Chapter 7
Kapitel 7 — Szene 1
Die Tür, die sich selbst geschlossen hatte, war keine Tür mehr. Elara stand im Korridor, die Hand immer noch am Griff, doch das Material hatte sich verändert — nicht zu Holz, nicht zu Metall, sondern zu etwas, das kein Material war. Es floss, ohne zu fließen, wie Wasser, das sich weigert, zu tropfen. Die Farbe war weg, die Rillen, alles. Nur eine glatte, schimmernde Fläche, als hätte jemand einen Spiegel in den Korridor gestellt und ihn dann gelöscht.
Löschen. Das Wort kam ihr nicht in den Kopf, es kam von irgendwo anders. Von den Wänden. Von ihrem eigenen Atem. Sie trat einen Schritt zurück, dann noch einen. Ihre Füße berührten nichts, was sie kannte — kein Kiesel, kein Staub, kein Boden. Nur dieses... Fehlen. Als stünde sie auf der Oberfläche eines Sees, der unter ihr gefroren war, aber der Frost so dünn war, dass sie durch ihn hindurchsehen konnte, in die Tiefe, die immer tiefer ging und nie aufhörte.
Lara Vey. Die Stimme kam nicht von vorne. Sie kam von überall. Von den Büchern, die sie noch nicht gesehen hatte, von den Wänden, die sie noch nicht betreten hatte, von ihrem eigenen Herz, das sie nicht mehr als ihr eigenes erkannte.
Du standest schon hier.
Die Stimme war nicht mehr ein Flüstern. Sie war direkt in ihrem Kopf, so klar, als würde jemand ihre Gedanken aussprechen, während sie sie dachte.
Elara. Elara Vey. Lara. Lara Vey. Elara.
Die Namen wiederholten sich, scharf, wie Messer, die sich in ihre Schläfen gruben.
Du hast deine eigene Stimme vergossen.
Plötzlich bewegten sich die Wände. Nicht wie Bücher, die sich öffneten oder schlossen. Nicht wie die lebendigen Bände, die sie in den unteren Ebenen gesehen hatte. Die Wände atmeten. Sie dehnten sich aus, dann zusammen, wie ein Organ, das sich selbst betastete. Die Risse, die sie noch nicht bemerkt hatte, wurden sichtbar — feine, glänzende Linien, die sich wie Adern über das gesamte Raumnetzwork ausbreiteten.
Komm näher.
Elara gehorchte. Ihre Füße schwebten über dem Boden, der nicht mehr Boden war, sondern nur noch der Schein von einem. Sie trat durch die Wand, ohne zu wissen, dass es eine war — sie trat hinauf, in eine Tiefe, die nicht Tiefe war, sondern nur noch das, was kam, wenn man aufhörte, nach unten zu gehen.
Der Raum, in den sie trat, war kein Raum. Es gab kein Oben, kein Unten, kein Vorne, kein Hinten. Nur Bücher. Bücher überall. Nicht auf Regalen. Nicht auf Tischen. Sie waren der Raum. Sie füllten ihn aus, wie Wasser einen Ozean füllt, aber dieses Wasser hatte Seiten, Titel, Kapitel, Worte, die sich bewegten, ohne dass etwas sie berührte.
Und zwischen den Büchern —
war Stille. Nicht die Stille, die Elara kannte. Nicht das Fehlen von Geräuschen. Nicht das Schweigen, das man in einer Bibliothek erwartete, wenn man die Augen schloss. Das hier war Stille, als wäre der Raum selbst ein Atemzug, der angehalten hatte. Als wäre alles, was es je gegeben hatte, in diesem Moment erstarrt, um zuzuhören.
Und Elara war nicht mehr Elara. Sie war nicht mehr Lara. Sie war das, was zwischen beiden lag. Sie spürte es in ihren Knochen, in der Art, wie ihre Lunge sich dehnte, wenn sie einatmete — nicht um Luft zu holen, sondern um etwas zu fühlen, das nicht Luft war. Etwas, das nicht Lunge brauchte, um zu existieren.
