Zähnen, in ihrem Magen, in den Adern an ihren Handgelenken. Eine Sprache, die nicht gesprochen, sondern gefühlt wurde. Worte, die kein Mund geformt hatte, die direkt in ihr Gehirn krochen wie Würmer.

Du hast nach mir gesucht. Du hast mich gefunden. Jetzt bin ich in dir.

Mira trat näher, ihr Blick auf den Kasten gerichtet, als wäre er das Einzige in diesem Raum, das real war. „Es ist kein Archiv. Es ist ein Tor.“

„Ein Tor wozu?“

„Dorthin, wo die Stadt sich selbst vergisst.“ Mira hob eine Hand, als wollte sie den Kasten öffnen, doch sie zögerte. „Dorthin, wo die wahren Sprachen noch sprechen.“

Lira wollte fragen, was das bedeutete. Ob sie zurückkehren würde. Ob sie jemals wieder dieselbe sein könnte. Aber die Worte blieben ihr im Hals stecken, erstickt von etwas, das sich wie Eis anfühlte.

Dann — ein Geräusch.

Metall auf Stein. Schritte.

Die Wachen.

Cassian riss Lira vom Podest. „Jetzt.“

Mira war schon bei der Ritze, ihr Körper ein Schatten, der sich durch die Engstelle zwängte. Cassian folgte, sein Atem schwer, als würde er jeden Moment zusammenbrechen. Lira zögerte, ihre Finger um den Kasten geklammert, als könnte sie ihn mitnehmen, wenn sie ihn nur fest genug hielt.

„Lira!“ Cassians Stimme war ein Knurren, mehr animalisch als menschlich. „Beweg dich!“

Die Lichter blitzten in der Kammer auf, grell und unerbittlich. Die Wachen hatten die Ritze entdeckt. Sie waren nah.

Lira ließ den Kasten los.

Ein Schrei riss durch den Raum — nicht von ihr, nicht von Cassian, nicht von Mira. Es war ein Geräusch, das kein Mensch gemacht hatte, etwas zwischen einem Stöhnen und einem Lachen, als würde etwas aufwachen.

Dann war der Kasten fort.

Und die Kammer verschluckte sie.

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