Die Frau im Spiegel — Lira versucht, ihre Erinnerungen zurückzugewinnen.
Kapitel 11 – Szene 1
Die Wände des Hauses waren nicht wie die anderen in dieser Stadt. Sie waren nicht aus kaltem Stein, nicht aus dem glatten Metall, das die Regierung vorschrieb. Hier roch es nach altem Holz, nach Staub, nach etwas, das lange nicht mehr sauber gewesen war. Lira stand in der Mitte des Raumes, die Hände zu Fäusten geballt, als könnte sie die Erinnerungen, die in ihr hingen, durch reine Willenskraft herausreißen.
„Es ist Zeit, Lira.“
Die Stimme kam von der Tür, tief und bekannt. Cassian lehnte dort, ein Schatten im Halbdunkel, seine Augen auf sie gerichtet, als wartete er darauf, dass sie sich umdrehte. Sie tat es nicht. Sie konnte nicht.
„Warum jetzt?“, fragte sie, ohne sich zu bewegen. „Warum nicht früher?“
Cassian trat näher, seine Schritte hallten nicht, als wäre der Raum zu groß für ihn. „Weil du es selbst wissen willst. Du hast lange genug gelogen.“
Seine Worte trafen sie wie ein Schlag. Sie wusste, dass er recht hatte. Sie hatte gelogen, sich selbst, der Stadt, allem. Aber das zuzugeben — das war das Einzige, was sie noch hatte.
„Was, wenn ich mich nicht erinnere?“, flüsterte sie. „Was, wenn alles weg ist?“
Cassian trat noch einen Schritt näher. „Dann erfindest du es neu.“
Die Stille, die folgte, war schwer, fast greifbar. Lira spürte, wie etwas in ihr zuckte, als würde etwas an der Oberfläche kratzen, bereit, hervorzubrechen. Sie schloss die Augen, konzentrierte sich auf das Gefühl — das Kratzen, das Pochen, das Drücken.
Und dann, ganz plötzlich, ein Bild.
Es war so klar, als würde es direkt hinter ihren Lidern projiziert. Sie sah sich selbst, jünger, in einem Raum, der diesem ähnlich war, aber nicht. Die Wände waren bedeckt mit etwas, das wie Tinte aussah, aber lebendig war, pulsierend. Sie hielt eine Feder in der Hand, und ihre Finger zitterten, als würde sie etwas Schreckliches tun.
„Lira.“
Cassians Stimme riss sie aus dem Bild. Sie öffnete die Augen, und für einen Moment war sie nicht mehr sicher, ob sie nur geträumt hatte oder ob das Bild noch da war, versteckt in den Ecken ihres Verstandes.
„Was war das?“, fragte sie, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern.
Cassian sah sie an, und in seinen Augen lag etwas, das sie nicht deuten konnte — Mitleid? Erkennen? „Das ist der Anfang.“
Lira spürte, wie etwas in ihr aufstieg, etwas, das sie lange unterdrückt hatte. Es war nicht nur Erinnerung — es war etwas Größeres, etwas, das sie nicht mehr stoppen konnte.
Und sie wusste: Es gab kein Zurück mehr.
Die Tür knarrte, als sie sie aufstieß, und Lira zuckte zusammen. Das Geräusch war zu laut in dieser Stille, zu greifbar. Sie stand auf dem Bürgersteig, die Hände in den Taschen ihrer abgetragenen Jacke vergraben, und starrte die Gruppe von Menschen an, die sich vor dem kleinen Café versammelt hatte. Sie kannten sie. Nicht als Lira — nicht mehr. Sondern als die Frau, die sie gesucht hatte.
„Du bist es“, sagte ein Mann, ein Wächter in der Maske, die sie alle trugen. Seine Stimme war ruhig, aber unter der Oberfläche lag etwas, das sie kannte: die Kälte, die sie einst selbst in sich getragen hatte.
Lira wollte weggehen. Sie wollte die Tür hinter sich zuknallen und weglaufen, bevor sie begann zu zittern. Aber sie blieb stehen. Weil sie wusste, dass sie es ihnen sagen musste. Dass sie es der Stadt sagen musste.
„Es ist keine Stadt“, begann sie. Ihre Stimme war zu leise, zu zögerlich. Sie klang, als würde sie gleich aufhören zu sprechen. „Es ist ein Kloster. Wir alle sind ihnen etwas schuldig.“
Die Menschen um sie herum schwiegen. Sie wussten, was sie meinte. Sie hatten es immer gewusst.
„Die Flüsse“, sagte eine Frau, eine der Wachen, die sie früher gewesen war. „Die Boote, die schwimmen, nicht segeln.“
Lira nickte. „Und die Tinte. Sie ist lebendig. Sie erinnert sich.“
Eine der Wachen, eine, die sie nicht kannte, trat näher. „Was willst du?“
Lira atmete tief ein. „Ich will, dass sie es hören. Ich will, dass sie sich erinnern.“
Die Wachen schwiegen. Sie wussten, was das bedeutete. Sie wussten, dass es gefährlich war.
„Warum jetzt?“, fragte der Mann in der Maske. „Warum nicht früher?“
Lira blickte auf die Menschen, die sie umringten. Sie sah die Masken, die Hände, die sich unbewusst zu Fäusten ballten. „Weil ich mich jetzt erinnere. Und ich kann nicht mehr wegschauen.“
Die Stille, die folgte, war so schwer, dass Lira das Gefühl hatte, sie würde sie erdrücken. Sie spürte, wie die Erinnerung in ihr aufstieg, wie etwas, das sie lange unterdrückt hatte, nun an die Oberfläche drängte. Es war nicht nur eine Erinnerung — es war etwas Größeres, etwas, das sie nicht mehr stoppen konnte.
