Die erste Frage, die ich nie gestellt habe — Einstieg in Claras Welt — stille, medizinisch präzise, mit der Last der Fragen, die sie nie stellt.
Szene 1
Claras Büro roch nach Kaffee und altem Papier. Der erste Schluck des ätzwassrigen Aufgusses brannte nicht mehr, nicht wie früher, als sie noch achtete, als gäbe es genug Zeit. Jetzt war es Routine. Eine Routine, die sie selbst nicht mehr spürte, nur noch ausführte.
Sie blätterte den Bericht der Schweigeabteilung auf. Patientin: L. K., 32 Jahre. Seit 1925 keine sprachlichen Äußerungen. Diagnose: funktioneller Mutismus, wahrscheinlich psychogen. Prognose: stabile Remission unwahrscheinlich.
Clara las das Wort psychogen und spürte, wie ihr der Puls in der Halsschlagader zuckte. Psychogen. Ein Wort, das alles auf einmal sagte und nichts.
Seit drei Jahren. Kein Wort. Kein Lachen. Kein Schrei.
Sie legte den Bericht auf den Schreibtisch und strich mit dem Zeigefinger über die Seitenränder. Das Papier war dünn, als könnte man es durchbeißen. Wie die Haut von L. K., die seit Jahren keine Worte hatte, aber vielleicht noch etwas anderes.
Die Uhr über der Tür tickte. Sechs Uhr dreißig. Die Schwestern würden bald kommen, würden die Betten machen, die Medikamente verteilen, die leeren Löffel einsammeln. Die Schweigeabteilung war still, aber nicht tot. Sie war ein Ort, an dem Frauen atmeten, ohne zu sprechen.
Clara stand auf und ging zum Fenster. Draußen lag Berlin in grauer Stille. Kein Geschrei, kein Lachen, nur das dumpfe Dröhnen von irgendwoher, das man nie genau orten konnte.
Was, wenn ich die falsche Diagnose gestellt habe?
Die Frage kam nicht zum ersten Mal. Aber heute klang sie anders. Leiser. Nachdrücklicher.
Sie setzte sich wieder und nahm den Stift. Anmerkung: Langzeitbeobachtung lohnt sich. Eventuell...
Eventuell was?
Sie schrieb nicht weiter. Der Stift lag still auf dem Papier, als hätte er Angst, die Frage zu beantworten.
Dann klopfte es. Einmal. Kurz.
Herein.
Die Tür öffnete sich. Kluge stand da, die Hände in den Taschen seiner Jacke, das Gesicht eine Maske aus höflicher Distanz.
Guten Morgen, Dr. Voss.
Clara nickte. Guten Morgen.
Kluge blieb stehen, als fürchte er, sich zu weit vorzuwagen. Die Patientin K. ist heute Morgen unruhig.
K. Clara nickte. Ich schaue mir das an.
Kluge zögerte, dann: Und die neue Patientin? L. K.?
Die warte ich ab.
Kluge hob eine Augenbraue. Sie glauben, sie könnte sprechen?
Clara sagte nichts. Sie nahm den Bericht und legte ihn in die Schublade.
Ich schaue mir das an, sagte sie leise.
Kluge ging. Die Tür schloss sich mit einem leisen Klick.
Clara blieb sitzen. Die Uhr tickte. Irgendwo in der Schweigeabteilung atmeten Frauen, die stumm waren, aber nicht tot.
Und Clara fragte sich, was sie tun würde, wenn eine von ihnen begann zu schreien.
Szene 2
Der Balkon war eng, nur zwei Schritte breit, flankiert von Ziegelmauern und dem kühlen Metallgeländer. Clara stand dort, eine Hand um das Glas ihres Weines geklammert, den anderen Arm auf dem Geländer abgelegt. Unten: Berlin. Nicht das Berlin der Zeitungen, nicht das der politischen Reden, sondern das Berlin, das nachts in Neon leuchtete — das Schaufenster von KaDeWe, die Laternen am Alexanderplatz, das flackernde Licht eines Kinos an der Ecke. Die Stadt atmete, während Clara nicht atmete. Sie trank. Ein Schluck. Rotwein. Einer der teuren, den Kluge ihr manchmal schickte, wenn er dachte, sie bräuchte einen Grund, um zu lächeln.
Du lächelt nicht mehr, dachte sie, ohne es auszusprechen.
