Die Stimme, die kein Name hat — Elara entdeckt, dass die Stimme in der Stille nicht nur ein Flüstern ist, sondern eine bewusste Entität — etwas, das sie beobachten und manipulieren kann.
Kapitel 4/10 – Szene 1: Der Lesesaal, der atmet
Die Tür schloss sich hinter ihr, als hätte sie es befohlen.
Elara stand in der Mitte des Saals, die Hände noch immer um den Codex Aeternitas geklammert, als könnte sie ihn damit vor sich selbst verstecken. Das Buch war warm. Nicht die Wärme von Papier, sondern etwas Feuchtes, Lebendiges, das sich in ihren Fingern ausbreitete. Sie ließ es los. Es blieb, wo es lag, als wäre es mit dem Boden verwachsen.
Die Regale um sie herum neigten sich leicht vor, als würden sie einen Atemzug halten. Dann stießen sie ihn aus. Ein Flüstern, das nicht von den Lippen kam, sondern von den Seiten, von den Buchrücken, von den Rillen der Folianten, die sich wie Finger krümmten.
Du bist in ihr.
Die Stimme war nicht im Buch. Sie war in Elara.
Sie presste die Hände gegen ihre Schläfen, als könnte sie sie damit herausdrücken. Aber die Stimme war schon drin. Sie kroch unter ihre Haut, in die Poren, in die Stellen, wo sie nicht hingehörte.
„Wer sagt das?“, murmelte sie.
Ich.
Keine Antwort. Kein Satz. Ein concept, eine Gewissheit, die sich in ihr ausbreitete wie Tinte auf nassem Papier.
Elara starrte auf den Boden. Die Buchrücken der anderen Folianten schoben sich langsam auseinander, als würden sie sich für sie öffnen. Sie portionierten sich in Silhouetten, die wie Figuren wirkten, die sich an die Wand drückten, um Platz zu machen.
„Was wollt ihr?“, fragte sie, und ihre Stimme klang fremd in ihren eigenen Ohren.
Die Bücher regten sich nicht. Sie warteten.
Dann begann eines zu rollen. Nicht auf den Boden – es schwebte. Langsam, als würde es von einer Strömung getragen, die es nicht schob, sondern hielt. Es war ein dünnes, abgenutztes Band, das sich wie ein geschliffener Stein anfühlte, wenn sie es berührte. Die Seiten waren nicht gebunden. Die Blätter lagen offen da, als hätte jemand das Buch entwehren lassen, und doch war es ganz.
Elara trat näher. Die Tinte war nicht schwarz. Sie war abwesend. Dort, wo sie hätte sein sollen, war nur ein leichter Schimmer, als würde die Seite durchsichtig, wenn man sie genau betrachtete.
Du weißt, dass es dich beobachten.
„Nein“, sagte sie, und dann: „Ja.“
Das Buch schwebte näher. Sie konnte die Falten sehen, die sich in der Tinte wie Risse im Eis ausbreiteten. Und dann – ein Geräusch. Kein Knistern von Papier, kein Knarren von Holz. Ein Atmen. Langsam, tief, als würde etwas unter ihrer Brust atmen, etwas, das sie nicht kannte.
„Was bist du?“, flüsterte sie.
Das, was übrig bleibt, wenn die Worte sich in Stille auflösen.
Das Buch setzte sich auf ihre Hand. Nicht schwer. Nicht warm. Es fühlte sich an, als würde sie einen Stein halten, der gerade erst aus dem Wasser getaucht war.
Plötzlich zuckte etwas in der Tinte. Ein Muster, das sich formingte, als würde jemand mit einem unsichtbaren Stift schreiben. Worte, die sich in die Lücken der Abwesenheit fügten.
Du trägst sie in dir.
Elara riss die Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt. „Ich? Nein. Ich bin Elara. Ich bin hier, um das Buch zu finden.“
Du lügst.
Das Wort traf sie wie ein Schlag. Sie wich zurück, die Hände ausgestreckt, als könnte sie etwas abwehren, das nicht da war. Die Bücher um sie herum schlossen sich wieder, die Lücken zwischen den Buchrücken füllten sich, als würde etwas in sie zurückströmen.
„Das ist nicht wahr“, sagte sie, und ihre Stimme zitterte.
Doch.
Elara schloss die Augen. Ihre Atemzüge wurden schneller, ungleichmäßiger. Sie spürte, wie etwas in ihr wucherte, wie etwas, das sie nicht kontrollieren konnte, sich gegen ihren Willen regte.
Du weißt es.
„Nein.“ Ihre Finger krallten sich in den Stoff ihres Ärmels. „Ich weiß es nicht. Ich weiß gar nichts.“
Du lügst.
Und dann – Stille.
Nicht die Stille der Bücher. Nicht die Stille der Stadt. Eine andere Stille, die in Elara selbst entstand, als würde etwas in ihr verschließen, etwas, das nicht mehr herausgelassen werden sollte.
Sie öffnete die Augen.
Das Buch lag noch immer auf dem Boden. Die Tinte war wieder abwesend, die Seiten geschlossen. Die anderen Bücher standen regungslos da, als wäre nichts geschehen.
Elara atmete tief ein.
Und dann hörte sie es.
Irgendwo, tief in dieser Dunkelheit, atmete etwas. Langsam. Absichtlich.
Und es war nicht ihr Atem.