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Chapter 6 Revised 1,272 Words

Chapter 6

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Kapitel 6 — Szene 1

Die Tür war nicht da. Nicht, weil sie nicht vorhanden wäre, sondern weil sie sich weigerte, gesehen zu werden. Elara stand im Gang, die Hand schon am Griff, doch das Metall fühlt sich falsch an — zu kalt, zu glatt, als gehöre es nicht hierher. Sie zieht. Die Tür öffnet sich, obwohl sie verschlossen war. Kein Klicken, kein Widerstand. Nur Stille.

Sie betritt den Lesesaal.

Die Luft ist dick. Nicht wie in einem Raum, der voll ist, sondern wie in einem, der leer ist und trotzdem etwas enthält. Etwas, das atmet. Elara spürt es sofort: ihre Lunge zieht sich zusammen, als würde sie gegen einen unsichtbaren Druck kämpfen. Ihre Finger krallen sich in den Ärmel ihres Kleides, als könnte sie sich so festhalten.

Der Raum ist ein Kreis. Nein — nicht nur ein Raum. Ein Kreuz. Vier Wände, vier Ecken, aber die Wände sind nicht aus Stein oder Holz. Sie bestehen aus Büchern. Nicht aufgestapelt, nicht an der Wand — sie sind die Wand. Hunderte, tausende Bücher, eng aneinandergedrückt, als wären sie lebendig und würden sich gegenseitig stützen. Die Einbände glänzen nicht. Sie sind nicht aus Leder, nicht aus Stoff. Sie sind aus —

Stille.

Elaras Augen verengen sich. Der Einband des Buches in ihrer Hand ist nicht schwarz. Er ist abwesend. Wie die Lücke zwischen zwei Atemzügen. Die Buchrücken sind nicht gerade, sie wogen, als würden sie sich im Takt eines unsichtbaren Windes beugen. Und zwischen den Büchern — zwischen den Lücken — flüstert es.

Nicht aus den Büchern. Aus der Luft.

Du lügst wieder.

Die Stimme ist nicht laut. Sie ist präzise. Wie ein Messer, das sich in ihr Fleisch schneidet. Elara erstarrt. Sie weiß, dass sie lügt. Sie weiß es. Aber das hier ist anders. Das hier ist keine Anklage. Das hier ist eine Beobachtung. Eine simple Feststellung, als würde jemand sagen: Der Himmel ist blau. Die Erde ist rund. Und du lügst.

Sie dreht sich langsam um. Niemand da. Nur die Bücher. Nur die Stille.

Warum?

Keine Antwort. Nur das Flüstern, das sich in ihr eigenes Atmen mischt. Ihr Herzschlag wird unregelmäßig. Sie spürt es — nicht in den Ohren, nicht in der Brust, sondern hinter den Augen. Ein Druck, als würde etwas dort wachsen.

Sie geht tiefer in den Raum. Die Bücher — die Wände — neigen sich leicht, als würden sie sich vor ihr beugen. Nicht aus Respekt. Aus Gier. Als würden sie etwas von ihr wollen.

Dann sieht sie es.

Ein Tisch. Ein einziger Tisch in der Mitte des Kreises. Und auf dem Tisch —

— ein Buch.

Kein Einband. Keine Seiten. Nur eine leere Fläche, die schwebt. Nicht wie Papier. Nicht wie Tinte. Es ist, als würde die Luft selbst fehlen. Ein Loch in der Realität, und dort, wo das Licht hindurchfällt, bildet sich ein Muster — ein Atemzug, der sich formt und wieder auflöst, formt und wieder auflöst.

Das ist kein Buch.

Das bist du.

Die Stimme kommt von überall. Von den Wänden. Von ihrem eigenen Kopf. Von dem schwebenden Nichts auf dem Tisch.

Elaras Hände zittern. Sie will weglaufen. Sie will schreien. Sie will —

atmen.

Sie atmet. Einmal. Zweimal. Langsam. Die Luft füllt ihre Lunge, aber es ist keine frische Luft. Es ist abwesend. Wie die Tinte im Buch. Wie der Raum zwischen den Wörtern.

Spürst du es?

Die Stimme ist jetzt nicht mehr ein Flüstern. Sie ist ein Aufforderung. Ein Befehl. Etwas in Elara reagiert.

Das da. Das, was fehlt.

Sie schließt die Augen. Ihre Hände heben sich von selbst. Sie strecken sich aus — nicht zum Buch, nicht zur Stimme, sondern in die Stille.

Atme.

Sie atmet. Nicht mit der Lunge. Nicht mit dem Mund. Mit der Leere in ihr.

Etwas bewegt sich.

Das Buch auf dem Tisch — das Nichts — zuckt. Ein Schauer geht durch die schwebende Fläche. Die Luft widersteht, für einen Moment, und dann —

löst sie sich auf.