Ihr Blick wanderte von der Stadt zu den Fenstern des Sanatoriums. Das dritte Stockwerk. Die Schweigeabteilung. Die Frauen da drinnen wussten nicht, dass sie beobachtet wurden. Sie wussten nicht, dass Clara manchmal hierherkam, wenn die Visite vorbei war, wenn Kluge schlief, wenn die Schwestern die letzte Runde gemacht hatten und sich auf den Heimweg vorbereiteten. Die Frauen da drinnen wussten nicht, dass Clara sie manchmal durch das Glas betrachtete, ohne dass sie es merkten, weil sie ja stumm waren, ja, aber nicht blind.
Sie trank noch einen Schluck. Der Wein war zu warm. Er schmeckte nach etwas, das sie nicht benennen konnte.
Dann sah sie sie.
Eine Frau. Im dritten Fenster. Nicht im Licht. Im Schatten. Clara hatte sie noch nie gesehen. Nicht wirklich. Nicht so, wie jetzt.
Die Frau stand regungslos da. Nicht wie die anderen, die manchmal vor dem Fenster hin- und herwischten, als würden sie versuchen, etwas zu fassen, das nicht da war. Diese Frau stand. Still. Als würde sie auf etwas warten.
Clara legte das Glas ab. Die Finger umklammerten das Geländer. Sie beugte sich vor, nur ein wenig, aber es war genug, um zu sehen, dass die Frau sie nicht ansah. Sie sah durch sie hindurch, als wäre Clara nur ein Teil des Raumes, nicht mehr.
Was willst du von mir?
Die Frage kam nicht aus Claras Mund. Sie kam aus dem Nichts, aus dem gleichen Nichts, das seit Jahren in den Frauen der Schweigeabteilung lauerte. Clara spürte es. Nicht als Gedanken, nicht als Wort. Sondern als etwas Kälteres. Etwas, das sich wie ein Finger auf ihre Schläfe legte.
Sie ruckte zurück. Ein Schritt. Dann noch einer.
Clara.
Die Stimme war leise. Nicht ihre eigene. Nicht die der Frau im Fenster. Sondern eine dritte Stimme, die aus dem Nichts kam, wie ein Echo, das zu spät kam.
Clara, was machst du hier?
Sie drehte sich um. Kluge stand im Türrahmen. Sein Gesicht war im Halbdunkel nicht zu erkennen. Nur die Silhouette. Die Hände in den Taschen.
Ich...
Ich wollte nur Luft holen.
Kluge trat näher. Nicht zu nahe. Nur genug, um zu sehen, dass ihr die Hände zitterten. Es ist kalt.
Ich weiß.
Und du trinkst allein Wein.
Ja.
Kluge zögerte. Dann: Die Patientin K. hat heute Nacht geschrien.
Clara spürte, wie ihr der Atem stockte. Nicht weil sie überrascht war. Sondern weil sie wusste, dass das nichts Neues war. Dass Kluge nur wartete, bis sie reagierte.
Und?
Und...
Kluge zuckte mit den Schultern. Sie hat gesagt, sie will nach Hause.
Clara lächelte. Es war kein echtes Lächeln. Es war das Lächeln, das man aufsetzt, wenn man weiß, dass die Wahrheit zu weit weg ist, um sie zu erreichen. Sie sagt das immer.
Aber heute klang es anders.
Clara sagte nichts. Sie sah zurück zum Fenster. Die Frau war noch da. Immer noch. Immer noch still.
Was ist los mit dir, Clara?
Die Frage kam so plötzlich, dass sie zusammenzuckte. Kluge stand jetzt direkt hinter ihr. Seine Stimme war ein Flüstern, nicht mehr eine Frage, sondern eine Feststellung.
Nichts.
Du lügst.
Ich lüge nicht.
Du lügst seit drei Jahren.
Clara drehte sich nicht um. Sie sah weiter in die Dunkelheit. Irgendwo da draußen, in den Straßen, in den Häusern, in den Schatten, schrie eine Frau. Nicht hier. Nicht jetzt. Aber irgendwo.
Ich gehe jetzt ins Bett, sagte sie leise.
Kluge trat näher. So nah, dass sie seinen Atem spürte. Schlaf gut, Clara.
Dann ging er. Die Tür schloss sich mit einem leisen Klick.
Clara blieb noch einen Moment stehen. Sie sah in die Dunkelheit. Sie sah die Frau im Fenster. Sie sah die Stadt, die leuchtete, ohne dass jemand sie ansah.
Dann ging sie zurück ins Zimmer. Zurück in die Stille.
Zurück in die Frage, die niemand beantworten wollte.
Zurück in die Stille zwischen den Schreien.