„Lira.“
Die Stimme kam von hinten, tief und bekannt. Sie drehte sich um und sah Cassian, der im Schatten einer engen Gasse stand. Seine Augen waren kalt, aber sie waren auch auf sie gerichtet, als würde er auf etwas warten.
„Geht“, sagte er. „Jetzt.“
Lira zögerte. Sie wusste, dass er recht hatte. Sie wusste, dass sie gehen musste, bevor es zu spät war. Aber sie konnte nicht. Nicht ohne es ihnen zu sagen. Nicht ohne es der Stadt zu sagen.
„Was ist das hier?“, fragte sie, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern.
Cassian trat näher. „Eine Stadt, die sich selbst vergisst.“
Lira spürte, wie etwas in ihr zuckte, als würde etwas an der Oberfläche kratzen, bereit, hervorzubrechen. Sie schloss die Augen, konzentrierte sich auf das Gefühl — das Kratzen, das Pochen, das Drücken.
Und dann, ganz plötzlich, ein Bild.
Es war so klar, als würde es direkt hinter ihren Lidern projiziert. Sie sah sich selbst, jünger, in einem Raum, der diesem ähnlich war, aber nicht. Die Wände waren bedeckt mit etwas, das wie Tinte aussah, aber lebendig war, pulsierend. Sie hielt eine Feder in der Hand, und ihre Finger zitterten, als würde sie etwas Schreckliches tun.
„Lira.“
Cassians Stimme riss sie aus dem Bild. Sie öffnete die Augen, und für einen Moment war sie nicht mehr sicher, ob sie nur geträumt hatte oder ob das Bild noch da war, versteckt in den Ecken ihres Verstandes.
„Was war das?“, fragte sie, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern.
Cassian sah sie an, und in seinen Augen lag etwas, das sie nicht deuten konnte — Mitleid? Erkennen? „Das ist der Anfang.“
Lira spürte, wie etwas in ihr aufstieg, etwas, das sie lange unterdrückt hatte. Es war nicht nur Erinnerung — es war etwas Größeres, etwas, das sie nicht mehr stoppen konnte.
Und sie wusste: Es gab kein Zurück mehr.
Kapitel 11 – Szene 2
Die Tinte an den Wänden floss nicht mehr.
Lira presste die Handfläche gegen die Wand, als könnte sie die Feuchtigkeit spüren, die nicht mehr da war. Die Schrift hatte sich zurückgezogen, als hätte sie sich in Lira selbst verborgen. Sie atmete schwer. Die Luft im Raum war dick, als würde sie jeden Moment ersticken.
Das ist das Archiv.
Cassian stand ein paar Schritte entfernt, die Hände in den Taschen seines Mantels. Sein Gesicht war im Halbdunkel kaum zu erkennen, nur die Contouren der Narbe über seiner Augenbraue stachen hervor. Er sagte nichts.
Wo ist Mira?
Die Frage brannte in Liras Kehle. Sie hatte Mira nicht gesehen, seit sie das Café verlassen hatten. Seit sie in die Gassen runtergestiegen waren, wo die Wachen auf sie gewartet hatten. Seit sie —
Lira schloss die Augen. Das Bild war noch da. Das Bild von ihr selbst, jünger, in diesem Raum. Die Feder in ihrer Hand. Die Tinte, die sie nicht geschrieben hatte, sondern die sich von selbst bewegt hatte.
„Das ist der Anfang.“
Cassians Stimme hallte in ihrem Kopf nach. Sie öffnete die Augen wieder.
Die Wände waren leer. Nur noch ein paar blasse Risse, wo die Tinte gewesen war. Wie Narben.
Sie haben es gefunden.
Die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag. Die Regierung. Die Wachen. Sie hatten das Archiv gefunden. Sie hatten es zerstört. Oder —
Lira trat näher an die Wand. Ihre Finger zitterten. Sie presste sie gegen die Oberfläche.
Da.
Ein winziger Fleck. Fast unsichtbar. Aber die Tinte war noch da. Lebendig. Pulsierend.
Lira folgte dem Fleck mit dem Blick. Er führte sie nach unten, zu einem Spalt im Boden, so schmal, dass er kaum zu sehen war. Sie kniete sich hin, spürte den kalten Stein unter ihren Knien.
Was, wenn es noch mehr gibt?
Die Frage formte sich in ihrem Kopf, bevor sie sie aussprechen konnte. Cassian drehte sich zu ihr um. Seine Augen waren kalt, aber nicht feindselig. Nur — wartend.
„Lira.“
Seine Stimme war ein Warnsignal. Sie wusste, was er dachte: Das ist eine Falle.
Aber sie konnte nicht zurück. Nicht jetzt. Nicht, wenn es noch etwas zu retten gab.
Sie streckte die Hand aus, berührte den Spalt. Die Tinte zuckte unter ihrer Haut, als würde sie sie erkennen.
„Geht.“
Cassians Stimme klang weiter weg, als wäre er schon am Rand der Tür. Sie ignorierte ihn.
Ihre Finger glitten in den Spalt. Sie spürte, wie etwas — etwas Weiches, Lebendiges — sich unter ihrer Berührung bewegte. Wie eine Hand, die sich in ihre eigene legte.
„Lira!“
Diesmal klang seine Stimme schärfer. Sie zuckte zusammen, aber sie ließ nicht los.
Die Tinte floss nicht mehr an der Wand entlang.
Sie floss in sie.