Chapter 5
Kapitel 5 – Szene 1
Die Luft im Lesesaal war dick wie flüssiges Blei. Elara spürte sie in ihren Lungen, schwer und unnatürlich, als würde sie nicht atmen, sondern etwas einatmen, das sich weigerte, freizugeben. Ihre Finger krallten sich in den Ärmel ihres Mantels, als könnten sie dort Halt finden. Aber der Mantel war nur Stoff. Der Rest – der Rest war Stille.
Sie hatte es versucht, seit sie den Raum betreten hatte. Sie hatte versucht, die Stimme zu ignorieren. Sie hatte versucht, sich einzureden, dass es nur ihr eigener Geist war, der ihr Tricks spielte. Aber jetzt, wo das tintenlose Buch auf dem Tisch lag, schwebend wie ein Fisch, der sich nicht entscheiden konnte, ob er Wasser oder Luft brauchte, wusste sie: Es gab keine Tricks. Es gab nur sie und das, was sie beobachtete.
Du lügst.
Die Stimme war nicht mehr ein Flüstern. Sie war nicht mehr ein Hauch in ihrem Hinterkopf. Sie war hier. Sie war in ihrem Kopf, als hätte sie immer schon gewartet, versteckt hinter den rationalen Gedanken, die jetzt bröckelten wie Staub.
Elara riss den Blick von dem Buch los und sah sich um. Die Regale um sie herum waren voll, aber die Bücher regten sich nicht. Kein Luftzug, kein Staub, keine Bewegung. Nur das Buch auf dem Tisch, das sich langsam drehte, als würde es sich selbst betrachten.
Weißt du, sagte die Stimme, du hast seit deinem sechsten Lebensjahr gelogen. Du lügst, wenn du sagst, du bist Elara Vey. Du lügst, wenn du sagst, du suchst den Codex Aeternitas. Du lügst, wenn du sagst, du hörst mich nicht.
Elara presste die Lippen zusammen. Ihre Hände zitterten. Sie hatte es versucht. Sie hatte es wirklich versucht. Aber jetzt, wo die Stimme so klar war, so unüberhörbar, wusste sie, dass es keinen Ausweg gab. Nicht hier. Nicht jetzt.
Warum, fragte sie, und ihre Stimme klang fremd, als würde sie durch etwas sprechen, das nicht sie war. Warum jetzt?
Das Buch auf dem Tisch zuckte. Ein schneller, fast schmerzhafter Impuls, als würde es auf etwas reagieren, das sie nicht sehen konnte. Dann, langsam, begann es sich zu öffnen. Nicht mit den Händen. Nicht mit Kraft. Es öffnete sich, als würde es atmen.
Und dann sah sie es.
Die Seite war nicht leer. Nicht wie ein leeres Blatt. Die Tinte war auch nicht abwesend. Sie war anderes. Ein Schimmer, fast wie Licht, aber nicht von dieser Welt. Als würde die Tinte nicht auf dem Papier sein, sondern durch es hindurch, als wäre das Papier nur eine dünne Haut, die etwas verbarg, das viel älter war als die Worte, die es enthielt.
Weil du jetzt bereit bist, sagte die Stimme.
Elara spürte, wie etwas in ihr sich verschob. Nicht ihr Herz. Nicht ihre Lunge. Etwas, das tiefer lag, etwas, das sie noch nie bemerkt hatte, weil es immer schon da gewesen war.
Bereit wofür?
Bereit, zu hören.
Das Buch öffnete sich weiter. Und dann, als würde es warten, als würde es nur auf dieses eine Wort warten, begann es zu sprechen.
Die Worte kamen nicht aus dem Mund des Buches. Sie kamen nicht aus der Stimme in ihrem Kopf. Sie kamen von irgendwo anders, von einem Ort, den Elara noch nie betreten hatte, aber den sie jetzt, in diesem Moment, zum ersten Mal fühlte.
Du, sagte das Buch, gehörst zu mir.
Elara riss die Augen auf. Ihre Hände ballten sich zu Fäusten. Was?
Ich bin die Stille, sagte das Buch. Ich bin das, was zwischen den Wörtern liegt. Ich bin das, was du hörst, wenn du nichts hörst. Ich bin das, was du spürst, wenn du allein bist.
Das… das bin ich nicht, sagte Elara, und ihre Stimme war nur noch ein Hauch. Ich bin nicht die Stille.
Du lügst wieder.
Das Buch schloss sich. Nicht mit einem Knall. Nicht mit einem Aufprall. Es schloss sich, als würde es sich selbst einhüllen, als würde es sich zurückziehen, bevor es zu viel zeigte.
Und dann, als hätte es nie etwas gezeigt, war es wieder nur ein Buch. Ein Buch ohne Tinte. Ein Buch, das schwebte. Ein Buch, das Elara beobachten konnte, ohne dass sie es berühren musste.
Was willst du von mir?
Das Buch schwieg. Aber die Stille um sie herum war nicht mehr still. Sie war voller Antworten. Sie war voller Warnungen. Sie war voller Dinge, die Elara noch nicht wusste, aber die sie bald wissen würde.
Du, sagte die Stimme, bist der Schlüssel.
Elara spürte, wie etwas in ihr sich drehte. Etwas, das sie nicht kontrollieren konnte. Etwas, das sie schon lange nicht mehr kontrollieren konnte.
Welcher Schlüssel?
Der Schlüssel zur Leere.
Und dann, als hätte jemand einen Schalter umgelegt, begann die Stille zu atmen.
Es war kein Atemzug, den Elara kannte. Es war kein Einatmen, kein Ausatmen. Es war etwas, das tiefer ging, etwas, das in ihr selbst begann und sich nach außen ausbreitete, wie eine Welle, die sich durch etwas Unsichtbares bewegte.
Du, sagte die Stimme, bist der Atem der Leere.
Elara schloss die Augen. Sie spürte, wie etwas in ihr sich regte, etwas, das sie nicht benennen konnte, aber das sie jetzt, in diesem Moment, zum ersten Mal fühlte.
Ich… ich verstehe nicht.
Du musst nicht verstehen, sagte die Stimme. Du musst nur hören.
Und dann, als würde die Stille sie einladen, etwas zu tun, das sie noch nie getan hatte, begann Elara zu atmen.
Nicht mit den Lungen. Nicht mit der Brust. Sondern mit etwas, das sie nicht kannte, etwas, das in ihr selbst lag, verborgen, versteckt, aber jetzt, in diesem Moment, bereit, sich zu zeigen.
Atme, sagte die Stimme.
Und Elara tat es.