Die Bücher um sie herum bewegten sich. Nicht wie die lebendigen Bände, die sie in den unteren Ebenen gesehen hatte. Die atmeten. Die sich wie Wasser wellten, wenn man sie berührte. Die hier sprachen. Ihre Seiten blätterte sich selbst, als würden unsichtbare Hände die Blätter umdrehen. Die Titel changeden sich, als würden sie sich erinnern. Die Worte verschoben sich, nicht wie Tinte auf Papier, sondern wie Gedanken, die sich neu ordnen, wenn man sie laut ausspricht.
Du bist das.
Die Stimme war nicht mehr ein Flüstern. Sie war nicht mehr Magnus’. Sie war nicht mehr ihre eigene. Sie war das, was zwischen den Worten war, wenn sie sich trafen.
Du bist das, was die Bücher forgotten haben.
Ein Buch, das direkt vor ihr schwebte, öffnete sich. Nicht wie ein Buch, das man aufschlug. Es i opened, als würde es sich selbst entfalten, wie eine Blume, die sich dem Licht zuwendet. Die Seiten waren nicht aus Papier. Sie waren aus demselben Stoff wie die Wände — glänzend, fast durchsichtig, mit feinen, pulsierenden Adern, die sich wie Nerven durch das gesamte Buch zogen. Und die Tinte? Es gab keine Tinte. Es gab nur Abwesenheit. Die Seiten waren leer. Aber die Leere war nicht leer. Sie war voll. Voll von etwas, das nicht da war, wenn man hinsah, aber da war, wenn man nicht hinsah.
Schau.
Die Stimme war nicht mehr in ihrem Kopf. Sie war überall. In den Wänden. In den Büchern. In der Luft. In dem, was sie atmete.
Elara gehorchte. Sie schloss die Augen. Und als sie sie wieder öffnete, sah sie —
— nichts. Aber sie fühlte. Sie fühlte, wie etwas in ihr wuchs. Etwas, das nicht sie war, aber auch nicht fremd. Etwas, das sie war, bevor sie gelernt hatte, wer sie sein sollte. Sie fühlte, wie die Bücher sich bewegten, als würden sie auf etwas reagieren, das sie nicht sehen konnte. Sie fühlte, wie die Wände atmeten, als wären sie lebendig. Und sie fühlte, wie etwas in ihr aufstieg. Etwas, das nicht ihr Herz war. Etwas, das nicht ihre Lunge war. Etwas, das tiefer war, als sie je geglaubt hatte, dass es in ihr gab.
Die Stille.
Die Stimme war nicht mehr ein Flüstern. Sie war ein Befehl.
Du musst sie hören.
Elara spürte, wie sich ihre Pupillen weiteten, bis sie nicht mehr sie waren. Sie spürte, wie ihre Finger sich krümmten, als würden sie etwas greifen, das nicht da war. Sie spürte, wie etwas in ihr aufstieg, etwas, das nicht sie war, aber auch nicht fremd — etwas, das sie war, bevor sie gelernt hatte, wer sie sein sollte.
Lara Vey.
Die Worte kamen nicht mehr von Magnus. Sie kamen nicht mehr von der Stimme. Sie kamen von irgendwo anders. Von den Büchern. Von der Luft. Von ihrem eigenen Atem.
Du warst das.
Magnus’ Hand — oder was einst eine Hand gewesen war — hob sich. Langsam. Als würde er etwas berühren, das nicht da war.
Die Stille. Du bist die Stille.
Elara spürte, wie etwas in ihr brach. Nicht wie Glas. Nicht wie Fleisch. Sondern wie eine Lüge, die endlich hörbar wurde.
Du hast gelogen. Das ganze Leben. Nicht nur heute. Nicht nur gestern. Seit du sechs warst.