Ein Wort.

Ein einziger Buchstabe, der in der Leere schwebt, als würde er dort atmen.

L.

Elaras Atem stockt. Nicht aus Angst. Aus Erinnerung.

Lara.

Lara Vey.

Die Stimme lacht. Nicht laut. Nicht fröhlich. Sachlich.

Du hast so lange gelogen, dass du vergessen hast, wie es sich anfühlt, die Wahrheit zu sagen.

Elaras Finger krallen sich in den Stoff ihres Kleides. Sie will schreien. Sie will wissen. Sie will —

atmen.

Sie atmet. Tief. Langsam. Und diesmal —

antwortet die Stille.

Ein second word. Ein second letter.

V.

Elaras Augen öffnen sich.

Das Buch auf dem Tisch ist nicht mehr leer.

Es ist voller Tinte. Nicht schwarz. Nicht durchsichtig. Abwesend.

Und die Worte — die eigenen Worte — bilden sich in der Luft, als würden sie aus dem Nichts selbst gesprochen.

Lara Vey.

Lara Vey war eine Bibliothekarin.

Sie arbeitete in einer Bibliothek, die nicht auf Karten zu finden war.

Sie arbeitete in einer Bibliothek, die nicht für Menschen bestimmt war.

Sie arbeitete in einer Bibliothek, die sie vergisst, sobald sie die Tür öffnet.

Elaras Hände sinken. Nicht, weil sie loslässt. Weil sie erkennt.

Das bist du.

Du warst immer schon hier.

Die Bücher an den Wänden bewegen sich. Nicht alle. Nur einige. Die, die wollen, dass sie sich bewegen. Die Einbände — diese abwesenden Einbände — atmen.

Du lügst wieder.

Elaras Stimme ist ein Flüstern. Nicht aus Angst. Aus Wut.

Ich lüge nicht.

Du lügst, dass du Elara bist.

Elara presste die Lippen zusammen. Ihre Zähne knirschten. Sie hatte sich so lange als Elara Vey gesehen, als Lara, dass sie vergessen hatte, dass es eine andere Version von sich gab. Eine, die —

hier war.

Sie spürte es. Die Stille in ihr. Nicht wie in der Bibliothek. Nicht wie in den Büchern. Sondern in ihr. Ein leerer Raum, der nicht gefüllt werden wollte. Ein Atemzug, der ausblieb.

Atme.

Die Aufforderung kam von überall. Nicht als Befehl. Als Einladung.

Elara gehorchte.

Sie schloss die Augen. Nicht, um sich zu verstecken. Um zu hören.

Und dann —

atmete sie.

Nicht mit der Lunge. Nicht mit dem Mund. Mit dem nichts, das in ihr war.

Die Stille antwortete.

Ein Zittern. Ein Schauer. Das Buch auf dem Tisch — das Nichts — zuckte, als würde etwas hineinwollen.

Lara.

Elaras Augen schnellen auf. Das Wort hing in der Luft, als würde es dort atmen. Sie spürte, wie etwas in ihr bewegte. Nicht ihr Herz. Nicht ihre Lunge. Etwas Tieferes.

Du warst immer schon hier.

Die Bücher an den Wänden bewegten sich. Nicht alle. Nur einige. Die, die wollten, dass sie sich bewegten. Die Einbände — diese abwesenden Einbände — atmeten.

Du lügst wieder.

Elaras Stimme war ein Flüstern. Nicht aus Angst. Aus Wut.

Ich lüge nicht.

Du lügst, dass du Elara bist.

Ich bin Elara!

Elara ist eine Lüge.

Elara spürte, wie etwas in ihr zerriss. Nicht körperlich. Seelisch. Als würde etwas herausreissen, was sie so lange für sich gehalten hatte.

Wer bist du dann?

Die Stimme lachte wieder. Sachlich.

Du bist die, die ich suche.

Elara wollte schreien. Sie wollte laufen. Sie wollte —

wissen.

Wer suche ich?

Die Lara Vey, die du warst.

Die, die du vergessen hast.

Elara spürte, wie etwas in ihr bewegte. Etwas, das so lange still gewesen war, dass sie es nicht mehr erkannt hatte.

Ich erinnere mich.

Die Stimme lachte wieder. Sachlich.

Dann lügst du noch immer.

Elara wollte schreien. Sie wollte laufen. Sie wollte —

atmen.

Und diesmal —

antwortete die Stille.

Ein Wort. Ein einziger Buchstabe, der in der Luft schwebte, als würde er dort atmen.

L.

Elaras Atem stockt. Nicht aus Angst. Aus Erinnerung.

Lara.

Lara Vey.

Die Stille wartete.

Und Elara —

erwachte.

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