Die Vermessung der Leere — Lysara und die anderen beginnen, die Stadt zu hacken, aber der Direktor reagiert.
Kapitel 8 – Szene 1
Der Raum roch nach Metall und altem Schweiß. Lysara presste die Handflächen gegen die Wand, als könnte sie sich so daran festhalten, während ihre Finger über die Narben glitten, die sich wie ein Netzwerk in den kühlen Stein gefressen hatten. Das hier ist kein normaler Raum, dachte sie. Die Luft vibrierte unter einer unsichtbaren Spannung, als wäre sie von etwas durchdrungen, das sie noch nicht benennen konnte.
„Kannst du das sehen?“, fragte der Mann mit den Narben. Seine Stimme war rau, als hätte er zu lange in einem Raum ohne Sauerstoff verbracht. Lysara schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Aber ich fühle es.“ Ihre Stimme klang fremd in ihren eigenen Ohren, als gehörte sie jemand anderem.
Die Frau mit den milchigen Augen — nicht Mira — beugte sich über einen Bildschirm, dessen Oberfläche nicht wie Glas, sondern wie flüssiges Licht schimmerte. „Die Stadt ist nicht so, wie wir denken“, sagte sie. „Sie ist ein Organismus. Und wir sind ihre Zellen.“
Lysara spürte, wie sich etwas in ihrem Kopf regte, als hätte etwas an der Tür zu ihrem Bewusstsein geklopft. „Was meinst du damit?“
Die ältere Frau, deren Hände Lysaras zuvor berührt hatten, trat näher. „Sie nutzt uns. Unsere Erinnerungen, unsere Träume. Sie formt uns um.“ Ihr Atem war heiß gegen Lysaras Wange. „Aber jetzt...“ Sie grinste, und die Narben um ihren Mund zogen sich zu einem Lächeln, das gleichzeitig triumphierend und wahnsinnig wirkte. „Jetzt hacken wir zurück.“
Die Wände begannen zu flackern. Nicht wie ein defekter Bildschirm, sondern wie ein Lebewesen, das sich in Krämpfen wand. Lysara spürte, wie sich etwas in ihrem Schädel bewegte, ein Klingeln, das tiefer ging als Schmerz, als würde es direkt in ihr Gedächtnis bohren.
„Da ist sie“, flüsterte die Frau. „Die Stadt reagiert. Sie weiß, dass wir hier sind.“
Die Tür vibrierte. Einmal. Zweimal. Dann öffnete sie sich mit einem Zischen, das nicht wie Metall klang, sondern wie Haut, die sich teilt. Lysara spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Das ist kein normaler Eingang.
Jemand trat durch die Tür — oder besser gesagt, etwas. Eine Gestalt, die kein Gesicht hatte, nur eine glatte, blasse Fläche, aus der sich langsam, als würde sie sich durch Flüssigkeit bewegen, eine Narbe bildete. Eine single, zarte Linie, die sich wie eine Frage an Lysaras Stirn schmiegte.
„Du“, sagte die Stimme. Nicht als Frage. Nicht als Warnung. Sondern als Feststellung. „Du hast die Narben.“
Lysara wich einen Schritt zurück. Ihre Finger krallten sich in den Stoff ihrer Jacke. Das ist der Direktor. Sie hatte seine Stimme in ihren Träumen gehört, in den Flüstern der Stadt. Und jetzt stand er hier, direkt vor ihr, als wäre er nie fortgegangen.
„Was willst du?“, fragte der Mann mit den Narben. Seine Stimme war fest, aber Lysara hörte die Angst darunter. Die Angst, die sie alle verspürten.
Der Direktor — oder was auch immer er war — lächelte. Und in diesem Lächeln, das keine Lippen hatte, lag etwas, das Lysara direkt in die Knochen fraß. „Ich will, dass ihr aufhört“, sagte er. „Das ist alles.“
Die Narbe an seiner Stirn pulsierte. Und dann, als würde die Stadt selbst atmen, verschwand er.
Stille.
Lysara starrte auf die leere Tür. Er ist fort. Aber wir haben gerade erst angefangen.
Die Straßen der Stadt leuchten nicht mehr. Sie atmen.
