Der Atem der Leere — Lira, Mira und Cassian erreichen das Archiv und müssen es stehlen.
Szene 1 – Die Archivarin der verlorenen Sprachen
Die Tinte schrie.
Lira presste eine Hand gegen ihre Schläfe, als der Schmerz durch ihre Knochen jagte, heiß wie geschmolzenes Blei. Vor ihr lag das Archiv — oder was davon noch übrig war. Ein Stapel zerfetzter Seiten, durchtränkt mit der gleichen warmen, pulsierenden Tinte, die sie einst im ganglosen Labyrinth gesehen hatte. Sie roch Metall und verbranntes Holz. Cassian stand hinter ihr, regungslos, die Waffe in seiner Hand nicht auf die Wachen gerichtet, sondern auf den Boden. Mira war verschwunden.
Wo ist sie?
Die Frage formte sich in Liras Gedanken, bevor sie sie aussprechen konnte. Sie hatte auf Mira gewartet, aber Mira war einfach gegangen. Ihre Schritte waren nicht hallen geblieben. Kein Aufruhr, kein Zuruf — nur Stille.
Flucht.
Das Wort brannte in Liras Hirn. Nicht nur das Wort. Die Erinnerung. Sie hatte es gesagt. Nicht in diesem Raum. Nicht in dieser Zeit. Aber irgendwo. Irgendwann. Und jetzt, wo die Wachen näher kamen, wo die Tinte auf den Seiten zuckten wie lebendige Adern, zwang sie sich, die Hände zu bewegen. Die Seiten zu berühren.
Ihre Finger zitterten.
Die Tinte an ihrer Haut. Sie spürte es sofort — das Kribbeln, das nicht von der Haut kam, sondern von tiefer unten. Von einem Ort, an dem sie sich nicht erinnern wollte, aber der sie trotzdem kannte. Die Seiten vibrierten unter ihren Fingern, als würde die Tinte sie erkennen. Als würde sie ihr Namen kennen.
Du warst diejenige, die sie gesucht hat.
Die Stimme kam von überall und nirgendwo. Nicht Cassians Stimme. Nicht die Stimme der Wachen, die näher kamen. Eine Stimme, die aus dem Archiv selbst zu kommen schien, aus den Seiten, aus der Tinte, aus den Wänden, die sich zu schließen begannen, als würden sie sie verschlucken.
Lira presste die Zähne zusammen. Sie würde nicht schreien. Sie würde nicht weinen. Sie würde —
Cassian.
Seine Stimme. Plötzlich. Nicht lauter als die andere, aber schärfer. Rauer. Als würde er sie aus einem Traum reißen.
Lira. Wir haben keine Zeit.
Sie blinkte. Die Wände waren näher. Die Seiten in ihren Händen glühten jetzt. Nicht von außen. Von innen. Die Tinte fraß sich in das Papier, als würde sie sich in Liras Richtung bewegen, als würde sie sich ihr anpassen.
Lira.
Cassian packte ihren Arm. Nicht sanft. Nicht brutal. Nur... bestimmt. Seine Hand war warm. Seine Augen waren kalt.
Kopiere. Jetzt.
Sie verstand nicht. Aber sie wusste, was er meinte. Das Archiv. Das wahre Archiv. Nicht die Seiten vor ihr. Die andere Sprache. Die, die nur Cassian noch sprechen konnte.
Cassian —
Jetzt.
Er ließ sie los. Seine Finger glitten über die Seiten, als würde er nach etwas suchen. Etwas, das nicht da war. Etwas, das nur er sah.
Lira atmete tief ein. Ihre Hände zitterten immer noch, aber das Zittern war anders geworden. Nicht mehr Angst. Nicht mehr Verzweiflung. Sondern... etwas, das wie Entschlossenheit roch. Wie brennendes Papier.
Sie begann zu schreiben.
Die Tinte fraß sich in ihre Finger, als sie weiter schrieb. Nicht die Tinte der Seiten — die war statisch, tot. Die andere. Die, die in ihr pulsierte, wenn sie zu lange hinsah. Die, die Cassian ihr gezeigt hatte, als er ihr die Sprache der Stadt beigebracht hatte. Die, die sie nicht wollte. Falsch. Die Stimme. Nicht Liras. Nicht Cassians. Die Stimme, die aus dem Archiv kam, wenn sie es berührte. Die Stimme, die wusste, was sie nicht wusste.
Du denkst, du schreibst. Aber du sprichst nur nach.
Lira presste die Lippen zusammen. Ihre Hand move sich von selbst. Die Feder über das Papier, die Tinte, die sich in Schwarz verwandelte, wenn sie sie berührte. Nicht wortwörtlich. Die Worte blieben. Aber die Bedeutung — die veränderte sich.
Die Chronik ist nicht in den Seiten. Sie ist in dir.
Cassian stand nicht mehr hinter ihr. Er war weg. Einfach so. Kein Wort. Kein Kampf. Nur das Klirren von Metall, als eine der Wachen fiel.
Cassian.
Keine Antwort.
Lira schrieb weiter. Ihre Hand zitterte nicht mehr. Sie war ruhig. Zu ruhig. Als würde etwas anderes sie führen.
Die Chronik ist nicht in den Seiten. Sie ist in dir.
Die Worte formten sich in ihrem Kopf, bevor sie sie aufschrieb. Nicht ihre eigenen. Nicht Cassians. Die der Stadt. Die der Wachen. Die der Frau, die sie einst gewesen war.
Du warst diejenige, die sie gesucht hat.
Die Tinte auf dem Papier glühte. Nicht warm. Kalt. Wie die Augen der Wachen, die näher kamen. Die sie nicht sahen. Nicht wirklich. Sie sahen nur die Archivarin. Diejenige, die die Chronik trug.