Lysara spürt es zuerst an ihren Handgelenken – ein Ziehen, als würde etwas an ihrer Haut zupfen, unsichtbar, aber so real, dass sie fast schreit. Die anderen sind bereits fort, zurück in den Knoten, wo sie die Mauern hacken, während sie hier, an der Kreuzung, allein steht. Die Luft ist dick, als würde sie durch Sirup gehen, und jedes Mal, wenn sie atmet, schmeckt sie Metall.
Sie hat das Gesicht des Direktors gesehen. Nicht in der Wand, nicht in einem Traum. Es war hier, an dieser Stelle, wo die Straßen sich kreuzen, wo die Nähte der Stadt zu pulsieren begannen. Es war kein Gesicht wie die anderen – es hatte keine Augen, keine Nase, nur eine glatte Fläche, aus der sich langsam, wie durch Wasser, eine Narbe bildete. Eine Frage. An ihre Stirn gerichtet.
Du hast die Narben.
Sie presst die Finger gegen ihre Schläfen. Die Narben sind dort. Sie kennt sie nicht, aber sie fühlt sie – zwei dünne, heiße Linien, die sich in ihren Knochen winden, als würden sie wachsen. Sie hat versucht, sie wegzuwaschen, aber das Wasser wurde kalt und klumpig, als wäre es kein Wasser, sondern etwas anderes. Etwas, das die Stadt ihr gegeben hatte.
Jetzt ist sie allein. Die anderen sind fort, und die Straßen sind leer. Nicht unsichtbar leer, wie sonst – nein, sie sind voll. Von etwas, das sie nicht benennen kann. Etwas, das sich zwischen den Lichtern bewegt, das sich an den Wänden festkrallt und flüstert.
Wir haben sie gefunden.
Die Stimme kommt nicht aus einer Richtung. Sie kommt aus allen. Aus den Wänden, aus der Luft, aus dem Boden unter ihren Füßen. Lysara spürt, wie sich etwas in ihrem Kopf regt, wie ein Tier, das unter ihrer Haut schlägt.
Lauf.
Sie läuft. Nicht weil sie es befiehlt, sondern weil etwas in ihr es tut. Ihre Beine tragen sie, ohne dass sie nachdenken muss. Die Straßen winden sich hinter ihr, aber sie weiß, dass sie nicht entkommen wird. Die Stadt will, dass sie bleibt. Die Stadt will, dass sie bleibt.
Sie stürzt fast, als sie um die Ecke biegt, und prallt gegen etwas Hartes. Eine Wand. Nicht eine der normalen Wände – diese ist warm. Sie zittert unter ihren Fingern, als würde sie leben. Lysara presst sich dagegen, als könnte die Wand sie schützen, und dann sieht sie es.
Das Gesicht.
Es ist nicht das des Direktors. Es ist ihr Gesicht.
Nicht so, wie sie es in den Spiegeln gesehen hat – nicht so, wie sie sich selbst in den Träumen gesehen hat. Dies ist ein Gesicht, das aus Narben besteht, ein Gesicht, das sich bewegt, als würde es atmen. Es ist ihr Gesicht, aber es gehört nicht ihr. Es gehört der Stadt.
Du bist hier, Lysara.
Die Stimme ist nah. Zu nah. Lysara spürt, wie sich etwas in ihrem Bauch zusammenzieht, etwas, das sie nicht kontrollieren kann. Sie will fliehen, aber ihre Beine gehorchen nicht. Sie will schreien, aber ihre Stimme bleibt stecken.
Wir haben dich gefunden.
Die Narben an der Wand pulsieren. Sie ziehen sich zusammen, als würden sie sie umarmen, als würden sie sie halten. Lysara spürt, wie sich etwas in ihr löst, etwas, das sie nicht festhalten kann.
Lauf.
Sie läuft. Nicht weil sie es will, sondern weil etwas in ihr es tut. Die Straßen sind leer, aber sie sind voll. Von etwas, das sie nicht benennen kann. Etwas, das sich zwischen den Lichtern bewegt, das sich an den Wänden festkrallt und flüstert.
Du kannst nicht entkommen.
Sie rennt, bis ihre Lunge brennt, bis ihre Beine zittern. Sie rennt, bis sie weiß, dass sie verloren ist.
Und dann, als sie sich umdreht, sieht sie es.
Das Gesicht des Direktors.
Es ist nicht mehr eine Narbe. Es ist ein Gesicht. Es hat Augen. Es hat einen Mund. Es hat eine Stimme.
Willkommen, Lysara.
Und sie weiß, dass sie nie gehen wird.